Argentinien & Antarktis

 

Wir sind pünktlich um 16.05 Uhr in Ushuaia gelandet und werden von Margit und Jörg am Flughafen erwartet. Nach fünf wunderschönen Wochen in der Schweiz sind die Oldies wieder abgefahren. Mit Dankbarkeit denken wir an die vielen schönen Begegnungen und an die Nachricht, dass Sonja gute Chancen hat wieder ganz gesund zu werden. Aber obwohl die fünf Wochen intensiv genutzt wurden, konnten wir doch nicht alle besuchen die wir gerne gesehen hätten und wieder einmal trösten wir uns mit den Worten: Man muss immer noch etwas übriglassen fürs nächste Mal.

 

Ushuaia empfängt uns mit zögerlichem Sonnenschein und ein tief liegender Regenbogen überspannt den Beagle Kanal. Wir wollen uns 2-3 Tage Zeit lassen und das Zusammensein mit unseren Freunden geniessen. Aber auch um anzukommen und den 1. Teil des Reiseberichtes Argentinien / Chile in die Homepage zu stellen. Ausserdem verlangt die Schiffsreise in die Antarktis noch letzte Vorbereitungen.

 

Die letzten Tage hat’s zum Teil heftig geregnet. Der Himmel ist auch heute stark bewölkt und wir entschliessen uns weiter zu fahren. Ab hier geht’s nur noch nordwärts. Das landwirtschaftlich genutzte Umland ist überschwemmt. Die Sümpfe, Moore und Wälder der Region scheinen aber problemlos mit den Wassermassen fertig zu werden. Wir überqueren wieder den Caribaldi Pass und hinter Tolhuin ziehen sich die Wälder immer mehr zurück und machen riesigen Schafweiden platz. Wir kommen gut voran und bei schönstem Wetter richten wir uns an der Argentinischen Grenzstation San Sebastian für die Nacht ein.

 

 Am Morgen sind die Ausreiseformalitäten schnell erledigt. Der Nordwesten von Feuerland ist Chilenisches Hoheitsgebiet. Wieder fahren wir an riesigen Schaffarmen vorbei auf deren Ländereien mehrere 10 000 Tiere weiden. Zwei mal begegnen uns Cauchos, die mit ihren Hunden eine kleinere Gruppe frisch geschorener Schafe vor sich her treiben. In den weiten baumlosen Ebenen kämpft sich unser Schnüfeli gegen den Wind und die holprigen Pisten weiter zur Magellanstrasse, wo uns eine Fähre in nur 20 Minuten aufs südamerikanische Festland übersetzt. Etwa 50 Kilometer später reisen wir wieder in Argentinien ein und unser Schnüfeli bekommt eine neue Aufenthaltsbewilligung bis zum 10. September. Kurz nach Rio Gallegos dürfen wir in Güer Aike beim gleichnamigen Hotel gratis für die Nacht stehen.

 

Am Morgen weckt uns die Sonne und einmal mehr erhalten wir eine Adresse mit der Bitte doch ja an sie zu denken, falls wir unseren Van verkaufen wollen. Wir müssen noch einmal zurück nach Rio Gallegos um aufzutanken. Hier lernen wir John und seine Frau kennen. Sie sind vor Jahrzehnten von Kanada hierher ausgewandert und laden uns zu einem Besuch auf ihre Schaffarm ein. Wir erzählen ihnen von unserer geplanten Fahrt in die Antarktis und bekommen von ihnen die Visitenkarte mit der Hoffnung ausgesprochen, dass wir uns danach bei ihnen melden. Wir freuen uns sehr über diese unverhoffte Möglichkeit und versprechen ganz bestimmt zu kommen.

Trotz starkem Wind und den aufkommenden Wolken ist es deutlich wärmer. Ein ereignisloser Fahrtag bringt und bis nach Puerto San Julian wo uns der Camping Munizipal wärmstens empfohlen wurde.

 

Via Rada Tilly, wo wir einen Ruhetag einlegten und Puerto Madryn fahren wir heute zur Halbinsel Valdes. In der Nacht hat der Wind den Himmel blank gefegt. Wir fahren durch zum Punta Norte, wo wir hoffen die Orcas zu sehen. Jetzt im gleissenden, flimmernden Sommerlicht glänzen die Salzseen in noch strahlenderem Weiss. Die karge Stein- und Steppenwüste wirkt wie ausgestorben. Vereinzelt sind die Rücken von Guanakos zu sehen, die hinter viel zu niederen Büschen Schutz vor der Mittagssonne suchen. Ein Nandu sprintet los, während ein Hase gemütlich durch sein Revier hoppelt, so als hätte es die heissen, verliebten Frühlingsjagtszenen nie gegeben.

