Mittelchile und der kleine Norden

Die Wüste blüht! Mit glänzenden Augen werden wir immer wieder auf dieses seltene Ereignis hingewiesen. Schon im August, nach unserer Rückkehr aus der Schweiz hiess es immer wieder, dass es dieses Jahr klappen könnte, nachdem es im Norden geregnet hat. Nun also ist es so weit und wer es sich irgendwie leisten kann haut ab in den Norden!

 

Vor einigen Tagen hat uns Peter angesprochen, dass er Anfang Oktober einen Termin in Santiago hat. Ob wir nicht Lust hätten ihn und Betty zu begleiten? Dann wär’s gar nicht mehr soo weit bis Vallenar wo ein bekannter Nationalpark in der Blüte steht. Gleichzeitig hören wir von Margit und Jörg, die in den höchsten Tönen von der blühenden Wüste im kleinen Norden schwärmen – und dass sie zurzeit in der Region sind. Nun kann die Oldies einfach nichts mehr halten. Nicht das schöne neue Haus, nicht das Land auf dem noch soo viel zu tun ist – das Fernweh hat uns wieder voll gepackt.

 

Aber immer schön der Reihe nach. Zu oft wurden wir angefragt, warum es nun schon soo lange keinen Reisebericht mehr von uns gibt? Nun, die Antwort ist einfach. Wir haben uns im Frühjahr 2010 auf das Abenteuer Landkauf und Hausbau in Chile eingelassen. Nun, nach 1,5 Jahren, vielen schlaflosen Nächten und ungezählten Behördengängen ist es geschafft. Wir wohnen im Haus, dessen Grundriss einem Schmetterling nachempfunden ist und versuchen aus einem 5000 Quadratmeter grossen Grundstück eine schöne Gartenanlage zu gestalten. Viele alte Pflanzen, Sträucher und Bäume warten auf das freie Atmen, nachdem sie mit Säge und Schere von verwilderten, wuchernden Pflanzen befreit wurden. Richtige Schönheiten werden da entdeckt. Einige der Jungbäume bekommen einen neuen Platz und so entsteht – fast gratis – ein neuer Wald. Sträucher bekommen einen neuen Standort um uns als Hecke zu erfreuen. Ein altes Haus war so von Termiten zerfressen, dass es nur noch abgebrochen werden konnte. Das Brachland darunter liegt nun schwarz und hoffnungsvoll vor uns. Mal sehen, was darauf entsteht.

 

Heute aber wird die Arbeit unterbrochen. Peter und Betty holen uns ab und gemeinsam fahren wir nordwärts. Chile ist nur mit der Autobahn in Nord-Südrichtung zu befahren. Es gibt keine andere Strassenverbindung. So kommen wir zügig voran und erreichen am späten Abend Bettys Elternhaus in Linares. Morgen fahren wir via Santiago nach Los Vilos.

 

Im Hotel Lord Willow finden wir Zimmer und haben beim Frühstück einen schönen Blick zum Pazifik und über den kleinen Badeort. Dann aber geht’s zügig weiter via Tongoi, Couimbo und La Serena nach Vallenar. Damit haben wir die Wüstenregion erreicht und hier treffen wir, nach 1,5 Jahren, Margit und Jörg. Was für eine Freude die beiden lieben Menschen wieder in die Arme nehmen zu können! Sie sind schon länger in der Region und können uns ganz tolle Tipps geben.

 

Heute nun geht’s endlich los! Wir fahren Richtung Meer mit dem Ziel in Huasco zu übernachten. Diese Region geniest in Chile einen guten Ruf, den es vor allem dem hier wachsenden Obst, Wein und den Oliven verdankt, die als die besten von ganz Chile gelten. Diese Plantagen begleiten uns eine Weile durch das sonst trockene steinige Land. Nur einige Kilometer vor dem heutigen Ziel biegt Peter südwärts in eine Naturstrasse die zum Pazifik führt. In den Geröllhalden locken die ersten Blumen zum Fotostopp. Eher in lockeren Formationen zeigen sich die Sträucher an den Hängen. Es gibt zwar einige Schönheiten, aber irgendwie haben wir, nach den Erzählungen, mehr erwartet. Wir übernachten in Huasco. Morgen folgen wir der Naturstrasse in Richtung Norden. Immer der Küste entlang nach Carrizal Bajo.

 

Unsere Erwartungen haben wir deutlich zurück geschraubt wie wir heute Morgen losfahren – und werden geradezu überrumpelt von dem was uns die Natur bietet. Nüchtern heisst es im Reiseprospekt: Im Parque Nacional Llanos de Challe wachsen über 70 verschiedene Blumenarten. Ein Grossteil davon ist endemisch, also nur hier zu sehen.

