Peru

 

Die Grenzstation Macara, wo wir bei Maresi und Willi nächtigen durften, liegt nur noch auf 450 Meter über Meer und gilt als heissester Ort in Ecuador. Nach dem freundlichen Willkommen der peruanischen Grenzer fahren wir nun weiter in eine immer flacher werdende Wüstenregion. In Sullana erreichen wir wieder die Panamericana und halten uns Nordwärts. Wir wollen nach Mancora zu Harry Schuler. Sein Vater ist aus der Schweiz ausgewandert und Harry führt nun das ‚Punta Ballenas Inn’ mit einer wunderbaren Küche! Wir sind ziemlich geschafft wie wir da ankommen. Unsere Körper müssen sich - nach der langen Zeit in über 2000 Meter Höhe – wieder an die ‚dickere’ Luft hier am Meer gewöhnen. Nach einem leichten Znacht legen wir uns erst einmal schlafen.

 

Am Morgen werden wir geweckt vom Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Pazifiks. Nach einer wunderbaren Nacht sind wir voller Tatendrang. Also, zuerst einmal die Daheimgebliebenen informieren, dass wir in Peru sind – und dann lesen wir von Margit und Jörg, dass sie in einem Bergdorf bestohlen wurden und nun bei der Polizei stehen. Nach 10-tägigen Demonstrationen sei genau ‚ihre’ Polizeistation angegriffen worden. Zum Glück schreiben sie auch, dass es ihnen gut geht. Der Schreck und die Sorge um unsere Freunde sitzen aber tief. So werden wir die nächsten Tage hier bleiben um täglich mit ihnen Kontakt zu halten. Die Wartezeit füllen wir mit dem Fertigstellen des Reiseberichtes über Ecuador.

 

Inzwischen sind wir nun schon 3 Tage hier und bei Margit und Jörg hat sich noch nichts Wesentliches verändert. Wir entschliessen uns nach Pimentel weiter zu fahren. Hierher kommen auch unsere Freunde, wenn sie den direkten Weg zur Panamericana wählen.

 

Bedingt durch den Humboldtstrom hat sich hier an der Nordküste von Peru ein ca 150 km breiter Wüstenstreifen gebildet. Hier wachsen ausser einigen harten Büschen nur noch die Oelförderpumpen. Harry erzählt uns, dass sie hier für das Gas nur einen symbolischen Preis von einigen Cent zahlen, dass aber das Wasser sehr kostbar und teuer ist. So habe er eine monatliche Wasserrechnung von 700 Dollar. In diesem Land ist das ein kleines Vermögen und dabei wird nur stundenweise Wasser vergeben.

Auf unserer Fahrt in den Süden begegnen uns auf und neben der Strasse freilaufende Ziegen und Esel, die sich ihr Futter selber suchen müssen. Eselskarren sind neben den Motorradtaxis die wichtigsten Verkehrsmittel für die Bevölkerung. Trotz der Wüste fahren wir an grossen Zuckerrohr-, Baumwoll- und Reisplantagen vorbei. Sie können nur mit einem grossen Bewässerungsprogramm der Wüste abgetrotzt werden. Wasser das den einfachen Menschen hier fehlt.  Armselige Hütten, oft nur mit Strohmattenwänden und meist ohne Strom- und Wasseranschluss stehen am Strassenrand. Mit auf Eselskarren gebundenen Oelfässer wird das Wasser zu den Hütten gefahren. Mehr als einmal habe ich gesehen, wie das Wasser mit Eimern aus den überfluteten Reisfeldern geschöpft wird. Ich möchte nicht wissen, wie viel Dünger, Pestizide und Krankheitserreger sich darin befinden!

Für uns Reisende präsentiert sich diese Landschaft in ihrer einzigartigen Vielfalt. Vom ausgewaschenen Wüstengebirge das sich gegen das Meer stemmt über die sichelförmigen Sanddünen  zu kleinen Sanderhebungen die auf einer Seite wie mit einer Perücke bewachsen sind. Bis hin zur endlosen Ebene in deren Ferne eine Fatamorgana einen mit Bäumen bewachsenen See vorgaukelt.

Unser heutiges Ziel ist der Badeort Pimentel. In unmittelbarer Nähe sind die Ruinen und das Grab vom Herrscher von Sipan zu bewundern – und natürlich hoffen wir auf positive Nachrichten von Margit und Jörg.

 

Im Flusstal des Lambayeque wurden 1987 vorspanische Gräber der Moche-Kultur entdeckt. In den Überresten der Lehmziegelpyramiden fand man mehrere Grabstätten die aufgrund ihrer Ausstattung verschiedenen Personengruppen zugeordnet wurden. Die am reichsten ausgestattete  männliche Person wurde, weil in der Nähe des kleinen Dorfes Sipan gefunden, der Herrscher von Sipan genannt. Weitere Gräber wurden – aufgrund der Beigaben - Priestern, Krieger und einem früheren Herrscher zugeordnet. Die Originalfundstücke sind im Museum ‚Tumbas Reales de Sipan’ ausgestellt.

 

Wir unterbrechen unsere Fahrt nach Huanchaco um dieses grossartige Museum zu besuchen. Erst am nächsten Morgen fahren wir weiter durch die Wüste nach Chan Chan. Im Huanchaco Garden finden wir einen schönen Standplatz. Hier treffen wir Birte und Ingo wieder, sowie je ein weiteres Ehepaar aus Deutschland und Frankreich. Von unseren Freunden erfahren wir, dass sie wieder unterwegs sind. Wir freuen uns riesig auf das Wiedersehen hier in Huanchaco.

Von hier fahren wir mit dem Bus zu den Ruinen. Westlich der Stadt Trujillo ist die Hauptstadt der Chimu- Kultur kaum mehr zu erkennen. Die Adobebauten hatten ein Ausmass von 28 Quadratkilometern und gilt bis heute als grösste Stadt ihrer Zeit. Am besten erhalten ist der  nach dem Schweizer Forscher Tschudi benannte Bereich, der für Besucher offen ist. Unser Begleiter durch die Anlage erzählt uns, dass die Inkas Chan Chan nicht mit Waffengewalt erobern konnten. „ Die Menschen damals lebten vom Meer, trieben Handel und Landwirtschaft. Um die Wüste zu begrünen waren sie auf Wasser angewiesen, das sie in einem ausgeklügelten Kanalsystem auf die Felder und in die Stadt führten. Die Inkas zerstörten diese Wasserzufuhr und zwangen die Herrscher, Chan Chan frei zu geben“. Weiter erzählt er: „Innerhalb der Überbauung kannte man keine Türen. Sowohl die Mauern die die Zeremonialplätze umgaben, wie auch die Eingänge zu den Häusern, waren offen – aber durch die Versetzung der Innenmauer wurde der Eingang verwinkelt und so war man vor neugierigen Blicken geschützt. Um die Lehmziegelbauten vor dem seltenen Regen zu schützen, wurden sie trapezförmig – also nach oben schmäler – aufeinander geschichtet. Statt Stufen – wie zum Beispiel in dem mit Steinen gebauten Cusco – wurden hier die verschiedenen Ebenen mit Rampen verbunden. Leider haben el Niño und die Umweltveränderung zu vermehrten Niederschlägen und damit zu grossen Zerstörungen geführt. So mussten zum Schutz besonders wertvolle Teile überdacht werden“. Trotz Schutzmassnahmen am Mauerwerk sieht man die Lehmtropfen der letzten Niederschläge, die wie eingetrocknete Tränen an den Wänden runter gelaufen sind. Vieles weiss unser Begleiter  über die Wandverzierungen, die Grabstätten, das Leben und die Zeremonien von damals zu erzählen.

Am Ende der Führung erfahren wir dann endlich was die riesigen grossen grünen ‚Bohnen’ für Früchte sind – und probieren natürlich auch gleich wie sie schmecken. Dabei isst man nur den weissen ‚Flaum’ der die Bohnenkerne umgibt. Dieser ist süss und enthält erstaunlich viel Flüssigkeit. Gut gegen Hunger und Durst.

 

Nachdem wir gestern einen gemütlichen Tag mit Margit und Jörg verbracht haben, fahren wir heute weiter zu den beiden Pyramiden Huaca del Sol und Huaca del Luna. Sie gelten als die grössten präkolumbischen Bauwerke Perus und stehen nur 500 Meter voneinander entfernt am Rio Moche. Der Weg führt an der Sonnenpyramide vorbei die, obwohl stark beschädigt, immer noch beeindruckt. Für ihren Bau wurden 140 Millionen Lehmziegel benötigt. Sie darf heute nicht mehr besucht werden und so fahren wir weiter zur Mondpyramide. Es ist schon nach 16.°°Uhr wie wir ankommen und die Anlage ist geschlossen. Wir erhalten aber die Erlaubnis auf dem bewachten Parkplatz zu schlafen. Unsere Freunde sind schon da und wir machen uns einen gemütlichen Abend in dieser Anlage, die uns – etwas ausserhalb des Ortes – an eine Oase in der Wüste erinnert.

 

Am nächsten Morgen gilt unsere erste Aufmerksamkeit den Nackthunden die hier leben. Wir erfahren, dass sie eine uralte Hunderasse sind und wegen ihrem felllosen Körper eine Temperatur von um die 40 Grad haben. Darum wurden sie als natürliche Heizkissen gegen Arthritis und andere Krankheiten in der traditionellen Medizin genutzt.

Die Mondpyramide ist deutlich kleiner als ihre Nachbarin. Der Pyramidenbau begann über sechs Jahrhunderte v. Chr. und die fünf Ebenen sind mit Rampen miteinander verbunden. Jedes Stockwerk hat jeweils über Generationen als Zeremonienplatz gedient. Dann wurden die Räume vollständig mit Lehmziegel aufgefüllt und so eine neue Ebene geschaffen. Von der  fünften und höchsten Etage haben wir einen tollen Blick zur Sonnenpyramide und von hier sieht man auch sehr gut die Gebäudegrundrisse zwischen den Bauwerken. Aufgrund der Funde geht man davon aus, dass darin die Priester und hohe Würdenträger gewohnt haben. Treppen bringen uns in die tiefer gelegenen Ebenen die jetzt langsam freigelegt werden. Dank dem, dass die Räume mit Lehmziegeln gefüllt wurden, sind die grossartigen Friesen und Figurendarstellungen zum Teil perfekt erhalten geblieben. Unsere Führerin versteht es uns mit ihren Erklärungen zu fesseln und gibt uns einen interessanten Einblick in die Kultur des Mochevolkes.