Als erstes sehen wir das neugierige Gürteltier wieder. Am Strand, wo vor Wochen neben den vielen See-Elefanten nur einige Seelöwen zu entdecken waren, hat sich das Bild völlig verändert. Hunderte erwachsene Seelöwen mit ihren Jungen sind jetzt zu beobachten. Schon von weitem ist ihr Lärm zu hören. Dauernd ist Bewegung in der Menge. Es ist ein ständiges knurren, schnauben, grollen, heiseres Husten und dazwischen sind die blökenden Jungtiere.  Seevögel sind als Gesundheitspolizisten im Einsatz. Von einem Parkwächter erfahren wir, dass die Orcas wohl nicht vor dem März hier in der Bucht zu erwarten sind. Erst dann sind die Jungtiere so weit, dass sie ins Wasser gehen und zur möglichen Beute der Schwertwale werden. 

Am späteren Nachmittag fahren wir weiter nach Galeta Valdes – und wieder zeigt sich ein völlig verändertes Bild. Wo vor einigen Wochen gestritten und geliebt wurde, sind heute nur noch eine Handvoll Jungtiere zu sehen. Sie sind zu fast erwachsenen See-Elefanten herangewachsen und warten vor sich hin dösend, bis die Flut das Wasser wieder zu ihnen bringt. Hier haben wir im November eine Füchsin beobachtet, wie sie vorsichtig zu einem Strauch schlich. Heute können wir ihren Jungen zusehen, die ohne Scheu vor ihrem Bau balgen. Wird es der Mutter zu bunt, weist sie das eine oder andere Jungtier mit einem Biss in den Hals zurecht – um dann die typische Unterwerfungshaltung sogleich auszunutzen, und dem Kleinen das Gesicht und die Ohren zu waschen. – Oh diese Mütter……… Aber zum Glück darf dann gleich weiter getollt werden.

Natürlich nutzen wir die Zeit um auch kurz bei den Pinguinen vorbei zu schauen. Aus den Eiern sind flauschige Kücken geworden die, schon die Grösse der Eltern erreicht, unermüdlich nach Futter betteln.

Unterwegs zum Punta Delgada begegnen wir den Merinoschafen die, frisch geschoren, die Freiheit der leichten Sommerkleidung geniessen. Hier an diesem Punkt finden wir denn auch die von uns vermissten See-Elefanten wieder. Diese Gruppe ist deutlich grösser als im November. Ob sie wohl vor  den lärmenden, zänkischen Nachbarn im Norden hierher geflohen sind? Sie jedenfalls haben die Ruhe gepachtet. Wir wollen es ihnen nachmachen und die nächsten Tage in der Bucht von Pardelas ausruhen. Aber es ist jetzt die Hauptferienzeit und es gibt hier kaum ein freies Plätzchen.

Wir bleiben darum nur für eine Nacht und fliehen zu ‚unserer’ Bucht, die uns schon bei unserem letzen Besuch empfohlen wurde. Wir werden auch dieses Mal nicht enttäuscht. Wir stehen fast alleine und treffen so manchen kleinen Freund wieder. Die Echsen nicken heftig bei unserer Ankunft und, scheuer als in der umtriebigen Frühlingszeit, zeigen sich die Hamster erst gegen Abend. Der hühnergrosse Laufvogel mit seiner Spitzhaube rennt durch die Büsche und bei allen sehen wir den Erfolg ihres Frühlingswerbens. Der kleine Springinsfeld vom November ist zu einem bildschönen Hengstfohlen heran gewachsen der schon heftig mit der Ponydame flirtet, die jetzt genau auf seiner Augenhöhe lebt. Hier wollen wir die nächsten Tage bleiben, bevor es ins laute Buenos Aires weiter geht.

 

Vor uns liegen fast 4000 Kilometer. Bei einem Anruf im Deutschen Club heisst es: „ Kein Problem. Kommen sie zu uns. Hier können sie den Van sicher stehen lassen, bis sie von der Antarktis zurück sind“. Noch eine gute Nachricht erhalten wir. Unsere neue Kreditkarte ist in der Schweizer Botschaft angekommen.

