Argentiniens Süden

Lucas, der Sohn vom Campingplatz Lago de los Lobos, hat uns pünktlich am Hafen abgeholt. Schon bald sind wir wieder eingerichtet. Da klopft es an die Tür. Andrea und Guido aus Ulm begrüssen uns herzlich und laden uns zu einem gemütlichen Abend ein. Der Abend wird so schön, dass wir erst nach Mitternacht zu unserem Camper zurück gehen.

 

Nach der herzlichen Verabschiedung sind wir wieder on the Road. Genau 58 Kilometer dauert der Spass. Dann stellt, ohne jede Vorwarnung, der Motor auf offener Strecke ab und lässt sich nicht mehr starten. Nur ein müdes leiern ist zu hören. Etwa 500 Meter weiter ist eine grosse Tankstelle. Ein Tankwart schleppt uns mit seinem Auto auf den Platz. Hier gibt es alles. Ein Einkaufsgeschäft, ein Restaurant, Zimmer können gemietet werden, Reifen werden gewechselt – nur eben keine Werkstatt. Bis zum nächsten Ort sind es etwa 44 Kilometer. Hanspeter öffnet den Motorraum. Alles scheint in Ordnung. Er versucht noch einmal zu starten – und siehe da – er springt an und läuft und läuft, als wäre nichts gewesen. Trotz Unsicherheit fahren wir weiter. Diesmal kommen wir ca 30 Kilometer weit. Dann wiederholt sich die Geschichte. Wir bleiben ruhig und hoffen, dass der Motor nach einer Ruhepause wieder anspringt und wir doch noch Saladillo erreichen.

Hier stehen wir nun in der 3. Werkstatt und hoffen, dass man uns helfen kann. Bei den vorhergehenden Begutachtungen konnten immerhin schon mal einige Fehlerquellen ausgeschlossen werden. Inzwischen ist es Abend und es steht schon mal fest, dass wir mindestens eine Nacht in diesem kleinen Ort südwestlich von Buenos Aires verbringen werden. Der Werkstattinhaber ist überzeugt, dass der Bordcomputer in Ordnung ist. Aber eventuell würde sich ein Modul erhitzen, das dann den Motor abstellt. Sein etwas hilfloser Rat: „ Gehen sie bei der Tankstelle schlafen und machen sie Morgen eine Probefahrt. Sollte das Problem wieder auftauchen, kommen sie noch einmal vorbei“.

 

Wir folgen seinem Rat. Am nächsten Morgen fahren wir früh - mit einem innigen Stossgebet - in der geplanten Richtung weiter. Schon bald tauchen wir in die Weite der Pampa ein. Der liebe Gott muss sich wohl oft um Camper und ihre Sorgen kümmern. So ist er mit der Zeit zum echten Fachmann geworden. Wir auf jeden Fall erreichen ohne irgendwelche Zwischenfälle den über 300 Kilometer entfernten regionalen Park Ernesto Tomquist. In Villa Ventana finden wir einen netten Campingplatz. Hier gefällt es uns so gut, dass wir beschliessen einen Tag länger zu bleiben und erst dann zum Wandern in den Park zu fahren. Nur den Cerro de Amor lassen wir uns natürlich nicht nehmen. Von dem kleinen Hausberg hat man einen hübschen Rundblick über den unter Bäumen versteckten Ort und den angrenzenden hügeligen Wiesen bis hin zur Sierra de la Ventana, deren Name auf ein ‚Fenster’ in der Wand des höchsten Berggipfels hinweist.

 

In der Nacht hat es heftig geregnet und auch heute Morgen hängen die Wolken so tief, dass sie den Blick auf die Berggipfel nicht frei geben. Obwohl sich der Himmel etwas auflockert entschliessen wir uns zur Weiterfahrt. Den kleinen Ort Tomquist zu besuchen lohnt sich alleine schon wegen dem sehr schönen Stadtpark. Den Namen trägt das hübsche Dorf zu Ehren der Familie die einmal die Besitzer dieses hügeligen Umlandes waren, das uns an die schöne Voralpenlandschaft daheim erinnert. Wir stellen uns vor, wie die Siedlerfamilien damals Wochen und Monate mit den Planwagen in der dürren, steinigen Buschwüste unterwegs waren. Ihnen muss wohl diese Hügel- und Bergkette mit ihren Wiesen, Bäumen und Wasserläufen wie der Garten Eden vorgekommen sein. Selbst uns, die wir doch heute bequem mit dem Auto auf Teerstrassen unterwegs sind geht das Herz auf in dieser heimeligen Umgebung. Schade, lässt das Wetter keinen längeren Aufenthalt zu. So fahren wir weiter in Richtung Süden an Sonnenblumen- und Maisfeldern vorbei. Die Umfahrung von Bahia Blanca führt uns nun westwärts an Rio Colorado vorbei bis Choele Choel.

