Kolumbien

Kurz vor Mitternacht sind wir auf dem internationalen Flughafen von Barranquilla gelandet. Ein Taxi fährt uns zum Hotel Colonial Inn, wo wir wohnen werden bis unsere Camper mit dem Schiff angekommen sind.

 

Am 29. Januar bekommen wir Bescheid, dass das Schiff um 15.30 Uhr eingelaufen ist und dass die Autos Morgen in Empfang genommen werden können. Jörg und Hanspeter machen sich auf den Weg um schon einige Formalitäten zu erledigen. Wir Frauen bleiben im Hotel, bewachen unser Gepäck und - warten ….. Erst am Abend kommen die Beiden müde zurück. Hanspeter wurde wegen der kurzen Hosen nicht aufs Gelände gelassen. Sogar für Jörg brauchte es einige Telefonate bis der zuständige Beamte das Okay bekam, ihn – obwohl er nur Sandalen trug und keine geschlossenen Schuhe – in den gesperrten Bezirk reinzulassen. Seine Erzählung hat sich dann so angehört: „Ich also endlich rein mit meinen Papieren um die nötigen Stempel, Unterschriften für die neuen Formulare zu bekommen. Dann raus zu Hanspeter um an seiner Stelle ebenfalls alles erledigen zu können. Drinnen wollten sie den Besitzer aber persönlich sehen. Ich habe ihnen erklärt warum das wegen ihrer eigenen Vorschriften  nicht geht. Endlich haben sie mich als Stellvertreter akzeptiert. Aber für die Unterschriften musste ich jedes Mal wieder raus zu Hanspeter, dann wieder zurück in das Büro. Schlussendlich hatte ich alle Papiere für die Freigabe vom Van. Damit dann zurück zu Hanspeter, der lossauste um die obligatorische Autoversicherung abzuschliessen. Bei mir hiess es dann, ich sei im Hauptcomputer in Bogota als Einwanderer statt als Tourist registriert worden. Sie könnten darum den Landi nicht frei geben“. Trotz allen Bemühungen ist es dem Beamten nicht gelungen in Bogota den falschen Eintrag löschen zu lassen. Inzwischen war es 16.°°Uhr und die Büros schliessen am Freitag um diese Zeit. Bis Montag geht nichts mehr. Hanspeter erging es bei der Suche nach einer Versicherung nicht besser. Die Einen waren nicht zuständig für Autoversicherungen, die Anderen wollten nur eine teure Versicherung für ein Jahr abschliessen, die dritte kam mit dem Computer nicht zurecht  und bei der Vierten dann war es auch hier Zeit für den Feierabend. Also werden wir das Wochenende sicher noch einmal im Hotel verbringen. Eines unserer Zimmer ist schon vergeben. Der Nachmieter ist netterweise bereit ins Massenlager umzusiedeln. So bekommen wir wieder unsere Zimmer.

 

Das Wochenende nutzen wir um uns ein wenig umzusehen. Sämtliche Büchereien in die man uns schickt, haben keine Strassenkarten. In einem dieser Geschäfte werde ich von der Verkäuferin wegen meiner Ohrringe und dem Halsketteli angesprochen. Ob ich nicht rasch nach hinten kommen möchte, um den Schmuck unbeobachtet abzunehmen. Ich sage ihr, dass das kein teurer Schmuck sei. Sie meinte aber:“ Es sieht wie Gold aus. Das genügt den meisten schon“.

 In einem kleinen Laden finden wir ein Touristenbuch mit einer Uebersichtskarte von Kolumbien. In einem der grossen Kaufhäuser die wir abklappern wird uns ein schmaler Weltatlas angeboten – nicht gerade das was wir suchen. Aber wir staunen nicht schlecht wie wir – bei der Cafeteria, zwischen den Regalen – eine katholische Messe lesen hören. Hier kommt die Kirche wirklich zu den Menschen – und sie danken es mit ihrem regen Besuch. Die aufgereihten Stühle der Cafeteria sind jedenfalls gut besetzt.

 Auf dem Heimweg fragen wir noch den Taxifahrer. Er fährt mit uns mitten in die engen überfüllten Marktgassen und hupt 2x. Sofort sind Botenläufer da. Wir bleiben im Taxi sitzen unterhalten uns mit dem Fahrer und -  warten …. Endlich kommt einer freudestrahlend: Er hat zwei Plakate in den Händen. Eines ist eine Uebersichtskarte des Landes, die Andere zeigt die einzelnen Provinzen. Leider auch nicht das was wir brauchen. Unser Chauffeur hält noch an zwei weiteren Plätzen des grossen Marktes – leider auch da ohne Erfolg. Zurück beim Hotel will er nur die vorher abgemachte Summe. Während des Wartens sei er ja nicht gefahren!