Fast bei jedem Kilometer den wir nordwärts fahren wird es wärmer. Die Landschaft ändert sich kaum. In Puerto San Antonio Este finden wir einen Campingplatz mit Strom. So können wir alle unsere batteriebetriebenen Geräte wieder aufladen. Obwohl wir am Meer sind, kühlt es im Wagen erst gegen Mitternacht genug ab, dass wir schlafen können. Per Email erhalten wir den Tipp, dass – etwa 100 km südwestlich von Buenos Aires - an der Laguna del los Lobos, der Besitzer des gleichnamigen Campings sichere Abstellplätze zu einem guten Preis anbietet und seine Gäste zum Flughafen fährt und sie da auch wieder abholt. Ob er die Fahrt zum Hafen auch machen würde? Wir finden, es lohnt sich mal hin zu fahren. Fragen kostet nichts und es würde uns die Fahrt ins heisse Buenos Aires ersparen.

 

Schon früh am Morgen brennt die Sonne vom Himmel. Noch vor Viedma verwischt sich der Horizont als wären wir von einer Nebelbank umgeben. Hier werden der Pampa riesige Felder abgetrotzt. Wo sie nicht bepflanzt sind hebt der starke Wind die Erde hoch und trägt Tonnen von Sand und Humus übers Land. Der blaue Himmel ist nur beim direkten Blick nach oben sichtbar. Allmählich werden die Felder durch Weideland abgelöst und der Blick zum Horizont wird wieder frei. Hohe Gewittertürme haben sich gebildet. Noch vor Bahia Blanca finden wir einen schönen Platz in Fortin Mercedes und haben einen wunderschönen Abend mit zwei argentinischen Paaren die uns wertvolle Tipps für unsere Weiterreise geben..

 

Zuerst führt uns die Weiterfahrt vorbei an grossen Zwiebeln- und goldgelben Sonnenblumenfeldern, die immer wieder durch reich bestückte Viehweiden abgelöst werden. Um die Mittagszeit bringt eine niedere Hügelkette etwas Abwechslung, die aber nach deren Überquerung wieder in die endlose Weite übergeht. In der grössten Mittagshitze gaukelt uns eine Fata Morgana einen mit vielen kleinen Bauminseln bestückten See vor der uns umschliesst. Kurz nach Olavarria geht rechts die Strasse ab zum Balneario San Martin. Der kleine Weiler ist umgeben von abgeernteten Korn- und blühenden Sonnenblumenfeldern. Am Wegesrand warten die blauen Wegwarten immer noch auf ihren Liebsten, rote Wicken blühen mit ihnen um die Wette und der wilde Fenchel trocknet seine Samen in der Sonne. Ein wunderbarer Platz um unter den hohen Bäumen einen Ruhe- und Waschtag einzulegen.

 

Heute nun wollen wir Lobos erreichen. Hier hoffen wir, dass wir einen sicheren Platz für unseren Van erhalten und uns der Besitzer zum Hafen fährt, wo am 31. 1. unsere Reise in die Antarktis beginnt.

 

Wir können hier bleiben und haben einen Platz unter hohen Bäumen mit Blick auf den See. Herrlich! Nur – heute müssen wir doch nach Buenos Aires zur Schweizer Botschaft. Zwischen den Weihnachtsfeiertagen musste unsere Kreditkarte gesperrt werden, weil jemand auf den Bahamas versuchte, Geld abzuheben. Nun ist endlich die neue Karte eingetroffen. Jorge kann uns den Weg gut beschreiben und wir finden das Gebäude auf Anhieb.  Gleich um die Ecke ist die Botschaft von Neuseeland, unserem neuen Reiseziel im Oktober. Hier erfahren wir, dass wir für einen dreimonatigen Aufenthalt in ihrem Land kein Visum brauchen, aber ein Weiterflugticket vorweisen müssen. Wieder einmal scheint alles nahtlos ineinander zu laufen. Für uns ein Hinweis, dass die Zeit gekommen ist von diesem Kontinent Abschied zu nehmen. Wir haben von einem kanadischen Ehepaar ein gutes Preisangebot für unser Schnüfeli erhalten. Sie fliegen am 1. Oktober  hierher und bringen dann unseren Camper wieder zurück nach Kanada. Wir sind sicher, dass unser Van bei ihnen in guten Händen ist. Der Oktober ist eine gute Reisezeit für Neuseeland und das anschliessend geplante Australien. So läuft wieder einmal alles still und leise und fast schmerzlos ab. Fast schmerzlos darum, weil wir uns dann von unseren sehr lieben Freunden Margit und Jörg verabschieden müssen.