 

Wir sehen erst einmal ganze Hänge und Flächen in weiss, gelb, blau oder pink leuchten! Auf der Jagd nach den verschiedenen Blumenarten kommen wir kaum vorwärts. Nach jeder Kurve, jedem noch so kleinen Hügelchen muss Peter wieder anhalten, weil Betty oder ich schon wieder Blumen oder Farben entdecken die wir gaanz bestimmt noch nicht gesehen haben! Zu Fuss schleichen wir auf dem trockenen Wüstenboden von einer Schönheit zur nächsten. Immer wieder machen wir uns gegenseitig auf Neuentdeckungen durch Zuruf aufmerksam. Geradezu ein Jagdfieber hat uns gepackt und es braucht schon einige Überwindung wieder ins Auto zu steigen um – wie Peter behauptet – zum nächsten Höhepunkt zu fahren. Noch ganz berauscht von all der Fülle an Farben und Formen und den Düften dieser einzigartigen Pracht ist es schon dunkel wie wir in Carrizal Bajo nach einem Zimmer fragen. Obwohl uns hier im Hotel eine wunderbare Küche erwartet, sind wir alle schon nach der Vorspeise satt. Zu voll sind unsere Herzen von all dem Heute erlebten. Und Peter behauptet doch schon wieder, dass es Morgen noch eine Steigerung geben wird!

 

Heute fahren wir noch einmal an der Pazifikküste entlang südwärts. Am Parkeingang wollen wir uns erkundigen ob und wo die seltenen Garra del Leon, die Löwentatzen, blühen. Diese früher häufige Pflanze ist heute vor dem Aussterben bedroht. Auch weil Besucher immer wieder Jungpflanzen ausgegraben haben in der Hoffnung, sie im eigenen Garten nachzüchten zu können. Aber die Rancher kennen ihre Rückzuggebiete und einer bietet sich an uns zu begleiten. Er macht uns immer wieder auf das eine oder andere Naturwunder aufmerksam und erzählt interessant von seiner Arbeit hier im Park. Plötzlich unterbricht er sich mit dem Ruf: „ Stopp, da ist eine Garra del Leon“! In einem Felsen direkt am Weg windet sie sich in den Spalten die das Regenwasser ausgespült hat. Am Ende der meterlangen Triebe steht ein einziger Blütenkopf mit mehreren blutroten kelchartigen Blüten. Einzigartig und Prachtvoll. Unsere Begeisterung hat unseren Begleiter wohl angesteckt. Statt dass wir zurückfahren meint er: „ Wenn sie wollen, zeige ich ihnen einen Ort en dem ein ganzer Hang von diesen Blüten überwachsen ist“. Und ob wir wollen! In fröhlicher Erwartung heisst es nach einigen Kilometern: „Hier müssen wir nun rechts ab, durch das ausgetrocknete Flussbett zur anderen Hangseite“. Etwas kritisch guggen wir auf die Abfahrt und die Steine die da rum liegen. Ob das Auto genug Bodenfreiheit hat? Peter will es wagen. Wir alle ziehen die Pobacken zusammen und sitzen nur noch auf den Knochenspitzen. Ob das hilft? Es scheint so. Glücklich kommen wir am Ziel an – und schon von weitem leuchten uns die roten Blütenkelche entgegen. Im Verbund mit ihnen wachsen hier noch weitere seltene Schönheiten, wie die fleischfressenden, braunen Kelche die im Volksmund kurzerhand Fuchsohren genannt werden. Die Felsen mit ihrer Blütenvielfalt, die Kargheit direkt neben diesem Paradies, die Sonne die ausgerechnet hier durch den Nebeldunst des Pazifiks bricht, der Wind der diesen Ort zärtlich streichelt – wir stehen hier im Garten Gottes! Ich weiss einfach keine andere Beschreibung die diesem Ort gerecht wird. Berauscht von der Vielfalt der Blütenformen, der Farbenpracht und des Blumenparfüms in dem wir uns schon den ganzen Tag bewegen, verlassen wir diesen wunderschönen Nationalpark. Nur etwas ausserhalb der Parkgrenze umfasst uns wieder die braungraue Langeweile der Geröll- und Sandwüste. Kaum zu glauben, dass schon in wenigen Wochen im Park dieselbe Eintönigkeit alle diese einzigartigen Schönheiten verschwinden lässt.

 

Auf der Rückreise verabschieden wir uns in Vallenar von Margit und Jörg. Besuchen. einen Tag später die schöne Altstadt von La Serena, wo wir in einem schönen Hotel günstig ein Appartement beziehen.

 

Nach dem feinen Frühstück im Zimmer, schenkt uns Peter noch eine Stadtrundfahrt, bevor er das Auto wieder auf die Panamericana lenkt, auf der wir am Abend das Haus von Betty in Linares erreichen.

 

Betty hat erfahren, dass ganz in der Nähe ein Rodeo zu Ehren des heiligen Franziskus stattfindet. Bevor wir nun endgültig zurück in den Süden Chiles fahren, besuchen wir diesen Anlass, machen noch einen Abstecher in eine Wollfabrik die Lamawolle verarbeitet und verabschieden uns danach vom kleinen Norden und Mittelchile.