Neue Heimat - Juli 2012

Neue Heimat, Dichtung und Wahrheit aus der Einwanderungszeit. So heisst das Buch von Marta Werner. Es beschreibt das Leben der ersten Familien die den Süden von Chile vor rund 150 Jahren urbar machten. Sie haben eine Landschaft geschaffen, wie wir sie aus Bayern und der Schweiz kennen. Viel Weideland zwischen Wälder, Seen und schneebedeckten Bergen.

 

Nur, die Berge hier gehören zu der Andenkette und allein von unserem Grundstück sehen wir die Kuppen von sechs Vulkanen. Mit einem Tagesausflug können wir im Pazifik schwimmen gehen, vom Fischer die frischen Meeresfrüchte kaufen und sie vor Ort oder am Abend Daheim geniessen.

 

Chile im Südwesten des Südamerikanischen Kontinents, durch die Andengipfel von den Nachbarn abgeschnitten, ist Durchschnittlich nur 180 km breit. Aber durch seine Länge von 4300 km unglaublich vielfältig und kontrastreich in seiner Natur. Während der Kopf in der trockenen Atacamawüste dürstet, frieren die Füsse in der Antarktis. Aufgeteilt ist das Land, von Nord nach Süd, in 12 Regionen.

 

Im Alltag spricht man eher vom grossen Norden mit seinen Stein- und Sandwüsten. Bekannt ist diese Region wegen der Sternwarten, die in der trockensten Wüste der Welt, der Atacama, stehen.

 

Der kleine Norden verändert langsam sein Gesicht von der Strauchwüste zur dichteren Vegetation. Hier werden Kupfer, Gold, Silber und andere Edelmetalle abgebaut.

 

Die Zentralzone ist der am dichtesten besiedelte Teil des Landes mit der Hauptstadt Santiago. Hier wächst, unter anderem, der bekannte chilenische Wein.

 

Im kleinen Süden, wo wir unsere neue Heimat gefunden haben, findet man die grossen Seen, die wichtigsten Flüsse des Landes und schneebedeckte Vulkane in der Andenkette. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebten die Mapuche-Indianer im weitgehend undurchdringlichen Urwald dieser Region.

 

Der grosse Süden schliesslich umfasst Urwälder, Gletscher, schneebedeckte Berge, reissende Bäche, eingeschnittene Fjorde und tausende Inseln.

 

Soweit die Landesbeschreibung in Kurzversion.

 

Im Reisebericht vom Juni 2010 habe ich beschrieben, wie wir zu unserem Grundstück gekommen sind. Heute will ich nicht berichten von all den Problemen, Ängsten und schlaflosen Nächten die uns im Folgejahr begleitet haben. Nichts von den Nerven- und zeitraubenden Behördengängen. Den heissen Diskussionen mit den Handwerkern und immer wieder der Frage: Haben wir uns richtig entschieden? Jeder der baut, kennt diese Phasen zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

 

Am 4. Juni bricht der Vulkan Caulle aus. Wir sind nur ca. 50 km Luftlinie von ihm weg. Eine 13 km hohe Rauch- und Aschensäule kracht, zischt und blitzt zu uns herüber. Hanspeter, Hugo und seine Landarbeiter gehen zu unserer Wasserquelle um das Trinkwasser mit Plastikplanen abzudecken und so vor dem Ascheregen zu schützen. Den ganzen Tag hat die Erde gebebt. Seit dem Ausbruch ist der Boden unter uns ruhig geworden. Was kommt auf uns zu? Wird das Haus, werden wir Schaden nehmen? Die Nachricht geht um die Welt. Die Rauch- und Aschesäule behindert rund um den Globus den Flugverkehr.