Am Abend hören wir, dass in der Stadt Morgen ein Karnevalumzug stattfindet.  Wir erkundigen uns beim Portier und wieder werden wir gewarnt. Diesmal wegen unserer Kameras. Wir sollten sehr vorsichtig sein. Am besten ohne Kamera und nur das Nötigste an Geld mitnehmen. Es sei in den letzten Jahren sehr viel für die Sicherheit getan worden. Leider sei es halt in den Städten sehr schwierig gegen die Trostlosigkeit und das Verbrechen vorzugehen. Nach dieser Auskunft haben wir keine Lust mehr auf Karneval.

 

Am Montagmorgen sausen unsere Männer wieder davon und für uns Frauen beginnt ein weiterer Tag des Herumsitzens. Wie schon am Freitag sitzen wir ab 15.°°Uhr mit dem ganzen Gepäck im Foyer und - warten …….. um 16.30 Uhr sendet Jörg ein sms, dass er Hanspeter seit 14.30 Uhr nicht mehr gesehen habe. Er würde aber das Auto mit 99 %iger Sicherheit noch heute bekommen und dann halt ohne Versicherung zum Hotel fahren. Und - wir warten…… Inzwischen ist es 18.°° Uhr, es dunkelt  und - wir warten ….. Ich gehe zur Rezeption und bitte um ein Zimmer für noch eine Nacht. Margit hofft weiter und - wir warten……..Dann endlich sind sie da! Jörg fährt wirklich mit dem Landi vor. Unsere Freunde schlafen heute in ihrem eigenen Bett! Aus irgendeinem Grund haben uns die Nachfolge-sms von Jörg nicht erreicht. Unser Schnüfeli steht noch immer im Hafen – mit einem Plattfuss. Zum Glück habe ich wieder ein Zimmer genommen. Morgen sehen wir weiter.

 

Beim Frühstück kommt Margit kurz vorbei. Wir besprechen das weitere Vorgehen. Sie müssen jetzt erst einmal die Versicherung abschliessen. Wir fahren um 8.°° Uhr mit dem Taxi zum Hafen. Weil wir das ganze Gepäck mit dabei haben, bittet uns der Fahrer die Türen von innen zu verschliessen. Ich darf nicht ins abgeschlossene Gelände, kann mich aber ins Büro der Empfangsdame setzen und - warte …… Um halb elf schaut Margit kurz rein. Sie haben ihre Versicherung und fahren schon mal vor nach Cartagena. Ich schreibe in der Zwischenzeit diesen Bericht, lese in einem Buch und - warte ….. Gegen 12.°° Uhr kommt Hanspeter mit unserem Schnüfeli an. Nun schnell zu einem Supermercado und zu  einer Werkstatt um den Reifen zu flicken. Die Besitzerin ist ganz begeistert von unserem Van und überrascht uns nach seiner Besichtigung mit einer Mappe die gefüllt ist mit regionalen Landkarten. So beschenkt machen wir uns auf nach Cartagena. Leider verpassen wir die Abfahrt zur Strasse die dem Meer entlang führt. So fahren wir über Land. Die Dörfer abseits des Touristenstromes sind armselig. Oft nur mit irgendwelchen Materialien zusammengebaute Hütten. Wer sich ein gemauertes Einzimmerhaus leisten kann, ist schon was besseres. Wenn er dann noch Geld für Farbe hat – wenigstens für die Fassade zur Strasse hin – ist er ein gemachter Mann. Gegen Abend erreichen wir über holprige Landstrassen Cartagena und finden auch bald den Weg zum Hotel Hilton. Von Kanadiern wissen wir, dass man auf dem Parkplatz daneben sicher nächtigen kann. Kaum angekommen stellt sich ein Mann vor. Er sei der Nachtwächter hier bei der Bar. Damit wir hier stehen bleiben können, müssten wir umgerechnet 3.50 Franken bezahlen. Wir sind froh einen sicheren Platz zu haben, wo wir unseren Camper wieder wohnlich einrichten können. Im Hafen hat Hanspeter nur rasch die hölzerne Trennwand zum Wohnbereich abgeschraubt. Noch liegt alles nach Hinten verstaute auf dem Bett. Noch während des Einrichtens kommt der Verwalter der Bar und sagt uns, dass das Parkieren hier polizeilich verboten sei. Auf Hanspeters Einwand, dass wir eine Erlaubnis haben und dafür auch bezahlten, meint er nur: „Und wo ist der Mann? Etwas weiter sind Publikumsparkplätze. Da können sie stehen“. Uns bleibt nichts anderes übrig als umzuparken. Wir haben aber einen netten Stellplatz direkt am Wasser unter Palmen gefunden und schon bald holt uns der Schlaf ein.