 

Dieser sympathische Ort überrascht uns mit zweierlei. Wir haben im Camping Municipal auf der Insel übernachtet und bei der Weiterfahrt begleiten uns Kilometerweit riesige Obstplantagen. Hanspeter hat heute Geburtstag. Bei einem Obststand becirct er die Campesina so, dass er sich nicht nur durch das für uns fremde Ost durchprobieren darf, er bekommt das gekaufte auch noch spottbillig und obendrein noch Birnen gratis. Aber in Zapala ist er dann doch froh, habe ich mich im Supermarkt noch mit einigen Zutaten für sein Geburtstagsessen eingedeckt. Als besondere Überraschung gibt’s dann noch einen selbstkreierten Dessert.

 

Mit Zapala haben wir den Westen Argentiniens erreicht. Ab hier geht es Südwärts. Um in den Nationalpark Lanin zu kommen, wählen wir die weniger ausgebaute Nebenstrasse, vorbei am Nationalpark Laguna Blanca. Sie führt uns in die kaum besiedelten Anden. Was für ein Unterschied zu den stark befahrenen Hauptstrassen die uns bis hierher geführt haben. Statt Betonbauten und Häuserschluchten, schroffe, bizarre Felswände und liebliche Täler. Statt Menschenmassen., Nandus, Kondore und jede Menge anderer Vögel. Hier geht das Herz auf, es atmet sich leichter. Wir sind glücklich in dieser freien Natur, wie wir’s in all dem Luxus der letzten Wochen nicht waren. Am Rio Malleo finden wir ein lauschiges Plätzchen für die Nacht.

 

In nur 15 Minuten haben wir Junin de los Andes erreicht, wo wir die Hamburger Isa und Jürgen kennen lernen. Sie sind schon 4 Jahre hier in Südamerika unterwegs.

In unserem Reisehandbuch stehen neben den Eintrittspreisen für den Nationalpark Lanin, dass es auch ein Ticket gibt für alle vier Parks die wir besuchen möchten. Also fahren wir los und erfahren dann beim Eingang, dass die angegebenen Preise im Buch für Einheimische gelten. Wir müssten den 10-fachen Preis bezahlen. Ausserdem seien ihnen die Regionaltickets ausgegangen. Da müssten wir schon wieder zurück nach Junin. Nun, für diesen riesigen Preisunterschied fahren wir gerne noch einmal die 19 Kilometer zurück. Unterwegs begegnen uns Isa und Jürgen wieder. Nach seinen Erfahrungen die er gemacht hat, glaubt er nicht, dass wir das Ticket für alle vier Parks bekommen. Das sei sicher auch nur für die Einheimischen. Nun, Jürgen sollte recht behalten. Weil wir aber kurz vor dem Parkeintritt einen Platz am Fluss gesehen haben, fahren wir zu diesem vereinbarten Ort zurück. Hier werden wir mit der Nachricht empfangen, Dass unsere neuen Bekannten den Tipp erhielten, doch vor der Brücke links weg zu fahren. Wir würden dann auf der anderen Seite des Sees stehen. Da sei es auch sehr schön und erst noch gratis. Na denn aber los. Jürgen entdeckt den Spitzenplatz der nächsten zwei Tage. Vor uns der See in dem sich die ganze Bergkette spiegelt, in der sich der Vulkan Lanin mit seinem gleichmässigen schneebedeckten Kegel als ganz besondere Schönheit hervorhebt.