Immer noch ist es diesig und die Sonne schaut nur für kurze Momente durch den Grauschleier. Bei unserer Weiterfahrt nieselt es sogar, aber ohne dass die Strassen wirklich nass werden. Für uns ein Grund mehr wieder Richtung Andengebirge zu fahren. Wir sehnen uns nach blauem Himmel und Sonnenschein.

 

Nach einer Übernachtung bei einer Tankstelle beim Ort Santa lenken wir unsere Autos ostwärts. In Chuquicara endet die Teerstrasse und auf einer Holperpiste beginnt eine mehrstündige Fahrt dem Rio Santa entlang durch eine imposante Fels- und Gebirgslandschaft. Geröllhalden schieben sich immer mal wieder in den Weg. Kleine Eisenbrücken dienen mehrfach dem Überqueren des Flusses. Ausgetrocknete Schlammpisten mit zum Teil tiefen Wasserlöchern wechseln sich ab mit trockenen Steinbelägen auf denen wir – wegen des Rückenwindes – von der eigenen Staubwolke überholt werden. Aber immer wieder lohnt es anzuhalten, Fotos zu schiessen und in einer kleinen aber sauberen Hütte die mit Restaurant Pathy angeschrieben ist, ein Mineralwasser zu trinken und mit dem Wirt zu plaudern. Vereinzelt treffen wir Hütten die eigentlich nicht einmal mehr diese Bezeichnung verdienen. Aber die Menschen wirken hier offener und immer wieder begleitet uns ein nettes Lächeln und fröhliches Winken. Kleine Bergdörfer, Schafhirten, Geisterruinen und kleinste Steinkohlenminen sind weitere Abwechslungen auf unserem Weg in den Canyon del Pato. Die ‚Entenschlucht’ ist der eigentliche Grund warum wir uns hierher auf den Weg gemacht haben.

Der Rio Santo schlängelt sich hier durch die Gebirgszüge der Cordillera Blanca und Cordillera Negra, die sich an einigen Stellen fast berühren. Die Strasse benützt die ehemalige Trasse der stillgelegten Eisenbahn und führt durch 35 Tunnels die durch das massive Gestein geschlagen wurden. Riesige Felswände ragen auf beiden Seiten empor. Der Weg windet sich an der schroffen Steilwand entlang, während zur linken die Abgründe ins Bodenlose fallen. Nur an einigen Stellen ist das Wasser tief unten zu sehen. Einer der zahllosen Wasserfälle zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, weil er über eine Staumauer fällt. Mehrere Hängebrücken überwinden die Schlucht und erleichtern den Mitarbeitern des Stauwerkes den Zugang zu den Stollen.

Langsam öffnet sich das Tal. Grüne Wiesen, lockerer Baumbestand und eine liebliche Hügellandschaft weiten sich zu einem heiteren Bild. Die sonnigen Berghänge haben sich zurück gezogen und geben den Blick frei auf das Dörfchen Caraz, wo wir auf über 2000 Meter die nächsten Tage bleiben wollen.

 

Nach den ersten zwei Tagen der Akklimatisation und der Innen- und Aussenreinigung unseres eingestaubten Schnüfelis entschliessen wir uns für unsere Ausflüge ein Taxi zu mieten. Für umgerechnet 100 Franken geniessen wir drei Tage die Bequemlichkeit eines Privatchauffeurs mit Auto. Haa, jetzt werden die Oldies zu Luxusmenschen!

 

Heute geht’s los zur Laguna Paron, die auf 4150 Metern über Meer liegt. Auf ziemlich rauer Naturstrasse fahren wir an Blumenfeldern, kleinen Bergdörfern und Gehöften vorbei und erfahren von unserem Chauffeur Nell, dass die Trachten der Frauen nicht nur zeigen aus welchem Dorf sie kommen. „ Wir Männer sehen an der Blume die im Hut steckt, dass eine Frau noch ledig ist. Trägt sie drei Blumen, ist sie Witwe“. Uff, gerade noch kann ich mir die Frage verkneifen, warum sie das wohl mit drei Blumen feiert? Das Schmunzeln in meinem Gesicht sieht er zum Glück nicht. Er muss sich viel zu sehr auf die Naturstrasse und ihre Löcher konzentrieren! Er erzählt uns auch, dass die Bauern hier kaum eine Einnahmequelle haben. „Sie leben von dem, was der Boden her gibt. Hauptsächlich wird Gerste und Weizen angebaut. Die Körner werden dann wie Reis gekocht oder über dem Feuer geröstet und gemahlen. Im Wasser angerührt wird dieses Mehl zum Frühstück verzehrt“.

Kurz nach der Schranke des Nationalparkes steckt ein Minibus in einer engen Kurve fest. Das Auto liegt auf den Steinen auf und muss mit der Kurbel hochgehoben werden. Steine kommen unter das Rad - Kurbel runter - Stein unter den Autoheber – Auto wieder anhieven  – weitere Steine unter die Räder und so weiter, bis der Minibus frei ist. Jetzt heisst es die Strasse mit Geröll befestigen, alle Mann an die Stossstange und kräftig schieben! Es ist Ehrensache, dass man auch uns über die heikle Stelle hilft. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir den smaragtgrün schimmernden Bergsee zu Füssen der Sechstausender der Cord. Blanca. Wir machen uns auf den Weg um die Laguna zu umrunden. Eine imposante Bergwelt umgibt uns. Auf halbem Weg hat ein Bergsturz grosse Brocken über den Weg gelegt. Da heisst es ausweichen in das eiskalte Wasser oder darüber kraxeln. Wir versuchen die Felsbrocken zu übersteigen, was sich aber als ziemlich gefährlich erweist. Leider verdecken nun auch immer dunkler werdende Wolken die schneebedeckten Berge. So entschliessen wir uns umzudrehen. Nach zwei Stunden sind wir wieder beim Auto und werden von Nell auf einer anderen Strasse wieder zurück zum Hotel gefahren. Dabei muss er immer wieder für Fotos anhalten und er weißt uns immer wieder auf Besonderheiten hin und erzählt uns noch so manch interessantes über das Leben der Menschen in seinem Tal. Für Morgen verabreden wir uns zum Aussichtspunkt Winchus zu fahren.

 

Es ist morgens um 6.°°Uhr und noch dunkel wie wir vom Hotel los Pinos losfahren. Zuerst geht’s wieder in Richtung Entenschlucht. Am Ortsende dann aber links ab nach Huata. Über der Cord. Blanca geht langsam die Sonne auf. Die ersten Gipfel der Cord. Negra, zu der wir hoch fahren, werden beleuchtet. Ein wunderbares Bild in dieser beeindruckenden Landschaft. Uns begegnen Bauern die ihren Holzpflug auf den Schultern tragen und erfahren von Nell, dass sich hier nicht jeder einen Ochsenpflug leisten kann. „Darum gehen diese Männer schon um vier Uhr früh los um die Felder der Nachbarn zu pflügen. Als Gegenleistung hilft dann der Andere, wenn bei ihm eine Arbeit anfällt. So ist jedem gedient, aber keiner muss Geld in die Hände nehmen“. Nach über zwei Stunden haben wir unser heutiges Ziel fast erreicht. Die letzten 500 Höhenmeter müssen zu Fuss erobert werden. Bei über 4500 Metern Höhe geht das nicht ohne einige Pausen zum Luftholen. Auf der Schattenseite liegt immer noch Raureif. Kurz bevor die Sonne über der Cord. Blanca aufsteigt, haben wir den Gipfel erreicht. Was für eine Aussicht! Die ganzen schnee- und eisbedeckten 6000er stehen vor uns. Von Süd bis Nord. Fast wolkenfrei leuchten sie im blauen Morgenhimmel. Es braucht fünf Aufnahmen um die ganze Bergkette zu fotografieren, so gross ist das Panorama! Erst nach einiger Zeit des ehrfürchtigen Staunens nehmen wir auch die nähere Umgebung war. Da sind blühende Kakteen. Ein weisser Kakteenbusch trägt essbare Früchte. Ein Anderer wird von einer Raupe angeknabbert. Kleine Schmetterlinge flattern aufgeregt in der wärmenden Sonne. Ein leuchtend blauer Käfer versucht meiner Kameralinse zu entkommen und weit unten ist das Dorf Caraz zu sehen. Auf der anderen Seite, noch im Morgendunst verborgen, ist Chimbote. Nell erzählt uns nicht ohne Stolz, dass seine Mutter als Händlerin mit ihrer Eselkarawane regelmässig diesen Pass zu Fuss überquert hat. Dabei habe sie Waren von Chimbote nach Caraz gebracht und im Gegengeschäft andere Güter wieder zurück. Jeweils nach 8 – 10 Tagen sei sie wieder Daheim gewesen. Wir haben grosse Hochachtung vor dieser uns unbekannten Frau und können den Stolz von Nell sehr gut verstehen. Nun macht er uns auf einen Weiler am Gegenhang aufmerksam. Seine Häuser kleben regelrecht am steilen Hang und wir fragen uns, wie es möglich ist, diese kleinen fast senkrechten Felder zu bearbeiten. Auf unserer Seite des Hanges sind einige Häuser auf einem Hügel zu sehen. „ Diese Orte sind mit dem Fusspfad verbunden der sich am Hang entlang windet, dort in der Runse verschwindet, und auf unserer Talseite wieder sichtbar wird. Dies ist der Schulweg der Kinder. Jeden Tag gehen sie zwei Stunden zu Fuss. Der Lehrer kommt jeden Morgen mit seinem Motorrad vom Tal hoch um die Kinder zu unterrichten. Von Montag bis Freitag dauert die Schule vier Stunden. Also genau so lange wie der Fussweg für die Kinder ist“.