 

Heute Morgen steht doch tatsächlich unser ‚Beschützer’ wieder da! Er will uns eine Tour zu den vorgelagerten Inseln verkaufen. Auf unsere Vorhaltungen reagiert er ziemlich verärgert. Er sei ein ehrlicher Mann. Hanspeter soll mit ihm zum Besitzer der Bar kommen. Dieser bestätigt dann seine Aussagen und dass wir ihm unser Auto getrost anvertrauen können. Dank seiner Aufmerksamkeit sei hier schon seit längerer Zeit nichts mehr passiert.

 So beruhigt fahren wir mit dem Taxi zu einem Touranbieter mit dem wir eine 6-stündige Fahrt zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt mitmachen. Ich gestehe, am meisten hat mich gefreut, wie ich bei einem Kloster hoch über der Stadt ein Faultier in die Arme nehmen durfte. Aber auch sonst haben wir viel erfahren und gesehen. Das Versprechen, Cartagena soll eines der schönsten Städte des Landes sein, könnte sich durchaus bewahrheiten. Es ist schon dunkel, wie wir wieder bei unserem Auto ankommen. Am Abend ruft ein Kanadier, der jeden Tag 2x auf seiner Marschroute bei uns halt machte, sein uns schon bekanntes Hallo ins Auto. Diesmal ist er mit einer einheimischen Familie zu uns gefahren. Er hat seinen kolumbianischen Freunden von uns erzählt und sie wollten uns unbedingt kennen lernen. Es ist auffallend, wie interessiert und offen die Menschen hier sind. Immer wieder hören wir, wie sehr sie sich freuen, dass die Touristen wieder ihr Land besuchen. Ein Strassenverkäufer kommt mit heissem Kaffee in seinem Bauchladen dazu und schon ist die gemütliche Runde perfekt.

 

Bevor wir heute weiterfahren gehen wir noch einmal zu Fuss durch die wunderschöne Altstadt. Gegen 10.°° Uhr fahren wir in Richtung Norden zum Nationalpark Tayrona bei Santa Marta. Diesmal finden wir die Strasse am Meer entlang ohne Probleme. Dafür sorgt schon ein starker böenartiger Wind der uns auf der ganzen Strecke begleitet. Bis Barranquilla – an dem wir heute nur vorbei fahren – bietet sich immer mal ein Blick über die Küstenlandschaft zum Meer an. Danach wird die Umgebung wilder und in der Ferne sind schon die Berge der zentralen Kordilleren zu erkennen. Links und rechts des Strassendammes liegen die mangrovenbewachsenen Sumpfgebiete. Aus grossen Teilstücken ragen nur noch die Stümpfe des ehemaligen Waldes wie Mahnfinger aus dem Wasser. Ob diese Abholzungen von Menschenhand oder durch eine Naturkatastrophe entstanden sind, können wir nicht erkennen. Ganz traurig präsentieren sich die Hütten der Mangrovenfischer. Die Männer sind mit Holzkanus – vergleichbar mit einem Einbaum – an der Arbeit.

Am späteren Nachmittag erreichen wir den Nationalpark und hören, dass der Eintritt, das Auto und eine Nacht Camping gegen 100 000 Peso (etwa 50 Dollar) kostet. Wir entschliessen uns nach Santa Marta zurück zu fahren. Auf dem Parkplatz bei einem Kaufhaus treffen wir auf Margit und Jörg. Wir beschliessen, diese Nacht hier stehen zu bleiben. Während des Nachtessens klopft es an unser Auto. Ein junges kolumbianisches Paar stellt sich als Ruby und Cäsar vor. Sie freuen sich über die Touristen die so weit her kommen und laden uns alle Vier zu einem Schlummertrunk in ihr Haus ein. Es wird ein gemütlicher Abend mit viel Erzählen und Lachen. Bei unserer Verabschiedung mahnen sie uns zum wiederholten Mal, ja Morgen zum Mittagessen zu kommen.