 

Nach zwei wunderschönen, gemütlichen Tagen und laaangen Nächten mit unseren neuen Freunden machen wir uns auf zu einem Ausflug weiter ins Tal hinein. Wir werden belohnt mit herrlichen Ausblicken auf See, Vulkan, Berge, Blumen und Araukarienbäume. Nach etwa 10 Kilometer endet der fahrbare Weg. Ein Mabuche auf seinem Pferd erklärt uns den Weg zu einem Indianerfriedhof, der aber leider sehr zerfallen ist. Zurück beim wartenden Schnüfeli fahren wir zurück nach Junin, wo wir uns von Isa und Jürgen verabschieden. Sie wollen weiter nach Bariloche. Wir müssen noch Kontakt mit unserer Bank aufnehmen. Unsere Maestrokarte wurde nach einem Handlingsfehler gesperrt. Es dauert etwa 10 Tage bis die neue Karte im Deutschen Konsulat in Bareloche eintrifft. So geniessen wir das Wochenende auf dem schönen Campingplatz in Junin, wo wir in der zweiten Nacht durch ein Erdbeben geweckt werden. Am Morgen hören wir, dass das Epizentrum in Chile mit 8,3 auf der Richterskala erhebliche Schäden mit vielen Toten gebracht hat. Unsere chilenischen Nachbarn versuchen verzweifelt Kontakt mit Zuhause aufzunehmen. Aber alle Telefonleitungen und viele Strassen sind unterbrochen.

 

Am 1. März fahren wir weiter. Zuerst fahren wir zurück zur RN40, wo wir in Confluencia herrliche Trucha, Lachsforelle, gegessen haben. Von hier zweigt die Naturstrasse 63 ab  Damit fahren wir wieder in den Nationalpark Lanin ein. Eine Holperpiste mit Bachbettcharakter. In Variationen mit Schlaglöchern und Waschbrettpiste die jede Schraube an unserem Van zu lockern drohte. Aber he, immer wieder gibt es Abschnitte die Meterweise fein wie eine Teerstrasse sind! Aber was der Weg an Energie verbraucht gibt die Natur in ihrer unglaublichen Vielfalt 10fach wieder zurück. Vorbei an Mooren und Sümpfen mit ihren Wasserläufen und Bächen. Durch trockene Buschsavanne, durchzogen von Flüssen die sich immer wieder zu Seen verbreitern um dann, ins enge Flussbett zurückgedrängt, in den Wäldern zu verschwinden. Hänge mit skurrilen Felsvormationen, grandiose Weitblicke über die Täler zu den himmelwärts strebenden Andengipfeln. Felshöhlen die vor Urzeiten als Wohnstätten dienten. Heute noch mit Felszeichnungen beschriftet. Kleine Gehöfte und grosse Haziendas die sich ihre eigene Kappelle leisten. Holzfällercamps und vieles mehr ziehen unsere Blicke an bis wir uns gegen Abend am Lago Filo Hua Hum einen Schlafplatz einrichten.

 

Heute müssen wir noch einmal eine kurze Strecke nordwärts fahren, nach San Martin de los Andes. Hier wollen wir tanken um dann in die 7 Seen Strasse einzubiegen, die uns weiter in den Süden bringt. Und da fahren doch Heike und Rainer an uns vorbei! Gibt das ein Hallo! Schon bald sind wir uns einig. Dieses Wiedersehen wird auf einem nahen Campingplatz gefeiert.

 

Nach dem gemeinsamen Frühstück müssen wir uns wieder verabschieden. Auf der 234 mit dem schönen – und verdienten Namen sieben Seen Strasse - verlassen wir den Lanin Nationalpark und überfahren die Grenze zum Parque National Nahuel Huapi. Schon bald geht die Teerstrasse wieder zur Schotterpiste über, die uns immer mehr in den Ur-Wald bringt. Schon am frühen Nachmittag finden wir einen schönen Platz am Ufer des Lago Traful.