Fast können wir uns nicht von dem grossartigen Panorama lösen. Nell will uns aber noch die Puya Raimundi zeigen. Sie sind das grösste Ananasgewächs der Welt und können über hundert Jahre alt werden. „Sie blühen nur einmal in ihrem Leben. Dann trägt der bis zu sechs Meter hohe Blütenstängel tausende von kleinen gelben Blüten. Weil sich die Schafe in den herunterhängenden, abgestorbenen Blättern verfangen, werden die Stöcke von den Bauern abgebrannt. Für sie ist der Verlust eines oder gar mehrer Schafe ein sehr grosser Schaden. Darum kann ich ihr Verhalten sehr gut verstehen. Leider aber führt es dazu, dass die Pflanzen fast alle gleich alt sind. Die nächste Blüte wird erst in ca 10 Jahren sein“. Und dann stehen wir vor einem ganzen Hang dieses einzigartigen Gewächses und sind auch ohne Blütenstand von ihrer Grösse beeindruckt. Als Trost – als ob das bei soo vielen grossartigen Eindrücken nötig wäre – fährt Nell mit uns die ziemlich holprige und sehr staubige Piste über Pueblo Libre zurück. Unser Fahrer meint dazu nur: „ Ein Ausflug ohne Staub ist bei uns kein richtiger Ausflug“. Dieses Gebiet wird nicht nur landwirtschaftlich stark genutzt, einer der Hügel ist wie ein Schweizer Emmentaler durchlöchert. In mühsamer Handarbeit wird da Steinkohle abgebaut.

 Wieder zu Hause geniessen wir noch die warme Sonne im kleinen Garten unseres Hotels. Schon früh gehen wir ins Bett. Morgen haben wir schon um 6.°°Uhr die nächste Verabredung.

 

Nell wartet schon wie wir aus dem Garten kommen. In Yungay  steigt die Schotterstrasse, vorbei an kleinen Dörfern und Campos, hoch zu den beiden Bergseen von Llanganuco im NP Huascaran. Leider ist uns heute das Wetter nicht mehr ganz so hold wie in den letzten Tagen. Eine dicke Wolke wirft ihre Schatten ins enge Tal und verdeckt die Spitze des Huascaran und des Huandoy. Ihr Schatten im hinteren Tal und der kalte Wind treiben uns zum vorderen See. Der liegt türkisblau in der Sonne und lädt uns zu einem Spaziergang ein. Der endet genau an der Küche von zwei Indigenas. Am Feuer brutzeln Meerschweinchen, im Topf  kocht Schweinefleisch und Mais und dazu gibt es einen Salat nach Art des Hauses. Wir Drei nutzen das Angebot um unseren Hunger zu stillen und dann wird es schon wieder Zeit an die Rückfahrt zu denken. Wieder fährt uns Nell auf einem anderen Weg zurück ins Tal. Diesmal zeigt er uns Rundgebäude die mit Gras und Stroh bedeckt sind. Zuerst halten wir sie für Silos, bis uns unser Begleiter erklärt: „Das sind die alten Wohnhäuser dieser Region. Noch sind einige bewohnt. Aber wenn sie ersetzt werden müssen, wird meist in der neuen eckigen Weise gebaut. Die Ziegel werden heute noch selber aus Lehm und Stroh hergestellt“.

Im Tal angelangt führt er uns noch nach Yungay viejo, dem alten Yungay das 1970 von einer Schlamm- und Eislawine begraben wurde. Die Gerölllawine wälzte sich, durch ein Erdbeben ausgelöst, ins Tal und begrub 18 000 Menschen unter sich. Heute kann diese Gedenkstätte besucht werden. Eine hohe weisse Christusstatue wacht über dem Ort, Rosenbeete und Palmen schmücken ihn und zu Ehren der Toten ist die Fassade der alten Kirche nachgebaut worden.

Den Abend verbringen wir bei einem feinen Nachtessen das Birte und Ingo – zwei Deutsche Reisende – für uns kochen. Wir spenden den Wein dazu und Margit und Jörg bringen herrlichen Schokoladenkuchen zum Dessert. Das nenn ich einen perfekten Tag!

 

Via Huaraz, wo wir die letzte Nacht beim Hotel Santa Cruz stehen durften, fahren wir heute nach Chavin. Die Fahrt durch das Andenhochland ist für uns ein spezielles Erlebnis. Nach den engen Tälern mit schroffen, himmelhoch wachsenden Felsen und tiefen Abgründen, den landwirtschaftlich genutzten Zonen und der Wüste am Pazifik rollen wir jetzt, zu Füssen der Schneeberge, in den sonnendurchfluteten Weiten der Wiesen und Hochmoore. „Eigentlich fehlen jetzt nur noch die Lamas“. Kaum gesagt, stehen sie da. Die wollig pelzigen – Kälber und Rinder! Viel zu sehen sind hier die Schafherden. Begleitet von Hirtinnen die auf dem Boden sitzend die Wolle ihrer Tiere auf eine Spindel drehen oder stricken. Wir sind schon wieder auf dem Anstieg über den 4500 Meter hohen Pass, da sehe ich doch noch drei Lamas. Eher zufällig, verraten durch die kleinen Corrals in die die Schafe über Nacht eingepfercht werden, entdecken wir die kleinen - zwischen die Felsen geduckten und mit Riedgras bedeckten - Rundhütten der Hirtenfamilien. Sie sind so klein, dass man darin wohl kaum stehen kann. Die Türe ist der einzige Lichteinlass und es gibt weder Strom noch Wasser. Eine Familie verdient sich einen Zustupf indem das Ehepaar die schlimmsten Schlaglöcher zuschaufelt, während die Kleinen am Strassenrand mit Steinen spielen.

Nach dem Tunnel auf der Passhöhe werden wir von einer übergrossen Christusstatue begrüsst. In Serpentinen geht’s ziemlich steil bergab. Dabei fahren wir wieder an Kohlengruben vorbei. Die Stollen sind so niedrig, dass auch kleinere Menschen kaum aufrecht darin gehen können. Jungs – fast noch Knaben – bringen die mühsam von Hand heraus gebrochene Steinkohle mit Schubkarren ans Tageslicht. Strassenarbeiter  kämpfen gegen die immer wieder die Strasse zerstörenden Geröllmassen aus den ungesicherten Hängen. Trotz des äusserst einfachen Lebens dieser Menschen winken sie uns fröhlich zu.

In Chavin fahren wir direkt zu der Ausgrabungsstätte der Prä-Incatempel, die 1919 entdeckt wurden. Diese Anlage gilt als die Älteste Perus. Immer noch arbeiten hier Archäologen der Stanford Universität. Ein grosser Teil liegt heute noch unter den Geröllmassen, die 1945 die Tempelanlage überrollten. Im Gegensatz zu den bisher besuchten Adobebauwerken der Frühzeit, ist die Tempelanlage hier aus Granitsteinen gebaut. Aldo, unser Führer, erklärt uns zuerst an einem Model wie die Ausrichtung der Gebäude ausgesehen hat und was wir heute sehen werden. „ Es gibt einen rechteckigen und runden Platz. Der Erste war dem einfachen Volk bei öffentlichen Zeremonien zugänglich. Dieser ist 49 x 49 Meter gross. Auf den Wällen durfte das Volk zusehen, während die Würdenträger auf den Treppenstufen sassen. Genau in der Mitte des Platzes wurden, nur 50cm unter der Oberfläche, grosse Steinplatten gefunden. Sie liegen auf einer Geröll- und Sandschicht auf. Die Archäologen glauben, dass diese bei Erdbeben eine Verschiebung des Bodens verhindern sollten und auf dem ehemaligen Flussbett liegen. Dass also die Erbauer den Fluss um die Anlage leiteten. Rund tausend Jahre vor Chr. muss das einen unglaublichen Eindruck auf die Menschen gemacht haben. Zusammen mit der ‚Erdflöte’ die bedingt durch verschieden tief angelegte Löcher über einem Wasserkanal einen unheimlichen und unerklärlichen Ton aus der Erde hervorbrachte, haben die Priester mit Angst und Unterdrückung die wohl erste Klassengesellschaft in Peru errichtet“. Vorbei am runden Zeremonienplatz gehen wir zum ehemaligen Eingang der Würdenträger der, mit Ornamenten geschmückt, links die weibliche und rechts die männliche Seite darstellt. Dann gehen wir runter in die unterirdischen Gänge die verschiedenen Räume miteinander verbinden. Ein raffiniertes Belüftungssystem sorgt für gute Luft und kleine Lichtschächte bringen wenig Licht nach unten. „Die Wissenschaftler haben bei ihren Nachforschungen keinerlei Russspuren hier unten gefunden, die auf ein künstlich erzeugtes Licht hinweisen würden. Hingegen fanden sie zu Spiegeln verarbeitete Anthrazitplatten, die möglicherweise das Licht umlenkten und so die Räume etwas erhellten. Durch die Einnahme des halluzinogenen San-Petro-Kaktus wurden die Pupillen erweitert und so das Sehen in dem Dämmerlicht erleichtert“.

Die Originale der Stelen und Obeliske sind im Museum in Lima zu bewundern. Als einziges Kunstwerk an seinem ursprünglichen Platz steht im Mittelpunkt der unterirdischen Gänge ein 4,5 Meter hoher schön bearbeiteter Granitblock in Form eines Messers mit einem Rauptiergesicht und Schlangenhaar. Leider ist dieses Kunstwerk durch eine Glaswand geschützt und nur von der Schmalseite der Messerscheide aus zu sehen. So muss eine Zeichnung herhalten um das ganze Kunstwerk zu erkennen.

Wieder am Tageslicht gehen wir an den Aussenwänden des dreistöckigen Palastes vorbei. Hier ist noch einer der ‚Zapfen’ zu sehen die einmal das Bauwerk zierten und an menschliche Köpfe erinnert.

Vor dem Tor warten Margit und Jörg auf uns und wir beschliessen den Abend an der hübschen Plaza des Ortes.

 

Wegen der Unruhen in den Bergen sind wir leider gezwungen auf die Panamerikana am Pazifik auszuweichen. Das bedeutet wieder zurück in das graue Einerlei des Nebels und in den Wüstenstreifen an der peruanischen Küste. Heute aber geniessen wir die Fahrt, die Sonne und die grossartige Landschaft  hier in den Bergen. Zuerst wieder den Pass hoch, dann weiter in den Weiten der Hochebene – aber dann windet sich die Strasse stundenlang nur noch bergab. Am Abend erreichen wir Chasquitambo, wo wir im Fe y Alegria einen Parkplatz für die Nacht finden.