 

Gestern schon sind Cäsar die Steinschlagschäden an unserer Windschutzscheibe aufgefallen. Er hat Hanspeter den Weg zu seiner Werkstatt erklärt. Heute Morgen fahren wir zu ihm – und es ist nicht die einzige Reparatur die gemacht wird. Auf keinen Fall will er dafür bezahlt werden. So gibt Hanspeter den Arbeitern ein Trinkgeld und wieder werden wir erinnert, ja nicht das Mittagessen bei ihnen zu vergessen! Pünktlich um 12.30 Uhr gehen wir zu Viert zu unseren Gastgebern und werden schon erwartet. Wir werden mit einer herrlichen Spezialität des Landes verwöhnt. Eine sehr reichhaltige Suppe. Dazu wird separat Reis serviert. Bei der herzlichen Verabschiedung bei der natürlich wieder Internetadressen ausgetauscht werden, bietet uns Cäsar an, uns zu einem schönen Strand vor zu fahren. Der würde auch zum Nationalpark gehören, wäre aber nicht so unverschämt teuer. Nun stehen wir an der Bahia Cocha, wo die Ausläufer der Sierra Nevada de Santa Marta sanft ins Meer gleiten. Und schon landet ein blaugelber Ara auf den Schultern von Jörg. Von einem Mitarbeiter erfahren wir, dass der Partner des Vogels vom Blitz getötet worden sei. Danach habe er sich den Menschen angeschlossen. Wenn er zu frech werde, sollen wir ihn einfach wegjagen. Dazu haben wir viel zu viel Spass mit dem Tier. Wir geniessen hier zwei faule Tage. Es werden für längere Zeit die Letzten am Meer sein. In unmittelbarer Nachbarschaft hat eine Familie ihre Zelte aufgebaut. Ohne Scheu kommen die Kinder vorbei zum Plaudern. Am Sonntag verabschieden sie sich freundlich von uns und schenken uns zur Erinnerung eine CD mit typischer Musik aus ihrem Landesteil.

Fischer legen in einfachen Booten ihre Netze in der Bucht aus. Vom Ufer ziehen zwei Reihen von Männern im gleichmässigen Rhythmus an den entgegen gesetzten Enden das Netz langsam an Land. Die geringe Ausbeute wird wohl grad so für den eigenen Tagesbedarf reichen. Kleine Fische die aus dem Netz schlüpfen werden sofort wieder ins Wasser geworfen. Wir erfahren, dass in Kolumbien, wie in der Schweiz, die erlaubte Fischgrösse genau vorgeschrieben ist.

 

Heute ist schon der 9. Februar und wir verlassen nun endgültig das Küstengebiet. Die ersten 40 km fahren wir wieder dem Meer entlang zurück. Auf der einen Seite vorbei an den Oelverladestellen an denen die Tanker andocken können, auf der anderen Seite ist der Blick begrenzt durch den Gebirgszug der Kordilleren. Einige Kilometer nach Rodadero zweigen wir ab in Richtung Bogota, der Hauptstadt des Landes. Unterwegs versprechen der Reise-

führer  und die Einheimischen einige Sehenswürdigkeiten auf die wir uns freuen. Langsam ziehen sich die Berge zurück und die grosse Ebene wird durch Bananenplantagen und

Zuckerrohrfelder sowie grosse Weideflächen eingeteilt. Hin und wieder leuchtet ein weisses Baumwollfeld zu uns herüber, dessen Kapseln eben aufgesprungen sind. Erst am Nachmittag des 2. Tages beginnen die Hügel der Kordilleren Oriental. Kurz vor dem Anstieg stoppt aus unerklärlichen Gründen das vor uns fahrende Auto so heftig, dass Hanspeter voll in die Bremsen stehen muss. Uff, gerade noch geschafft! Und schon hören wir das ungeliebte Geräusch hinter uns. Ein Busfahrer konnte den Zusammenstoss mit uns nur noch vermeiden, indem er in den Graben fuhr. Zum Glück hat’s ihm nur den Radschutz zusammengestaucht. Die Verursacherin ist einfach weitergefahren. Wir können nur helfen indem wir die Autonummer an den Fahrer weitergeben. Die zufällig vorbeifahrende Polizei interessiert sich nur, ob wir keinen Schaden haben. „Der Bus kann ja weiterfahren, also ist ja nichts wirklich Wichtiges passiert! Hauptsache, ihnen ist nichts geschehen“. Mit diesen Worten fahren sie wieder ab. Damit ist alles erledigt und auch wir fahren, den Schreck noch in den Gliedern, weiter. Anscheinend ist auch unser Schnüfeli etwas empfindlich wenn es um Unfälle geht. Eine halbe Stunde später leuchtet  beim Anstieg im Nirgendwo die rote Alarmlampe ‚Check den Motor’. Na toll, wie soll das jetzt gehen? Langsam fährt Hanspeter weiter. Wir kommen auch über den Hügel. Ab hier geht’s vorsichtig bergab. Die rote Lampe leuchtet beharrlich – aber noch läuft der Motor. Endlich sehen wir, noch im Wald und am Hang, eine Tankstelle. Hier stehen wir nun für diese Nacht und hoffen, dass sich das Nervenkostüm unseres Schnüfelis (oder wie das bei einem Auto heisst) wieder beruhigt.