 

Was uns durchhalten lässt sind all die Freunde die uns immer wieder unterstützen und Mut machen. Die uns mit Trost, Rat und Tat zur Seite stehen. Die Freude am Heranwachsen des Hauses. Das Finden von Problemlösungen und der Wunsch, dass Hanspeters Lebenstraum im dritten Anlauf endlich in Erfüllung geht. Der Vulkan hat vor allem im angrenzenden Argentinien verheerenden Schaden angerichtet. Der Wind hat bisher die Aschewolke von uns weg getrieben. Stellt man sich die Umgebung des Vulkans als Torte vor in deren Mitte der Krater ist, hat der Wind die Asche im Kreis verteilt. Immer wieder hat er gedreht. Nur ein Tortenstück wurde bisher verschont. Und da mittendrin sind wir zu Hause.

 

Es ist April 2011. Das Haus steht im Rohbau. Von Ueli bekomme ich die Nachricht, dass es Sonja sehr schlecht geht. Ich bin dankbar, dass mein Wunsch zu ihr zu fliegen von allen begrüsst wird. Wir sind uns einig, dass wir Sonja überraschen wollen. Schon seit Monaten sind wir fast täglich im Kontakt. Schreibt mir Sonja per sms ein ‚gugus’ weiss ich, dass sie mit dem Handy neben sich auf meinen Skypeanruf wartet. Heute bekomme ich unser Zeichen kurz nach meiner Landung in Zürich. Ich melde zurück, dass ich erst in etwa einer halben Stunde die Zeit für ein Gespräch habe.

 

Es geht gegen Abend wie mich Ueli mit einer Rose in der Hand am Flugplatz erwartet. Beide sind wir aufgeregt. Wie wird Sonja reagieren? War es richtig sie nicht zu informieren? Ueli bestätigt, dass Daheim alle dicht gehalten haben. Später erzählt mir meine Schwester, dass sie ganz nervös geworden sei. „Obwohl Ernst und Urs mit der Arbeit fertig gewesen sind, sind sie wieder in den Stall gegangen und einfach nicht mehr zurück gekommen. Sybille hat mit dem Zubereiten des Nachtessens aufgehört und ist raus gegangen. Ich wurde immer zappeliger. Mit diesen blöden Verzögerungen würden wir genau beim Nachtessen sein, wenn du anrufst. Zum Glück kam dann Sybille zu mir und ich konnte mit jemandem sprechen. – Ja warum kommt denn Ueli noch einmal? Er ist doch vor einer Stunde nach Hause gefahren? Ob er wohl etwas vergessen hat“?

 

Ohne die Anderen zu begrüssen bin ich ins Haus gegangen, habe den Kopf zur Stubentüre hineingestreckt und gesagt: „Gugus, die halbe Stunde ist um und ich habe jetzt soviel Zeit zum Plaudern wie du magst“. Noch nie in meinem Leben habe ich soo grosse ungläubige Augen gesehen! „Ja was machst duu den hier. Du rufst mich doch jeden Moment an: Ich hab doch das Handy in der Hand“! Dann: „D’Elfe isch do. Du bisch würkli do“!?! Weinen und Lachen gleichzeitig. Nun kommt auch der Rest der Familie zur Begrüssung. Sie wollten uns Zeit lassen. Langsam dämmert Sonja, dass alle Bescheid wussten. Das sind wohl die glücklichsten Schimpftiraden die wir alle je über uns ergehen lassen mussten.

 

Nach einem intensiven aber sehr schönen Monat zusammen mit Sonja und ihrer tollen Familie, muss ich mich wieder verabschieden. Wie schwer ist mir – und doch wie hoffnungsvoll. Sonja hat sich in diesem Monat wieder etwas erholt. Wir alle wissen, dass sie uns in nicht zu ferner Zukunft verlassen wird. Und doch – vielleicht gibt es ja doch noch ein Wunder? Heute fliege ich mit der Gewissheit nach Chile, dass wir uns in zwei Monaten wiedersehen werden. Dann komme ich mit Hanspeter zurück. Wir wollen den Sommerurlaub mit unserer Enkeltochter Michele verbringen.

 

Aber es durfte nicht sein. Sonja hat ihre ganze Kraft verbraucht und ist am 13. Mai beerdigt worden. Eingebettet in der grossen Liebe die sie verschenkt hat, wurde sie von Ernst und den Kindern begleitet. Vor allem Dank Ueli darf ich in dieser Zeit, via Handy, ganz nah bei Sonja sein.