 

Am Morgen ist er dann da – der Hochnebel. Fast wie bei uns im November. Zum Glück fehlt aber die Winterkälte. Soweit wir sehen können, fahren wir durch ein sehr karges Gebiet. Das Tal wird langsam breiter und in der Flussebene sind Felder auszumachen. In den Farben Rot, Gelb, Orange und Schwarz leuchten fröhlich die Paprikaschoten und Maiskolben die am Strassenrand zum Trocknen ausgelegt sind. Nach einem Abstecher zur Pyramide Paramonga und dem Badeort Vegueta haben wir den sandigen Weg zum Nationalpark de Lachay eingeschlagen. Am Abend setzt ein Nieselregen ein. Ein Deutsches Ehepaar findet noch in diese Einsamkeit. Wie immer in solchen Momenten werden viele Infos ausgetauscht beim gemütlichen Zusammensitzen mit Bettina und Rolf.

 

Nach der Verabschiedung unserer Nachbarn brechen wir zu einer kleinen Erkundungstour auf. Es ist immer noch diesig aber es hat sich so weit gelichtet, dass wir fast bis zum Pazifik runter sehen. Am Bergkamm über uns sind Nebelfangnetze sichtbar. Sie wurden aufgestellt um die Luftfeuchtigkeit einzufangen. Dachrinnen fangen die Tropfen auf und über einen Schlauch wird das Nass in ein Becken geleitet. Neugierig darauf machen wir uns auf den Weg. In Serpentinen geht es ständig bergauf. Plötzlich entdecken wir, dass wir verfolgt werden. Eine kleine Füchsin trottet hinter uns her. Sie zeigt keine Anstalten vor uns zu fliehen, wahrt aber einen Sicherheitsabstand. Wie sie merkt, dass von uns keine Gefahr ausgeht überholt sie uns indem sie den Weg abkürzt. Nun erinnert sie uns in ihrem Verhalten wirklich an unseren Hund Jerry. Fröhlich trabt sie voraus hält aber immer wieder an und schaut zurück, ob wir ihr auch wirklich folgen. Manchmal duckt sie sich, streckt das Hinterteil in die Höhe, macht einen Sprung zur Seite und fordert uns auf diese Weise nach Hundemanier zum Spiel heraus. Auf der Anhöhe geht sie Querfeldein, schaut vom Kamm noch einmal zurück und verschwindet. Schade, wir hatten so viel Freude an ihrem Spiel, dass wir gar nicht bemerkt haben, wie wir zum Kamm hochgestiegen sind. Nun sind wir schon mal da und gehen weiter zu den Nebelnetzen. Unbemerkt hat sich im Tal wieder Nebel gebildet und dicke Schwaden ziehen herauf. Wir entschliessen uns auf demselben Weg wieder zurück zu gehen – und werden schon von unserer Füchsin erwartet. Sie begleitet uns noch ein Stück des Weges. Wir haben Glück, noch bevor der Nieselregen anfängt, sind wir wieder beim Auto.

 

Gestern sind wir in Lima angekommen und heute scheint nach Tagen wieder die Sonne. Mit dem Taxi fahren wir zum Platz vom hl. Martin. Hier beginnt die Fussgängerzone auf der wir zum Hauptplatz kommen. Der Brunnen in der Mitte ist der Nullpunkt von Peru von dem alle Distanzangaben des Landes angegeben werden. Wie überall in den spanischen Ländern wird er eingerahmt vom Regierungs- und Bischofspalast, sowie der Kathedrale. Punkt 12.°°Uhr Mittags schauen wir der Wachablösung vor dem Regierungspalast zu und wenden uns dann weiter zum Kloster San Francisco. Neben dem Museum das der religiösen Kunst gewidmet ist, lohnt sich der Besuch auch wegen der Bibliothek mit Texten und Bücher die bis auf die Zeit der spanischen Eroberung zurückgehen. Danach geht’s runter in die Katakomben mit Krypten voller menschlicher Knochen. Wir hören, dass die unterirdischen Gänge im Jahr 1951 wiederentdeckt wurden und dass hier über 70 000 Tote beerdigt wurden. Nach diesem gruseligen Ausflug in die Unterwelt gehen wir weiter zum ehemaligen Bahnhofsgebäude und bestellen im ältesten Restaurant von Lima einen Kaffee. Wie immer unterschätzen wir die Zeit die man für einen ausgiebigen Rundgang in so einer grossen Stadt braucht. Wir begnügen uns damit noch einige Patrizierhäuser von aussen zu betrachten und lassen uns dann von einem Taxi nach Hause fahren.

 

Auf dem Weg zur Halbinsel Paracas fahren wir auf der Panamericana weiter Südwärts. Die aufgelockerte Nebelschicht gibt immer mal wieder den Blick frei auf die Küste. Im Nationalpark finden wir einen geschützten Platz beim Museum. Ein markierter Pfad führt in die Bucht von wo man Flamingos, Reiher, Pelikane und viele andere Seevögel beobachten kann.

Nach dem Frühstück fahren wir durch eine grossartige Wüstenlandschaft mit traumhaften Ausblicken aufs Meer und grandiosen Küstenfelsen und diversen Stränden. Allenthalben sind Campingplätze angelegt. Leider aber warnen uns die Parkwächter, dass es in letzter Zeit zu Überfällen auf Reisende gekommen ist. Sie empfehlen uns ihre Stützpunkte für die Nacht anzufahren. So beenden wir den Rundkurs wieder beim Museum.

 

Nach Ica wenden wir unser Auto westwärts zur Laguna Huacachina. Ihre Besondernheit ist ihre Lage zwischen hohen Sanddünen, wie man sie von Bildern aus der Sahara kennt. An ihren Hängen wird, wie auf Schnee, mit Sandbord-Brettern gefahren und in den Sandbergen dröhnen die Sandbuggis. Aber am frühen Morgen , wenn über der Wasserfläche noch der Nebel wabert, lohnt sich ein, allerdings sehr mühsamer, Aufstieg zum Kamm der riesigen Sanddünen.

 

Nasca erreichen wir nach einer Fahrt durchs Küstengebirge und eine trockene Wüstenregion. Die Strasse windet sich dann ins grün angepflanzte Nascatal in dem 1939 die berühmten Nascalinien - mit grossflächigen Linien und Zeichnungen im Wüstenboden – entdeckt wurden. Ein Aussichtsturm, etwa 20 km vor Nasca, gibt einen ersten Eindruck. Zu sehen sind hier ‚die Hände’ – ‚der Baum’ und leider sehr schlecht ‚die Eidechse’. Beim Bau der Panamericana wurde sie am Schwanz durchschnitten und zahlreiche Fahrspuren von „Entdeckern“ haben sie zusätzlich beschädigt. Wir quartieren uns im Maison Swiss ein und buchen einen Rundflug für den nächsten Morgen.

Wir haben schon bei der Herfahrt gesehen, wie die kleinen Buschflugzeuge Kapriolen am Himmel fliegen. Klar, die Piloten wollen allen ihren Gästen die Bilder zeigen. Das heisst, er fliegt einmal rechts rum, dreht in einer kleinen Schleife und dann geht’s noch einmal in einer Linkskurve um dasselbe Bild – und weiter zum Nächsten, wo wieder alles von vorne beginnt. Auf diese Weise werden 13 Bilder angeflogen! Ich bin gar nicht mehr soo sicher, ob ich mich auf dieses Abenteuer freue. Aber dann schlucke ich eine Reisetablette und trotte tapfer lächelnd hinter dem Piloten her. Jaaa, bis zum Anflug des ersten Bildes ist ja schon mal alles gut gegangen. Über Kopfhörer werden wir auf den Wal am Boden aufmerksam gemacht und mit fröhlicher Stimme meint der Pilot: „Und jetzt einmal rechts rum – sehen sie den Wal? Ist er nicht wunderschön? Einmal ganz langsam drumherum! Haben sie alle ihr Bild schiessen können? Dann dasselbe noch einmal für die Gäste auf der rechten Seite. Uuund jetzt – sehen sie ihn? Schauen sie, da ist er. Sehen sie bei der Linie die in den Spitz läuft, in der Nähe des Ecks. Ich fliege noch einen Moment – und jetzt, auf zum nächsten Bild“.

Krampfhaft versuche ich meine Augen wieder auf gerade zu stellen, sehe den Piloten tatsächlich nicht mehr doppelt – und schon fängt er an uns auf den Triangel einzustimmen. Der Astronaut ist an eine Felswand geritzt worden. Das hilft dem Magen wieder seinen ursprünglichen Platz zu finden, weil das Flugzeug nicht soo fest abkippen muss. Nach der Hälfte der Strecke schaut der junge Pole neben dem Piloten beharrlich auf seine Knie. Genau so beharrlich konzentriere ich mich beim Flug von einem Bild zum Anderen auf den Horizont. Mit der Begeisterung des Könners und nicht nachlassender Freude werden wir von unserem Piloten von einem Bildnis zum Nächsten geleitet und – endlich – nach dem 13! tönt es aus dem Kopfhörer: „ In zwei Minuten sind wir zurück am Flughafen“. Juuppiii, nun einige male durchatmen – und dann mit eingefrorenem aber tapferen Grinsen hinter dem Piloten zum Fluggebäude gewackelt. Mann, war das grossartig – und gar nicht soo schlimm. Ehrlich!!!  

 

Nach dieser Mutprobe und der langen Reise durch die Wüste wollen wir den herrlich grünen Garten und die gute Küche in unserem Hotel noch einige Tage geniessen. Abgekürzt werden unsere Ferien beim gemütlichen Zusammensein mit Katja und Resu aus dem Bernbiet und mit Peter der schon nächste Woche wieder ins Rheintal zurück fährt.