 

Heute nun ist der grosse Tag. Um 13.°°Uhr beginnt das Check In. Gleichzeitig mit uns kommen drei Busse am Hafen an und ausgerechnet jetzt beginnt es zu regnen! Erst nach 10 Minuten kommen wir endlich ins Empfangszelt. Die Crew ist sehr freundlich und hilfsbereit. Ab hier geht alles reibungslos. Schon bald werden wir in unserem Zimmer mit Blumen, Sekt und einer Obstschale willkommen geheissen. Wir wohnen in der 9. Etage. Über uns sind nur noch das Selbstbedienungsrestaurant und darüber das Sonnendeck mit Swimmingpools, Sport- und Spielbereich. Schon bald ist es Zeit zum Nachtessen. Unsere Tischnachbarn kommen aus Australien und Belgien.

 

Nach einer wunderbaren Nacht und einem feinen Frühstück wird nun zuerst einmal das Schiff erkundet. Neben Kino, Theater, Kunstausstellung, Casino und Shoppingmeile kann man sich in verschiedenen Bars und Restaurants verwöhnen lassen. Den ganzen Tag werden verschiedene Events geboten. Informiert werden wir über TV und der ‚Celebrity Today’, die uns jeden Abend ins Zimmer gelegt wird. Wir besuchen heute Morgen den Vortrag über die Antarktis. Der Vortragende hat an 6 Expeditionen in den weissen Kontinent teilgenommen. Von ihm erfahren wir unter anderem, dass die Antarktis – im Gegensatz zur Arktis - ein Kontinent ist und dauernd von starken Winden umkreist wird. Diese Stürme sind der Grund, warum hier unten die höchsten Wellen auf allen Weltmeeren entstehen. Mit einem verschmitzen Lächeln hofft er mit uns, dass die Fahrt weiterhin so ruhig verläuft wie bis anhin. Weiter hören wir wie die Antarktis erforscht wird, was die Probleme der Erderwärmung und des Ozonloches für Auswirkungen haben. Aber auch über den Aufbau dieses Wüstenkontinentes erzählt er sehr  interessant.

Nach diesem Vortrag müssen wir uns um ein kleines Problem kümmern. Drei mal während unserer Reise werden wir zu einem Gala-Dinner geladen – mit Abendkleid für die Damen und Smoking für die Herren. Da haben sich die Oldies mit ihren Camperklamotten aber was eingebrockt! Unsere Tochter – die Beste von allen Töchtern - rät uns: Hosen aufschneiden und als Rock zusammennähen und aus dem Bettbezug ein Oberteil basteln. Damit würden wir bestimmt den ersten Preis als originellstes Paar gewinnen. Wir entscheiden uns dann aber doch lieber zu einem Nachtessen in einem der anderen Restaurants. Unser Kellner Jimmy gibt uns den Rat, doch für die anderen Abende einen Smoking zu leihen, was wir dann auch tun.

Schon ist es Zeit zum Mittagessen, das wir heute im italienischen Angebot auswählen. Danach ist erst mal Sport, Shopping, Filmeguggen und der Afternoontea angesagt. Das artet ja richtig in Stress aus! Darum höre ich jetzt auf mit Schreiben. Muss mich vor dem Nachtessen und der anschliessenden Broadwayshow noch ein bisschen hinlegen.

 

Gestern haben wir zu unserer Freude erfahren, dass wir einen zweiten Ausflug auf den Falklandinseln buchen konnten. Dieser Ausflug war schon ausgebucht, als wir endlich die neue Kreditkarte erhielten. Morgen haben wir bereits um 7.°°Uhr den ersten Ausflug quer durch die Inseln zu den Rockhopper Pinguinen. Am Nachmittag fahren wir dann noch zu einer weiteren Bucht, wo drei andere Pinguinarten zu Hause sind.