 

Unser Haus ist nun fast fertig geworden. Ein unglaubliches Wechselbad der Gefühle schlägt über mir zusammen. Freude über das, endlich, fertige Haus? Eher Erleichterung. Grosse Trauer, Abschiedschmerz, Heimweh nach meiner kleinen Schwester, Gefühle der Einsamkeit. Aber der Alltag fordert Entscheidungen. Liebevoll werden wir, trotz unserer Abwesenheit, in die Beerdigungszeremonie eingebettet. Dankbarkeit. Freude auf Michele, Arlette und Christian. Angst vor der ersten Begegnung mit Ernst und seinen Kindern. Wie wird es sein, ohne Sonja?

 

Wir ziehen in unser neues Heim, aber ohne es einzurichten. Die Zeit vor dem Abflug reicht nicht mehr. Die Küche ist noch nicht eingebaut. Die letzten Tage vor unserem Abflug in die Schweiz wohnen wir wieder bei Betty und Peter. Eineinhalb Jahre nach unserer Ankunft in Entre Lagos sind wir wieder da wo wir begonnen haben. – Nein nicht ganz. Wir besitzen nun 5000 Quadratmeter Land das gerodet werden muss und ein altes, von Termiten zerfressenen, abbruchreifen Haus – und auf der Anhöhe ein hübsches ziegelrotes Heim von dem wir über das Dorf und den See die schneebedeckten Andengipfel sehen.

 

Wie immer hatten wir eine vollgepackte aber schöne Zeit in der alten Heimat. Nun aber sind wir zurück in Entre Lagos und richten uns langsam ein. Die Handwerker bauen die Küche ein, die neuen Möbel werden gebracht und Gardinen hängen an den Fenstern. Das Haus wandelt sich immer mehr zu einem Zuhause.

 

Das warme Wetter macht Lust auf Garten. Das alte Haus wurde in unserer Abwesenheit abgebrochen Eine schwarze Brache wartet auf die Verschönerung. Sträucher, verwildertes Gebüsch und Bäume warten auf die Rodung. Zwei grosse Humushaufen wollen verteilt werden, Der Bauuntergrund will in Rasen und Hausplatz verwandelt sein, nach dem Abbruch des Bauschuppens soll ein Gemüsegarten entstehen, das Land muss fertig eingezäunt werden und und und….

 

Schon ist es Dezember. Hier in Chile ist nun Hochsommer. Wir kommen mit den Umgebungsarbeiten gut voran. Wir freuen uns auf den Besuch von Margit und Jörg. Sie wollen über die Festtage bleiben und uns tatkräftig unterstützen. In der Zeit ihres hier seins läuft es dann auch wirklich rund. Da werden Erd- und Schutthaufen verschoben. Leitungen verlegt, Terrassen angelegt und Gartenmöbel gebaut. Es werden Plätzchen gebacken, Freunde kommen zum Assado (Grillfest) und werden unsererseits besucht. Ein Ausflug in der Umgebung unterbricht die Arbeit und der Weihnachtsabend und das Neujahr bringen Ruhe und Stille in die arbeitsreiche Zeit.

 

Mitte Januar verabschieden sich unsere Freunde. Sie wollen die warme Jahreszeit nutzen um im Süden Argentiniens zu wandern. Auf ihrer anschliessenden Fahrt in den Norden wollen sie noch einmal bei uns reinschauen. Für uns ein Ansporn mit vollem Einsatz weiter zu arbeiten. Wollen wir uns doch bei ihrer Rückkehr viel Zeit nehmen für ein geruhsames liebevolles Miteinander in dem die Arbeit vom muss ins darf reduziert wird.

 

Auch im Jahr 2012 warten noch viele Aufgaben auf uns. Aber – auch dank der grossen Hilfe von Margit und Jörg – sind bis zum chilenischen Winter die dringendsten Arbeiten abgeschlossen. So können wir nun ab Juli die warme Stube geniessen und haben Zeit für Hobbys und Schreiben.