 

Auf unserer Weiterfahrt in den Süden machen wir einen Zwischenhalt im Gräberfeld von Chauchilla. Grabräuber haben diesen Friedhof der aus der Vor- Inkazeit stammt, arg verwüstet. Um an die für sie vielversprechenden Schätze zu kommen, wurden die Mumien und Leichenteile einfach in der Wüste weggeworfen. Noch heute liegen überall Knochen, Stoffreste und Keramikscherben herum. Archäologen haben einige Gräber ausgehoben, überdacht und die menschlichen Überreste zur Ruhe gebettet. Die Frage beschäftigt uns, was das für Menschen sind, die so lieblos mit Verstorbenen umgehen können? An der Staubpiste die zu dieser Begräbnisstätte führt. Halten wir an einem trostlosen Wüstenfriedhof der heutigen Zeit an. Hier bekommen wir eine mögliche Antwort auf unsere Frage. Wer hier geboren wird und ohne Hoffnung auf eine Zukunft aufwächst, oft am Morgen nicht weiss, ob er heute zu Essen hat, in einer Schilfmattenhütte ohne jede sanitäre Einrichtung haust und dann bestenfalls unter einem Holzlattenkreuz in der Wüste verscharrt wird, der wird sich kaum Gedanken machen über Ethik und Moral. Hauptsache er findet etwas das ihm das Überleben für diesen Tag sichert. Morgen ist Morgen – und der Tote merkt ja nichts mehr. Nein – wir haben wirklich nicht das Recht zu Urteilen – oder gar zu Verurteilen. Mehr als einmal haben wir in diesem Land gesehen und gehört wie wenig ein Menschenleben wert ist.

 

Wir fahren wieder zurück zur Panamericana und erleben bei Sonnenschein eine Küstenstrasse die es ohne weiteres mit dem berühmten Highway 1 in Kalifornien aufnehmen kann. Hohe Klippen, schroffe Felsformationen und kilometerlange Strände wechseln sich ab mit sichelförmigen Sanddünen die – vom starken Wind getrieben – über die Strasse wandern und oft nur noch mit Hilfe des Baggers wieder zur Seite geschoben werden können, dazu das Wellen brechende Meer und über uns der etwas diesige aber blaue Himmel bieten ein genussvolles und abwechslungsreiches Schauspiel. Am späteren Nachmittag erreichen wir die Abzweigung zum Puerto de Inca. Einem ehemaligen Inkahafen an dem noch die Ruinen zu sehen sind. Von hier sollen die sagenumwobenen Läufer frischen Fisch bis nach Cusco getragen haben. Eine unglaubliche Leistung! Wir stehen direkt am Strand mit Blick auf die Bucht, beobachten Fischer in ihren einfachen Booten, plaudern mit Algensammler die die Tangteppiche aus dem kalten Wasser ziehen. Wandern in den Klippen, erforschen die Ruinen, schauen den Seevögeln bei ihren Tauchgängen zu und lassen uns im Restaurant mit herrlichen Fischspezialitäten verwöhnen.

 

Nach weiteren 400 Kilometern haben wir Arequipa erreicht. Hier wollen wir einige Tage bleiben um unsere Körper wieder an die Höhe von über 2000 Metern zu gewöhnen. Im Hostal las Mercedes haben wir einen sicheren Standplatz gefunden von dem aus wir die Altstadt und ein nahes Einkaufszentrum bequem zu Fuss erreichen können. Ein idealer Ort um es sich ein paar Tage gut gehen zu lassen.

Beim Rundgang des historischen Zentrums von Arequipa, hat das Kloster Santa Catalina einen ganz besonderen Eindruck hinterlassen. 1579 also nur 40 Jahre nach Ankunft der Spanier in Arequipa, wurde das Kloster Santa Catalina de Siena gegründet.  Damals gehörte es zur Tradition wohlhabender Familien, dass die erste Tochter gut verheiratet wurde. Die zweite Tochter wurde zur Nonne erzogen und die Aufgabe der dritten Tochter war es für die Eltern zu sorgen. Seit seinem Beginn traten die 12 jährigen Mädchen in das Kloster ein und durften die nächsten 2 Jahre ihre Zelle nicht verlassen. Nach Ablauf dieser ‚Bedenkzeit’ wurden sie vom Bischof im Beisein der Äbtissin gefragt, ob sie nun als Klausurnonnen leben möchten. Diese Frage war aber eine reine Formsache. War es doch damals undenkbar, dass sich ein Mädchen gegen die Tradition auflehnte. Es war selbstverständlich, dass sie ihren eigenen Hausrat in Form einer Mitgift mitbrachten und die Familie hatte für ihren  Lebensunterhalt aufzukommen. Untereinander sahen sich die Nonnen nur in der Frühmesse. Ihr Gelübde lautet: Schweigen, Beten und Arbeiten, aber nicht Armut. Sie lebten in unterschiedlich nobel eingerichteten Einzelzellen mit eigener Küche und hatten Dienerinnen die für sie sorgten. Zur Gewinnung von gesundem Trinkwasser steht in jeder Küche ein Tuffsteintrichter auf einem Holzgestell. Ohne Loch am unteren Ende sickert das Wasser langsam durch den porösen Stein in ein Gefäss am Boden. Auf diese Weise kann in sieben Stunden drei Liter reines Trinkwasser gewonnen werden.

Ihre Familien durften sie höchstens einmal in der Woche besuchen.  Durch ein Holzgitter mit Vorhang getrennt, konnten sie 10 – 20 Minuten miteinander sprechen.

 

Die Klosteranlage steht auf einem 20 000 qm grossen Grundstück und ist von einer hohen Mauer umgeben. Es gibt nicht einen Klosterkomplex im herkömmlichen Sinn. Mit den vielen einzelnen Gebäuden, den Gassen, Plätzen, Innenhöfen und Treppen bildet der Konvent praktisch eine kleine Stadt in der Stadt Arequipa. Jede Plaza wurde anders gestaltet und mit Brunnen oder Bäumen und vielen Blumen geschmückt. Der Kreuzgang ist mit wunderbaren Fresken verziert. Sie werden der Cusco-Schule zugeordnet. Die Künstler sind unbekannt. Ein Grund dafür ist, dass indianische Künstler ihre Werke nicht signieren durften. Die Bilder sind aber nur ein kleiner Teil der grossartigen Gemäldesammlung des Klosters. Einzigartig ist auch die Darstellung des Abendmahls mit Holzpuppen. Auf der rechten Seite des Tisches fällt der Judas mit seinem roten Gesicht auf. Damals galten alle Indigenas als Verräter. Also stellte man den Jesusverleumder kurzerhand als Rothaut dar.

Ein Obstgarten wurde ebenfalls angelegt. Ganz hinten ist die wohl erste ‚Waschmaschine’ in Peru zu bewundern. Hier wird in einem Mittelkanal das Wasser eingeleitet. Mit Hilfe eines Steines wurde das Wasser gestaut und floss so in halbierte Amphoren die als Waschbecken dienten. Gleich daneben ist auch das Badebecken für die Dienerinnen im Boden eingelassen. In jeder Ecke durfte ein Mädchen, durch Schleier verhüllt, in den Pool eintauchen. Eintritt bekommen wir auch in die Grossbäckerei von damals und eine Treppe führt zu einem Aussichtspunkt, der einem einen tollen Blick erlaubt auf die Klosteranlage und über die Stadt zu den Bergen Misti, Chachani und Pichu Pichu die das Tal um Arequipa einrahmen.

 

Den Besuch im Konvent beschliessen wir im Restaurante Chi Cha, vis a vis des Klosters. Hier bestellen wir uns eine Spezialität  der Region. Rocota Relleno ist eine kleine scharfe Paprika mit einer speziellen Fleischfüllung, serviert mit Kartoffelauflauf. Einfach lecker!!!!

 

Wir haben uns gut an die Höhe angepasst und so wollen wir weiter zum Colca Canyon. Zuerst geht’s in Serpentinen hoch bis zu einer Hochebene von wo wir einen schönen Blick zurück zum Vulkan Misti haben. Immer der Bahnlinie entlang fahren wir durch die karge Hochgebirgslandschaft des Nationalparkes Salina y Aguada Blanca. Drei von vier Kleinkamelrassen sind hier zu Hause. So zwingen uns die vielen  Lamas, Alpakas und die zierlichen Vicuñas immer wieder zum Fotostopp. Zum Teil stehen sie Knietief in den Hochmooren und geniessen das frische Grün, während andere langsam äsend über die braunen, kaum den Boden bedeckenden Wiesen ziehen. Auf dem Patapampa-Pass auf 4910 Meter Höhe haben wir einen grossartigen Blick zu den Vulkanbergen und dem schneebedeckten  Ampato. Der eiskalte Wind der hier über die Steinwüste bläst, lässt uns ins Auto flüchten. Vorbei an Schneefeldern und vereisten Wasserläufen, senkt sich die Strasse und uns fällt eine neue Pflanze auf, die wir bisher noch nicht gesehen haben. In leuchtendem, hellem Grün überzieht sie die Steine in der Art wie wir es in Europa von den Moosen kennen. Auf Prospekten sehen wir sie später wieder abgebildet und so erfahren wir, dass sie Yareta heisst und nur hier vorkommen soll. Vor uns öffnet sich das Colca-Tal und gibt weit unten den ersten Blick auf Chivay und die umliegenden Dörfer frei. In engen Serpentinen fahren wir den steilen Hang hinunter bis auf 3650 Meter. Noch vor der Einfahrt ins Dorf müssen wir den Eintrittobolus von 35 Soles p.P. bezahlen. Nur so können wir dieses Tal besuchen. Wir fahren weiter bis ins kleine Dörfchen Yanque und finden eine freundliche Aufnahme im Hotel Collahua.

 

Leider haben wir Probleme mit der Standheizung und die Wasserpumpe streikt ebenfalls. Auf dieser Höhe wird es empfindlich kalt in der Nacht. So wird der Besuch am Cruz del Condor verschoben. Zum Glück bringt Hanspeter die Heizung wieder zum laufen. Trotz handwerklicher Unterstützung in Chivay bringt auch am Abend die Wasserpumpe keine Leistung. Also heisst es sämtliche Kanister füllen, damit wir Morgen früh zum Aussichtspunkt fahren können von wo man Kondore sehen kann.