Ein heftiges Gewitter begleitet uns in die Nacht. Weil das Wetter unbeständig bleibt, am Tag schön, in der Nacht Regen,  und mir mein rechtes Knie immer mehr Beschwerden macht, entscheiden wir uns in kleinen Etappen in Richtung Bariloche weiter zu fahren. Am Freitagnachmittag klopfen wir beim Deutschen Konsulat an und erhalten die inzwischen angekommene Maestrokarte. Leider ist es schon zu spät um bei der Raiffeisenbank telefonisch den Code abzufragen. Wir werden also übers Wochenende hier bleiben müssen. Isa und Jürgen haben uns die Strasse genannt, wo sie bei Freunden stehen werden. Wir wollen sie da abholen und wie mit ihnen vereinbart, auf dem Cerro Otto  einen gemeinsamen Tag verbringen. Leider müssen wir erfahren, dass wir nur zwei Stunden zu spät gekommen sind. Aber im Garten steht der Camper von Gudrun und Volkmar aus Berlin. Ganz selbstverständlich werden wir vom Hausbesitzer eingeladen während unseres Aufenthaltes in Bariloche hier bei ihnen zu bleiben. Beim Aussteigen sieht Gudrun, selber mit einem Gipsbein im Rollstuhl sitzend, dass ich nur mit Schmerzen gehen kann. Sie hat heute Abend einen Kontrolltermin im Spital und ohne umschweife wird entschieden: „Du kommst mit. Vielleicht kann dich mein Arzt dazwischen nehmen“.

Mein Verdacht, dass etwas mit einer Sehne nicht stimmt wird von ihm bestätigt. Zur Sicherheit will er weitere Abklärungen machen. Am Montag erhalte ich einen  neuen Termin. In der Nacht erwache ich von einem lauten Knacken in meinem Knie. Die Sehne ist wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück gekehrt! Im laufe des Wochenendes geht’s mir immer besser, so dass wir am Montagmorgen den Arzttermin absagen können. Nun haben wir aber einiges zu feiern! Meine abnehmenden Schmerzen, das Wiedersehen mit Gudrun und Volkmar und die herzliche Gastfreundschaft von Helga und Walter. Das tun wir dann mit einem ausgezeichneten Asado in einer landestypischen über 100-jährigen Parilla, einem guten Glas Wein und mit viel Lachen. Dieser wunderschöne Tag wird dann in der gemütlichen Wohnstube unserer Gastgeber beendet.

 

Für uns wird es Zeit zum Weiterreisen. Nach der herzlichen Verabschiedung wird noch kurz eingekauft, der Gastank muss aufgefüllt werden und dann fährt uns unser Schnüfeli wieder gen Süden. In Esquel erreicht uns das Mail von Margit und Jörg, dass sie in den nächsten Tagen auch hier ankommen. Wir schreiben sofort zurück, dass wir auf sie warten – und schon wieder sind die Oldies ausgebremst.

 

Der Rn40 folgend fahren wir drei Tage später weiter durch die trockene Savanne. Immer begleitet von den Voralpengebirgszügen der Anden. Hier ist es nun endgültig vorbei mit der weiten patagonischen Ebene. Hügelzüge verhindern den Weitblick. Auf ihren Anhöhen sind im Dunst der Ferne Bergketten mit ihren Schneefeldern zu sehen. Nur vereinzelt strahlt ein ganz grosser mit seiner Eiskappe zu uns herüber. Hecken schlängeln sich durchs Land und verraten die Wasserläufe die sich in ihrem Schatten vor der austrocknenden Sonne schützen. Und natürlich sind sie auch wieder da: Die Gänse, Flamingos, Greifvögel, Nandus und Guanakos. Aber auch in Argentinien ist es vorbei mit der grenzenlosen Freiheit. Den ganzen Tag folgen wir eingezäuntem Land in dem halbverwilderte Schafe, Rinder und Pferde ihr karges Futter suchen. Für die Nacht stellen wir uns  hinter die Tankstelle in Rio Mayo. Ein starker Sandsturm verhindert einen ruhigen und erholsamen Schlaf.

 

Am Morgen zeigt sich ein blauer Himmel. Der Sturm hat nachgelassen. Wir steigen vom Flusstal auf in die Hochebene. Der Seitenwind treibt den Staub vom Auto weg. Diese Strecke sind wir im argentinischen Frühling schon einmal gefahren. Im 1. Teil des argentinischen Reiseberichtes habe ich die RN40 beschrieben und mit Bildern dokumentiert.

Über Berito Moreno erreichen wir am frühen Nachmittag Los Antiquos. Im sehr guten Restaurant das den bezeichnenden Namen Viento (Wind) trägt, lassen wir uns mit hiesigem Lamm verwöhnen und beziehen im Camping Munizipal wieder ‚unseren’ Stellplatz.

Im Frühling hat Hanspeter mit glänzenden Augen die nahe chilenische Luft eingesogen. Morgen werden wir die nur 3 km entfernte Grenze überfahren um den tiefsten Süden des Landes kennen zu kernen.