Aber dann kommt um 17.°°Uhr eine wichtige Mitteilung des Kapitäns. Von den Falklandinseln und dem meteorologischen Dienst wurde eine Sturmwarnung durchgegeben. Es wird mit Winden bis zu 110 Stundenkilometern gerechnet und Wellen von 5 – 6 Metern Höhe. Unter diesen Umständen ist es viel zu gefährlich die Inseln anzufahren. Aus Sicherheitsgründen für die Passagiere, die Crew und das Schiff muss die Route geändert werden. Die Mannschaft wird uns Morgen mit einem Programm an Bord unterhalten und man hofft auf unser Verständnis. Hoffen wir, dass wir nicht alle Seekrank werden und den Tag, so wie heute, geniessen können. Im Moment sitze ich bei ruhiger See auf unserem Balkon und es ist nichts zu spüren, dass wir so nah an einem gewaltigen Unwetter sind.

 

In der Nacht hat uns das schlechte Wetter eingeholt. Es stürmt und mit über hundert Stundenkilometer wirbeln Schneeflocken um unser Schiff. Wir besuchen im Theater einen Vortrag über die Elefanteninsel die wir am Nachmittag erreichen. Mitten hinein kommt die Durchsage des Kapitäns, dass sich das Wetter so verschlechtert hat, dass die Insel nicht angefahren werden kann. Am späteren Nachmittag hören wir dann, dass es zu gefährlich ist weiter in der Antarktis zu bleiben. Wir müssen umdrehen und via Kap Horn Zuflucht in Ushuaia suchen. Der Sturm soll sich – laut Wetterbericht – zum Orkan mit Eisregen und haushohen Wellen steigern. Alle hoffen nun, dass er sich so weit austobt, dass wir danach noch einmal zurück in die Antarktis fahren können. Der Kapitän entschuldigt sich, dass er uns aus Sicherheitsgründen nicht die geplante Reise zeigen kann. Aber niemand kann das Wetter beeinflussen. Stürme gehören nun mal zum Naturgeschehen in der Antarktis und da kann niemand was daran ändern. Aber obwohl das alle Reisenden verstehen, macht sich immer mehr eine Enttäuschung und Unzufriedenheit bemerkbar. Wir hören immer mehr Diskussionen darüber, was man hätte machen können. Als wenn lauter Antarktiskenner an Bord wären. Natürlich sind auch wir enttäuscht. Aber wir sind mit der Mehrheit der Gäste der Meinung, dass der Kapitän der Fachmann ist und wir seinem Urteil vertrauen können. Es wäre wohl niemand mehr froh, wenn er die Reise wie geplant durchführen könnte. Auch die ganze Schiffsbesatzung gibt sich grosse Mühe uns zu verwöhnen. Obwohl ihre freundliche Aufmerksam von Anfang an so gross war, dass sie sich kaum noch steigern können.

 

Ushuaia ist der südlichste Ort der Welt. Schon im Jahr 1870 wurde eine Missionsschule gegründet. Heute noch steht die kleine katholische Kirche im Hafengebiet. Nur 14 Jahre später wurde ein Gefängnis in Betrieb genommen in dem, unter anderem, die gefährlichsten Verbrecher und politische Gefangene lebten. Wie so oft wurden auch diese Gefangenen benutzt um die Infrastruktur aufzubauen.  Sie bauten auch die südlichste Eisenbahnstrecke, die heute noch als Touristenzug in den Nationalpark Tierra del Fuego fährt.

Heute leben rund 60 000 Menschen hier. Wobei der Tourismus wohl die Haupteinnahmenquelle bietet. Bei einem Rundgang durch den Ort sind immer noch liebevoll hergerichtete und mit bunten Farben gestrichene Holz- und Blechhäuser zu sehen. Auch das Gefängnis steht noch. In ihm ist heute ein gutes Maritimmuseum untergebracht. Im  Museo del Fin del Mondo befindet sich wohl die grösste Vogelsammlung und die Entwicklung der Region, von den Ureinwohnern bis in die Gegenwart wird in einer kleinen, aber feinen Ausstellung gezeigt.