 

Noch vor Sonnenaufgang fahren wir los. Ab Yanque ist die Strasse nicht mehr geteert. Auf der Schotterpiste kommen wir aber gut voran. Noch liegen die Nebelschwaden im Tal. Langsam wird es hell über den Gipfeln und wie ein blitzender Diamant steigt die Sonne über den Bergen hoch. Pünktlich um Acht haben wir den Aussichtspunkt erreicht. Nur haben sich nun dicke Wolken vor die Sonne geschoben und die Kondore bleiben in den steil abfallenden Hängen auf ihren Nestern sitzen. Während wir den munteren Viscachas beim spielen zusehen bläst der Wind die Wolken zur Seite – und dann sehen wir die riesigen Vögel langsam hochsteigen. Was für ein Anblick! Die Kondore haben eine Flügelspannweite von über drei Metern. Die schwarzen Vögel scheinen an uns genau so interessiert zu sein wie umgekehrt. Manchmal ziehen sie so nah an uns vorbei, dass sie mit der Kamera nicht mehr erfasst werden können, so tief fliegen sie über unsere Köpfe. Dabei schauen sie uns neugierig an, ziehen einen Kreis und fliegen unter uns im Canyon wieder zurück. Silberhell leuchten ihre Flügel und ihre weisse Halskrause. Einige Tiere sind etwas kleiner und haben ein braunes Federkleid. Wir rätseln ob das wohl die Weibchen sind? Kondore werden bis zu 70 Jahre alt, werden aber erst mit 12 Jahren geschlechtsreif und die Weibchen legen nur alle drei Jahre ein Ei. All das habe ich über diese vom Aussterben bedrohten Tiere gelesen bevor wir zu diesem magischen Ort gefahren sind. Aber jetzt wo wir sie so nah erleben dürfen sind wir einfach nur voller Bewunderung für diese herrlichen Tiere und wir können gut verstehen, dass sie bei den Inkas als Symbol des Lichts und der heiligen Sonne und als Boten für die ‚obere Welt’ verehrt wurden. Erst gegen Mittag lassen sie sich von den warmen Aufwinden in luftige Höhen treiben und entschwinden als kleine Punkte in den Himmel. Ob sie immer noch die Inkagötter treffen?

Langsam machen wir uns wieder auf den Rückweg und noch beim Einschlafen dämmert die Seele voller Dankbarkeit von diesem grossartigen Naturerlebnis hinüber in eine traumlose Nacht.

 

Am nächsten Morgen heisst es Abschiednehmen. Alle Flaschen und Kanister mit Wasser gefüllt fahren wir wieder zurück zur Hauptstrasse Arequipa – Juliaca, wo wir auf einer Tankstelle ausserhalb des Ortes übernachten. Eigentlich wollten wir in Juliaca einen  Schlafplatz suchen. Die Polizei warnte uns aber eindringlich vor den Gefahren in der Hauptstadt der Region frei zu stehen und sie konnten uns auch nicht einen geschützten Standort nennen. Ich muss gestehen, dass die vielen Warnungen vor Überfällen die wir immer wieder von Einheimischen, Hotelbesitzern, Geschäftsleuten, Parkwächtern und Polizei erhalten, mich zum ersten Mal auf unserem Trip nicht mehr so unbeschwert dieses wunderschöne Land bereisen lassen. Die Informationen von anderen Reisenden von ihren schlimmen und wirklich bedrohlichen Erlebnissen bestätigen uns eindrücklich wie ernst die Warnungen genommen werden müssen. Umso dankbarer sind wir, dass wir zwar einige Wunschziele auslassen mussten, aber bisher keine nennenswerten Gefahrenmomente erlebten.

 

Durch das eindrückliche Altiplano fahren wir durch viele kleine Dörfer und geniessen die Ausblicke auf die herrlichen Bergseen. Hängebrücken verbinden die Ländereien die durch Flüsse zerschnitten sind und zum ersten Mal seit Arequipa sehen wir einen Zug auf den Geleisen, die uns fast die ganze Strecke neben der Strasse begleiten. Schon fast selbstverständlich sind uns der Anblick der vielen Enten, Gänse und Ibisse. Schon einen Fotohalt sind uns dann aber die Storchenkolonie wert die sich an einer der zahlreichen Lagunen niedergelassen hat. Aber dann wollten wir unseren Augen fast nicht trauen, wie wir die ersten rosaroten Flamingos auf einer Höhe von 4500 Metern sehen! Voll von den vielen tollen Bildern dieses grossartigen Landes erreichen wir am Nachmittag Cusco. Ein weiterer Höhepunkt auf unserer Reise ist erreicht.

 

Nach drei Tagen der Akklimatisation fahren wir heute nach  Ollantaytambo, einem malerischen Dorf im heiligen Tal der Inkas. Noch heute führen enge Kopfsteinpflasterstrassen durch den ländlichen Ort. Für einmal sind für uns nicht die steilen Terrassen der Inkaruinen  das Ziel unserer Reise. Hier können wir unser Auto sicher in der Anlage der schönen Ollantaytambo - Lodge stehen lassen, um mit dem Zug nach Aguas Calientes zu fahren. Kein sehr schöner Ort der am Urubambafluss liegt. Umgeben von steilen Bergwänden und Nebelwald. Von hier kann man zu Fuss oder mit dem Bus Machu Picchu erreichen. Diese ‚verlorene Stadt der Inkas’ ist wohl für jeden Perureisenden ein absolutes Muss und auch wir können seinem Ruf nicht widerstehen.

 

Um 5.30 Uhr stehen wir in der Schlange und warten auf den ersten Bus der uns nach Machu Picchu hochbringt. Diese Fahrten sind sehr gut organisiert und wir kommen noch rechtzeitig – das heisst, vor Sonnenaufgang – an. Nach dem Eingang geht’s gleich links den steilen Weg hoch zum ‚Wächterhaus’. Von hier hat man einen tollen Überblick auf die Anlage und es ist genau der Platz von wo das hunderttausendfach kopierte Bild mit dem Waynapicchufelsen im Hintergrund um die Welt geht. Hier wollen wir warten bis die Sonne über den Bergen hochgeht und ihre wärmenden Strahlen über die Ruinen ausbreitet. Die Stadt ist deutlich in zwei Hälften geteilt. Links, von unserem Standpunkt aus gesehen, liegt die Oberstadt die den Würdenträgern vorbehalten waren. Die Häuser sind deutlich grösser und feiner gearbeitet. Hier stehen auch die verschiedenen Tempel. Auf der rechten Seite ist das Handwerkerviertel, die Gefängnisse und die Lagerhäuser etc. zu finden. Getrennt sind die Stadtteile durch grosse grüne Zeremonialplätze auf denen Lamas weiden. Sie sind die Einzigen die diese Plätze betreten dürfen. Obwohl viele Menschen mit uns hochgefahren sind, wirkt die Anlage überhaupt nicht überlaufen. Auch von unserem erhöhten Standpunkt aus verlieren sie sich zwischen den Häusern. – Und dann ist er da – der magische Moment. Zu unserer Überraschung wird nicht etwa der Waynapicchu zuerst angestrahlt. Das erste Sonnenlicht fällt auf die Oberstadt, genau auf den Intiwatana, einem Felssockel dessen Namen übersetzt „Sonne anbinden“ bedeutet. Dieser Granitblock ist so behauen, dass seine vier Kanten genau den vier Himmelsrichtungen entsprechen. Die Neigung des ‚Messstabes’ steht im direkten Zusammenhang mit dem Äquator und der Schattenwurf konnte als Sonnenuhr benutzt werden. Das alles gilt als sicheres Zeichen, dass dieser Ort astronomischen Zwecken diente.

Weiter fliesst das Licht über den heiligen Platz zum Sonnentempel und das Palastviertel, überflutet die Zeremonialplätze und erst beim erreichen der Unterstadt  fängt auch der Gipfel des Waynapicchu an zu leuchten. Während die Sonne langsam an den umgebenden Bergen zum tief unter uns fliessenden Urubambafluss runterwandert, machen auch wir uns auf den Weg diesen geheimnisumwitterten Ort zu erkunden. Bis heute streiten sich Gelehrte und Fantasten über den Sinn und Zeck dieser Anlage.

 

Durch das heilige Tor treten wir ein in das Palastviertel, bewundern da den am feinsten bearbeiteten Sonnentempel. Guggen rein in das Königsmausuleum und gehen weiter zum Tempelviertel mit dem Intiwantanafelsen. Von da gehen wir am heiligen Felsen vorbei in die Unterstadt mit dem Lager- und Speicherviertel, versuchen den Unterschied festzustellen zwischen den Gebäuden der Handwerker und dem Wohnviertel der Intellektuellen. Im Gefängnisviertel dann versuche ich einem Lama zu entkommen das mich durch die engen Gassen verfolgt und so gelangen wir in den Tempel des Kondors. Über die Terrassenfelder und vorbei an den ‚Bauernhäusern’ steigen wir wieder hoch zum Wächterhaus.

Inzwischen ist es Mittag geworden und die Busse fahren Horden von Touristen in die heilige Stadt der Inkas hoch. Um diesem Andrang zu entfliehen machen wir uns auf um die alten Inkawege zu erkunden. Hanspeter möchte unbedingt noch einmal zum Sonnentor hoch. Hier war er schon bei seinem ersten Besuch vor 29 Jahren. Dieses Tor muss jeder durchschreiten der auf dem Inkatrail hierher wandert und von hier bietet sich ein grossartige Überblick auf die Stadt und das Umland. Zurück beim Wächterhaus nutzen wir den anderen alten Weg und wandern auf einem schmalen Saumpfad zur Inkabrücke. Der Weg führt teilweise durch Nebelwald, klebt regelrecht an der Felswand und stellenweise fällt das Gelände mehrere hundert Meter in die Tiefe. Es gibt einige Teilstücke wo ich mich richtig überwinden muss weiter zu gehen. Die Brücke selber ist seit einem tödlichen Unfall für die Besucher gesperrt. Heute deuten 3 Meter lange Holzbalken die ehemalige Zugbrücke an mit deren Hilfe man den Zugang versperren konnte.

Am späteren Nachmittag erreichen wir mit Hilfe eines Busses ganz bequem wieder Aguas Calientes wo wir einen gemütlichen Abend mit unseren Freunden verbringen.