 

Jupii, unserem Schnüfeli geht’s wieder gut! Er hat die rote Warnlampe wieder gelöscht und trägt uns brav über alle Hügel und Täler. Hier in der Höhe ist die Landschaft wilder und die Fischzuchtfarmen bestätigen die Aussage, dass das Wasser hier in den Bergen wunderbar sei. Wir fahren vorbei an kleinen Gehöften und durch intakte Bergdörfer in denen die althergebrachten Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe noch ihr Auskommen haben. Ein Bild, das bei uns in der Nachkriegszeit immer mehr verschwunden ist. Am frühen Nachmittag erreichen wir Giron und finden einen sicheren Parkplatz wo wir über Nacht stehen können. Sofort machen wir uns auf den Weg durch diesen einzigartigen Ort der mit seinen Kopfsteinpflasterstrassen, den weissen Häusern und den braunen Balkonen seinen kolonialen Stil bis heute erhalten konnte. Nur die Pferdefuhrwerke wurden auch hier von Autos und Motorräder abgelöst. Die Einwohner des Ortes haben es verstanden die moderne Zeit nach Giron zu holen, ohne an den Gebäuden und dem Strassenbild viel zu verändern. Das ist es auch, warum sich ein Besuch hier lohnt. Im Internetcafe erhalten wir den Tipp unbedingt das Bergdorf Zapatoca zu besuchen. Für uns gibt es keinen Grund diesem Rat nicht zu folgen. Schnell sind unsere Pläne dem neuen Ziel angepasst. Morgen machen wir uns auf den etwa 1-stüdigen Weg.

 