 

Bei immer noch stark bewegter See (nur noch 3 Meter hohe Wellen) fahren wir die nächsten zwei Tage wieder zurück in die Antarktis. Die Sturmböen bleiben uns ungebremst treu. Die Sichtweite ist sehr gering. Ohne Unterbruch ist 24 Stunden das Nebelhorn in Betrieb. Langsam schwindet auch beim grössten Optimisten die Hoffnung, dass wir eine Chance haben was zu sehen. Morgen erreichen wir gegen 6.30 Uhr die Paradiesbucht und ca. 2 Stunden später fahren wir durch die Gerlache-Strasse. Die Fahrt muss den Gegebenheiten der Natur angepasst werden und hängt unter anderem auch vom Aufkommen der Eisberge ab. Aus Zeitgründen können wir die Elefanteninsel nun definitiv nicht mehr anfahren.

 

Heute Morgen erwachen wir früh, weil das Schiff nicht mehr schaukelt. Ein Blick aus dem Fenster – und plötzlich sind alle Sinne hell wach. Wir sind in die Paradiesbucht eingefahren und eben geht die Sonne hinter den eisbedeckten Bergen hoch! Was wir hier sehen ist wirklich ein Paradies. Mit dickem Eis bedeckte Vulkane. Gletscher die ins Meerwasser stürzen. Eisschollen in den unglaublichsten Formen regen die Fantasie an. Eisberge so gross wie Mehrfamilienhäuser wachsen aus dem tiefblauen Wasser. Schneeberge die sich noch verschämt hinter einem Wolkenschal verbergen und über allem ein Himmel der  langsam sein blasses Gesicht mit frischer Farbe übermalt. Die aufsteigende Sonne streut einen Hauch von rosa über das Land – und wir sind mitten drin. Staunend und flüsternd vor dieser Erhabenheit. Aber dann kommt Bewegung in die Menge und ein hundertfaches Klicken der heisslaufenden Kameras erfüllt die Stille. Langsam gleitet unser Schiff durch diese grandiose Szenerie. Die Ausmasse der Landschaft und der Eisberge sind so gigantisch, dass ein zweiter Kreuzfahrer ziemlich klein daher kommt. Bei seiner Annäherung stellen wir erstaunt fest, dass er fast unsere Grösse hat. Immerhin stehen wir im 11. Stock auf der Sonnenterasse. Unser Schiff ist  293 Meter lang, 32 Meter breit und wiegt 91 000 Bruttoregistertonnen. Aber der Vergleichsblick auf das andere Schiff lässt erahnen, dass auch wir in dieser gigantischen Natur ein kleines nichts sind.

Bei der Durchfahrt der Gerlache- Strasse begleiten uns Delfine und Wale. Einige Pinguine veranstalten ein Wettschwimmen mit uns, während sich Andere  auf Eisbergen elegant  an uns vorbei gleiten lassen. Eher etwas unwillig heben einige Robben den Kopf weil sie sich wohl in ihrem Mittagschlaf gestört fühlen. Es ist ja auch ärgerlich. Da nimmt man sich ein Schlafabteil auf einem Eisfloss und wird dann neugierig von diesen Touristen begafft. Unerhört, jawohl!!

 

Wir aber sind restlos begeistert. Gegen Abend wird die Luft diesig. Ein Schleier legt sich übers Land. Ein letztes Mal verzaubert die Sonne die Schnee- und Eisfelder im rosa Abendlicht. Dann werden die Wolken so dicht, dass kein Lichtstrahl mehr durchbrechen kann.

Beim Abendessen hören wir die Durchsage des Kapitäns, dass vor uns ein wütender Orkan 9 Meter hohe Wasserberge vor sich her treibt. Leider wird es ihm nicht möglich sein das Unwetter so weit zu umfahren, dass wir in Ruhe schlafen können.

 

Nun, der Kapitän hat sein ‚Versprechen’ eingehalten. Die letzte Nacht war die Bewegteste der ganzen Reise. Aber am Morgen sind die Wellen nur noch 5 Meter hoch, die Sonne drückt sich zwischen den Wolken hervor und das Frühstücksbüffet ist wie immer exzellent. Je weiter wir nordwärts fahren, umso wärmer wird es. In Puerto Madryn können wir schon wunderbar bummeln gehen und Montevideo, in Urugay, empfängt uns zwei Tage später mit schwülwarmen 32°C.

 

Nur eine Nacht trennt uns noch von Buenos Aires. Ein letztes Frühstück und viele herzliche Verabschiedungen später werden wir am Hafen von Lucas abgeholt und zu unserem Schnüfeli gebracht. Ein unvergessener Reiseabschnitt ist Vergangenheit.