 

Heute fährt unser Zug erst am späteren Nachmittag nach Ollantaytambo zurück wo wir noch einmal übernachten bevor wir mit unserem Schnüfeli am 4. August nach Pisaq weitergefahren wo wir die grossartigen Inkaruinen besuchen. Der Ruinenkomplex liegt auf einem Felsvorsprung einige hundert Meter über dem Tal. Die Stadt wurde durch Festungsmauern und Tore geschützt und die ganze Anlage ist mehrere Quadratkilometer gross. Während Machu Picchu – vom Urwald überwuchert – zum grossen Teil wieder hergestellt wurde, beeindruckt dieser Ort nicht nur durch einen herrlichen Blick über die Terrassenfelder hinunter zum Rio Vilcanota und zu den umgebenden Bergen, sondern auch durch die Tatsache, dass über 90 % der Anlage noch ursprünglich erhalten sind. Im el Molle, etwas ausserhalb von Pisaq, treffen wir Margit und Jörg die in der Zwischenzeit im NP Manu waren und uns den Ausflug dahin wärmstens empfehlen. Wir haben von ihnen schon so viele herrliche Tipps erhalten, dass es klar ist, da wollen wir auch hin – später.  

 

Erst drei Tage später erreichen wir wieder Cusco, wo wir die nächsten Ausflüge planen. In Chinchera besuchen wir den Sonntagsmarkt und sind einmal mehr begeistert von den herrlichen Trachten der Indigenas. Nach dem Einkauf führt uns der Weg in allgemeiner Richtung nach Urubamba über eine fruchtbare Hochebene, die schon zu Zeiten der Inkas als Kornkammer genutzt wurde. Heute noch stehen da gepflegte Gehöfte im Lehmbautenstil und grossartige Blicke zu den schneebedeckten Bergen lohnen den einten oder anderen Fotostopp. Kurz bevor die Strasse sich in Serpentinen nach Urubamba absenkt, zweigt eine Naturstrasse ab nach Maras und von da weiter nach Moray. Einem Landwirtschaftszentrum der Inkazeit wo eine terrassenförmige, kreisrunde Ackerbauanlage besichtigt werden kann. Sie senkt sich trichterförmig in den Boden und wird durch Wassergräben bewässert.

Wieder zurück in Maras geht die Piste kurz nach dem ursprünglichen Ort links ab zu den Salinas, den Salzterrassen von Pichingote. Die gleissend hell leuchtenden Terrassen  bieten einen unglaublichen Anblick. Schon die Inkas haben hier Salz gewonnen. Ein Arbeiter erzählt uns, dass das Wasser immer in der gleichen Menge aus dem Berg fliesst. Egal ob Regen- oder Trockenzeit. Der Salzgehalt ist bei 29% und über ein ausgeklügeltes System werden die Becken gefüllt – das Wasser verdunstet – wieder werden die Becken gefüllt und nach einem Monat entsteht so eine ca. 10 cm dicke Salzschicht die abgetragen werden kann. Wir schauen Frauen zu die Barfuss in der Lacke stehen, mit zwei Holzlatten das Salz zusammenschieben und dann mit einer Schaufel oder einem Becken das Salz abschöpfen und damit am Rand des Beckens Haufen zum Trocknen bilden. Genau so müssen schon die Inkas das Salz gewonnen haben!

Wir fahren weiter nach Pisaq, da die steilen Serpentinen hoch und beenden unsere Rundreise wieder in Cusco. Hier wollen wir uns nun endlich Zeit lassen und die – laut unserem Reiseführer  in 3430 m Höhe gelegene Hauptstadt der Region -schönste, abwechslungsreichste und aufgrund ihrer historischen Bedeutung, die wohl interessanteste Stadt Südamerikas erkunden.

Die Geschichtsschreiber erzählen vom unglaublichen Glanz der Stadt wo die königlichen Paläste mit getriebenem Gold verkleidet waren. Die goldhungrigen Spanier haben all die Schätze eingeschmolzen und die Paläste abgebrochen und die sorgfältig bearbeiteten Steine der Mauerwerke – auch von der nahen Festung Saqsaywaman – benutzt um ihre eigenen Kolonialbauten und Kirchen aufzubauen. Wenn man heute durch die engen Gassen bummelt, können nur noch die Grundmauern der Inkapaläste bewundert werden. Trotzdem  steht man da und kann kaum glauben mit welcher Präzision die Steine ineinander gefügt wurden. In einer Gasse werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass man bei genauem Hinsehen eine Schlange und einen Puma entdecken kann. Da diese Bildnisse so gross und die Gasse so schmal ist, schaffe ich kein Überblickbild mit meiner Kamera. Wir kaufen darum zwei Postkarten auf denen die Tiere nachgedunkelt hervorgehoben werden und fotografieren dann diese zu unserer Erinnerung. An der schönen Plaza, die zur Inkazeit fast doppelt so gross war, besuchen wir das Hotel los Balcones, wo Hanspeter schon vor 30 Jahren gewohnt hat. Auf dem Balkon, mit einem tollen Blick zur Kathedrale und der Kirche La Compania, lassen wir uns mit Spezialitäten der Region verwöhnen. So gestärkt gehen wir die Avenida del Sol runter zum Kloster Santo Domingo, wo beim starken Erdbeben im Jahr 1950  die Überreste des ehemaligen Sonnenheiligtums Qoricancha freigelegt wurden. Wieder einmal werden wir beim Verlassen dieses Ortes überrascht wie viel Zeit bei der Besichtigung ‚verloren’ ging. Wir haben noch einige Einkäufe zu erledigen und ein Taxi bringt uns dann bequem zurück zu unserem Campingplatz hoch über Cusco. Ein toller Treffpunkt für Reisende. Hier haben wir ‚alte’ Bekanntschaften aufgefrischt und neue Freundschaften geschlossen, gemeinsam gute Restaurants entdeckt und heisse Spielabende verbracht.

 

Heute aber wollen wir endlich dem Rat von Margit und Jörg folgen und in den Nationalpark Manu fahren. Also noch einmal nach Pisaq, da hoch zu den Ruinen, wo kurz vor der Zahlstelle die Naturstrasse rechts abgeht. Unsere Freunde haben uns schon vorgewarnt, dass – obwohl die Strasse gut unterhalten ist – für die rund 100 km mit fünf Fahrstunden gerechnet werden muss. Der Weg führt uns weiter hinein ins Andenhochland, durch kleine Dörfer, vorbei an Schafe hütenden Kindern und über zwei 4000er Pässe hinunter ins Tal der Flüsse Mapacho und Paucartambo zum gleichnamigen Ort. Ein nicht sehr gepflegtes Dorf durch den sich die von Bächen ausgewaschene Naturstrasse hindurch windet. Danach verbessert sich die Strasse wieder und wir erreichen eine Y- Abzweigung an deren linken Seite eine grosse Tafel anzeigt, dass man von hier sowohl das Dorf Challabamba als auch unser Ziel Tres Cruses erreichen kann und das dieses nur noch 36 km entfernt ist. Für uns ist nicht klar welche der beiden Strassen nun zu unserm Ziel führt. Die Landkarte zeigt uns, dass wir nach Paucartambo das Flusstal verlassen müssen. Also nehmen wir die rechte Strasse die uns erwartungsgemäss in die Berge bringt. Die Piste wird jetzt deutlich rauer und an einigen kritischen Stellen werden Hanspeter und unser Schnüfeli ganz schön gefordert. Zum Glück bessert sich die Piste jedes Mal wieder, so dass wir doch recht gut voran kommen. Die Natur um uns ist grossartig und mehr als einmal muss Hanspeter einem Fotostopp einlegen, weil ich nicht einfach an Orchideen und anderen Schönheiten vorbeifahren kann. Schon fast auf der Anhöhe ziehen immer wieder Nebelschwaden an uns vorbei die uns zwischendurch so dicht umfangen, dass wir die Landschaft um uns nicht mehr erkennen können. Windet sich dann die Strasse um die nächste Hügelkette, öffnet sich wieder ein Lichtfenster – und wir haben unser Ziel erreicht. Freundlich werden wir von den Parkangestellten empfangen, zahlen die 10 Soles pro Person für eine Nacht und mit einem; „ nach 14 km erreichen sie den Aussichtspunkt Tres Cruses – und fahren sie bitte langsam um auf dem schmalen Weg einen Zusammenstoss zu vermeiden“, wird die Kette gelöst und wir sind im Nationalpark. Dichter Nebel hüllt uns ein, versteckt die Natur vor unseren Blicken und fast hätten wir das Haus nicht gesehen das einsam und verschlossen den Zielpunkt unserer Reise markiert. Müde parkieren wir unser Schnüfeli und während die Heizung wohlige Wärme verteilt koche ich unser Nachtessen. Irgendwo unter uns liegt das Amazonasgebiet. Ob wir wohl Morgen den sagenhaften Sonnenaufgang erleben dessentwegen wir hierher gefahren sind?

 

Pünktlich um 5.°°Uhr piept der Wecker. Es ist unglaublich kalt und der Wind pfeift um unser Auto. Skeptisch heben wir den Vorhang – und blicken in den dunkelblauen, mondbeschienen, Sternen behangenen, klarsten Morgenhimmel seit langer Zeit! Am Horizont verfärbt sich ein roter Streifen. So schnell sind wir wohl noch nie angezogen und mit gezückter Kamera draussen gestanden! Das Bild das sich uns bietet ist unbeschreiblich schön. Wir stehen am Abhang in dieser klaren kalten Nacht. Unter uns das Amazonasbecken in einem dichten Nebelmeer vor uns der rot gefärbte Horizont in der Ferne eine schneebedeckte Bergkette, umgeben von grasbewachsenen Hügeln – und ganz langsam hellt sich der Himmel auf und plötzlich schält sich die Sonne aus der unter uns liegenden Wolkendecke und umarmt uns mit ihrer Wärme. Ein unglaubliches Schauspiel. Unwillkürlich flüstern wir vor dieser Erhabenheit.

Die Heizung hat in der Zwischenzeit unseren Wohnraum erwärmt und noch überwältigt von den Eindrücken dieses Morgens geniessen wir unser Frühstück. Aber nun locken uns das schöne Wetter und die herrliche Natur zu einer Wanderung. Okay, auf fast 4000 Meter Höhe wird daraus mehr ein gemütlicher Spaziergang. Seltene Blumen nicken im leichten Morgenwind und Schmetterlinge gaukeln uns aufgeregt um den Kopf als wollten sie sagen: „Schnell, schnell, nicht so bummeln. Am Nachmittag kommt der Nebel zurück und es bleibt nicht viel Zeit“. So entschliessen auch wir uns zur Weiterfahrt und auf dem Rückweg können wir nun die Ausblicke geniessen die uns am Tag zuvor verborgen blieben. Auf der Suche nach seinen Kühen erzählt uns ein Bauer, dass wir jetzt genau im Wechsel der Jahreszeiten sind und darum der Wetterverlauf schwer vorauszusagen ist. So gegen 11.°°Uhr müsste man damit rechnen, dass der Nebel wieder aus dem Amazonasbecken hochsteigt. Dass es aber auch klarer werden kann. Wir sind neugierig genug um umzukehren und dieses Wetterphänomen zu beobachten. Noch geniessen wir die Sonnenwärme und sehen zu wie sich im Tal langsam Wolkentürme bilden. Leise ziehen die ersten Nebelschwaden hoch, fliessen wie Wasserfälle über die Hügel, ziehen sich wieder zurück um dann erneut hochzusteigen und uns mit kühlen Fingern zärtlich zu umgarnen – nur um sich dann schnell wieder zurück zu ziehen. Scheu schleichen sie sich wieder an und gewinnen immer mehr die Vorherschafft im Kampf mit der Sonne. Wir ziehen uns in den warmen Schutz unseres Campers zurück und sind gespannt auf den morgigen Tagesanbruch.

 

Pünktlich vor dem Sonnenaufgang stehen wir auf und erkennen, dass die Wolkendecke im Amazonasbecken viel dichter ist. Schon hoch stehen die Wolken im Tal und vermiesen der Sonne denselben spektakulären Auftritt von gestern. Schon früh steigen dichte Wolkenfetzen hoch und wir machen uns schleunigst aus dem Staub. Am Parkausgang schenkt man uns die Kosten für die zweite Nacht und gibt uns den Tipp doch die untere Strasse zu wählen. Die sei ganz neu. Die obere Strasse auf der wir hergekommen sind wird nicht mehr unterhalten. Ach soo – darum!?!

Die Rückfahrt bis nach Paucartambo ist dann wirklich ganz easy, aber auch weniger reizvoll. Danach sind wir aber falsch abgebogen. Haben wir aber erst gemerkt, wie eine ‚Stadt’ aus Steinsilos vor uns aufgetaucht ist. Wir haben eine alte Begräbnisstätte der Inkas erreicht und erfahren, dass in den Steintürmen ihre Mumien begraben wurden. Und noch etwas erfahren wir: Nämlich dass wir auf diesem Weg nicht Pisaq erreichen, wohl aber Cusco. Na wer sagt’s denn, da wollen wir ja hin. Etwas stutzig macht uns der Hinweis, dass wir heute am Sonntag wohl ohne Probleme durchkommen sollten. Es wird doch wohl nicht wieder Unruhen geben? Kurz nach Huancarani sehen wir den Grund dieser Bemerkung. Eine kilometerlange Baustelle die uns bis zur Teerstrasse im heiligen Tal der Inkas begleiten wird. Wissen wir aber hier oben noch nicht! Also fahren wir weiter und unterwegs schimpft dann Hanspeter, dass er bald nicht mehr weiss wie’s weiter gehen soll, ohne aufzusitzen. Auf der Anhöhe wird’s aber wieder besser und wir machen unseren wohlverdienten Mittagshalt. Kurz danach hält ein weisser Kombi, der Fahrer steigt aus, legt sich unters Auto und kontrolliert den Unterboden, fährt dann aber wieder weiter. Die Strasse wird immer enger. Bei Gegenverkehr muss einer von uns zurückfahren bis zu einer breiteren Stelle die das Kreuzen erlaubt. Die Piste klebt an der Bergflanke, ist unbefestigt und fällt auf meiner Seite einige hundert Meter steil ab. Irgendwann fühle ich mich so unwohl, dass ich losschimpfe Hanspeter soll sich gefälligst mehr den Felswänden entlang halten. Verständnislos fragt er zurück, was denn mit mir los sei?  Ich weiss es nicht, aber ich habe ganz plötzlich richtig Angst. Vorsichtig fährt Hanspeter weiter und nach einigen Kurven sehen wir mehrere Autos auf dem Weg und die Menschen schauen den Hang hinunter. Einige rutschen auf der losen Geröllhalde hinunter – und da sehen wir einen weissen Kombi der die steile Böschung hinunter gestürzt ist. Es sind genug Helfer da und wir fahren langsam weiter. Nur einige Kilometer weiter sehen wir den zweiten Unfall. Diesmal ist ein Polizeiauto in einen Laster rein gefahren. Die Ambulanz und Feuerwehr ist schon hier. Wieder schlängeln wir uns am Unfallort vorbei. Tief unter uns schlängelt sich der Rio Vilcanote durchs heilige Tal der Inkas und wir sehen das graue Band der Teerstrasse die einerseits nach Cusco und andererseits zum viel näher gelegenen Pisaq führt. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir den Talboden und stehen vor der Eisenbrücke die mit Holzbrettern ausgelegt ist. Eine rostige Tafel weißt darauf hin, dass ein Trägerbalken gebrochen ist  und dass man darum die Brücke nur mit der nötigen Vorsicht befahren soll. Weit und breit gibt es keine andere Möglichkeit den Fluss zu überqueren. Na denn, wurden wir bis hierher gut beschützt, werden uns unsere Schutzengel doch jetzt nicht im Stich lassen? Also Augen zu und durch! Wir haben keine Lust noch viel weiter zu fahren als unbedingt nötig und entschliessen uns zum näher gelegenen Pisaq zu fahren. Morgen steht Cusco auch noch.

 

Auf unserer Fahrt zum nun schon fast heimatlichen Campingplatz Quinta Lala können wir unseren leeren Gastank auffüllen, die Essensvorräte werden ergänzt und unser Schnüfeli erhält sein 95er Oktanbenzin das wir nur hier kriegen. Diese Tankfüllung sollte aber reichen bis wir Puno am Titicacasee erreichen. Am Campingplatz werden wir von Heike und Rainer herzlich begrüsst. Sie waren in der Zwischenzeit in Machu Picchu. Dieser Tag wird dann mit einem heissen Spielabend in fröhlicher Runde abgeschlossen.

 

Ohne Zwischenfälle sind wir via Juliaca in Puno angekommen, was bei unserem stotternden Schnüfeli gar nicht so selbstverständlich ist. Von anderen Globetrottern werde ich zwar dauernd getröstet, dass das mit dem schlechten Benzin und der grossen Höhe – wir sind schon seit Wochen auf zum Teil deutlich über 3000 Meter – zusammenhängt. Dazu kommt meistens der nicht seht beruhigende Satz: „ In Bolivien wird es dann noch schlimmer, weil die Höhe bleibt aber dafür ist das Benzin noch schlechter“. Na ja, auf unseren Reisen haben wir gelernt uns niemals im vornherein schon Sorgen zu machen. Probleme werden dann gelöst, wenn sie da sind. Noch sind wir zwei Tage in Peru und freuen uns über unseren schönen Standplatz im Eco Inn, direkt am Titicacasee.

 

Heute wollen wir die Uros-Schilfinseln besuchen. Am Hafen werden wir von einer Indicena angesprochen und nach einigen Angebotsvergleichen entschliessen wir uns, in das von ihr angebotene Schiff zu steigen. Wir sind die einzigen Ausländer an Bord. Das ziemlich heruntergekommene Holzboot muss mit einer langen Stange aus dem Hafen gestachelt werden, weil der alte Motor nur einen Vorwärtsgang hat und hier in der Enge zwischen den anderen Schiffen nicht manövrieren kann.

Langsam tuckern wir in den Schilfgürtel hinein und sehen auch schon die ersten Inseln. Mit Erstaunen stellen wir fest, dass darauf feste Häuser stehen. Unser Bootsführer umschifft diese Gruppe und dann sehen wir sie, die vollständig mit Schilf gebauten Inseln die fast wie eine Perlenkette aufgereiht in der Bucht verankert sind. Unser Bootsführer ist selber ein Nachkomme der Uros-Indianer und steuert das Boot zu seiner eigenen Wohninsel auf der die drei Schilfhäuser seiner Familie stehen. Sein Bruder erwartet uns schon und erklärt uns wie die Inseln gebaut werden: „Zuerst wird das Schilf gemäht, dann werden aus den Wurzelstöcken mit Hilfe einer Fuchsschwanzsäge grosse Würfel herausgeschnitten die dann mit Hilfe von Pflöcken und Seilen miteinander verbunden werden. Sie bilden den Grundstock einer Insel die dann ihrerseits wieder auf dem Seegrund verankert werden muss“. Mit einem Lächeln meint er: „Sonst kann es passieren, dass wir nach einem Sturm am Morgen in Bolivien erwachen“. Weiter erklärt er: „ Der Grundstock wird nun mit mehreren Lagen des abgeschnittenen Schilfes bedeckt, bis man den weichen und trockenen Boden unter den Füssen hat auf dem wir alle jetzt stehen. Darauf werden nun die Schilfhütten gebaut und fertig ist eine Wohninsel. Während die Schilfdecke immer wieder erneuert werden muss, halten die Wurzelstöcke bis 30 Jahre. Dann muss eine neue Insel gebaut werden“. In der Zwischenzeit haben die Frauen ihre Handarbeiten ausgelegt und erklären uns, was die verschiedenen Stickereien darstellen. Mit den Worten: „Das ist meine Frau“, kniet sich der sichtlich stolze Bootsführer neben eine der Künstlerinnen. Wir werden eingeladen uns ganz ungeniert auf der Insel umzusehen. „ Vom Aussichtsturm aus können sie gut auf die anderen Inseln sehen. Meine Nachbarn bitten sie um Verständnis, dass sie nicht möchten, dass wir zu ihren Inseln fahren. Die vielen Touristen wurden mit der Zeit zu einem echten Problem für uns. Leider haben viele unser Privatleben nicht respektiert“. Nach diesem Besuch fahren wir zu einer weiteren Insel auf der ein anderer Anwohner ein Restaurant eröffnet hat und essen hier eine wunderbare Lachsforelle aus dem Titicacasee, die übrigens hier ausgesetzt wurde – also nicht zu den einheimischen Fischen gehört.

 

Heute nun wird es endgültig Zeit Abschied zu nehmen von Peru. Immer am Ufer vom Titicacasee entlang fahren wir zur Grenze nach Bolivien. Das ärmste Land Südamerikas hat für uns Reisende einiges zu bieten und wir sind gespannt was uns erwartet.