Am Morgen nehmen wir uns noch Zeit ins Internet zu gehen. Die Nachricht des Tages lautet: Meine Schwester Sonja hat die beiden Operationen gut überstanden und die Informationen der Aerzte geben Grund zu Hoffen, dass sie wieder ganz gesund wird. Wir hoffen und beten für sie. Nun schnell noch unsere Wäsche in einer Lavanderia abgeben, noch eine Kleinigkeit essen und dann machen uns auf den Weg nach Zapatoca. Unser Parkplatzvermieter meint, dass wir mit unserem Auto kein Problem haben werden obwohl es einige Naturstrassen-Abschnitte habe. Na denn, wie immer vertraue ich dem Fahrkönnen meines Chauffeurs und dem Leistungsvermögen unseres Vans. Allerdings finde ich nach bald einer Stunde auf holpriger Naturpiste dann doch es werde jetzt dann langsam Zeit, dass die Teerstrasse beginne! Auch wenn mich die vielen Pflanzungen der Kleinbauern faszinieren und auch immer mal ein Stopp drin liegt um die Felsformationen, die uns an den Brice-Canyon erinnern, zu fotografieren. Es dauert aber noch einige Zeit bis  endlich der bequeme Strassenteil unvermittelt beginnt. Und dann sehen wir auch warum der Weg hier geteert wurde. Wer die Tremola am Gotthard kennt, kann sich die nun beginnende Route in etwa vorstellen. In engen Serpentinen geht es beständig bergab. Etwa 1000 Meter tiefer ist gaanz klein die Brücke zu sehen die über den Rio Fonce führt. Das Beängstingende aber ist der Aufstieg auf der anderen Seite. Genau so steil und in engen Kurven geht es wieder über 1000 Meter hoch!  Ob das für unseren Camper nicht zu viel wird? Hanspeter meint aber, dass er hier in Südamerika noch ganz andere Steigungen wird meistern müssen. Eine zusätzliche Gefahr sind die vielen frei lebenden Ziegen. Auch sie haben den bequemen Weg entdeckt und schätzen gelernt. Entsprechend vorsichtig fährt Hanspeter und das Schnüfeli macht brav mit. In dieser 24 km-Dauersteigung müssen wir nur 2x anhalten um den Motor etwas abkühlen  zu lassen. Allerdings schwitzen wir solidarisch mit. Lassen wir doch die Heizung auf Volltouren laufen – und das bei deutlich über 25° C. Nach 2.5 Stunden haben wir dann unser Ziel erreicht und stellen erst einmal fest, dass wir heute nicht mehr zurückfahren können. Na toll, ist doch unsere Bettwäsche ebenfalls zur Reinigung gegangen und wird heute Abend wieder im Parquendero in Giron abgegeben! Okay, es ist ja schon wieder eine Woche her seit wir in einem Hotelbett geschlafen haben. Bei einem ersten Rundgang durch die Gassen dieses schönen alten Dorfes entdecken wir das Museo el Cosmos. Ein spezielles Haus das uns in seiner Substanz an ein kleines Kloster erinnert. Schon beim Eintritt in den Garten fühlen wir uns wohl hier. Einer der beiden Brüder heisst uns willkommen und erklärt uns, dass wir uns in einem ehemaligen ‚Ejercicios’ befinden. Er und sein Bruder haben die Gebäude von der Kirche gemietet und in ein Hotel mit Museum umgebaut. Er zeigt uns einige der wirklich grossartigen Arbeiten des Künstlers. Im laufe des Gespräches erfahren wir, dass die Arbeiten von seinem Bruder Rodrigo sind. Wie dieser später zu uns stösst, freut er sich sehr über unser Interesse und nimmt sich Zeit uns durch das Museum zu führen. Was wir hier sehen und hören ist so eindrücklich, dass sogar ich Museumsmuffel einfach nur begeistert bin! Diese Arbeiten sollten wirklich bekannt gemacht werden. Sie sind nicht nur ästhetisch schön. Sie haben eine grosse Aussagekraft und auch der Humor kommt durchaus nicht zu kurz. Wir erleben mit den beiden Brüdern eine wunderbare Zeit in ihrem Haus. Der Abschied fällt uns entsprechend schwer. Bevor wir dieses Bergdorf verlassen besuchen wir den Friedhof. Hier liegt der Deutsche Legerke der bis heute verehrt wird, weil er hier nicht nur Strassen gebaut hat, sondern sein Geld in eine grosse Finca investierte und so den Menschen hier Arbeit gab.

 

Noch einmal, vor unserer Rückreise nach Giron, besuchen wir die Brüder Espindola. Wieder nimmt sich der Künstler Rodrigo Zeit – und wieder sind wir gefangen von seinen Arbeiten und in der Harmonie dieses Ortes. Er begrüsst uns – frei übersetzt - mit den Worten: „ Ich fühle mich geehrt ihnen diesen Ort zu zeigen, wo sie verschiedene  Kunstarbeiten finden. Alles sind Unikate die es nur einmal gibt. Ich möchte sie einladen diese zu entdecken, sich überraschen zu lassen, zu staunen und unser Dasein und unser Verhalten zu hinterfragen, das unser Schicksal beeinflusst. Das Museum soll in seiner Darstellung, und der Ethik ein Beweis nach unserer Suche nach der Schönheit sein. Besorgt durch die einfallende Finsternis ins Universum und in unser Denken bin ich überzeugt, dass die Kunst Ausdruck zur Gerechtigkeit ist“. Mit Wehmut im Herzen nehmen wir Abschied. Zum ersten Mal auf unserer langen Reise lasse ich ein Stück meines Herzens zurück. Wieder fahren wir durch diese einzigartige wilde Gebirgslandschaft. Vorbei an kleinen Feldern mit  Tabak- und Ananaspflanzungen und an kleinen Bergbauernhöfen erreichen wir wieder Giron, wo wir unsere saubere Wäsche in empfang nehmen können.

 

Heute fahren wir weiter nach Süden. Vom 1500 Meter hoch gelegenen Giron geht’s weiter durch eine grossartige Gebirgslandschaft in der auch der berühmte kolumbianische Hochlandkaffee wächst. In Serpentinen windet sich die Strasse runter ins Chichamochatal, nur um auf der anderen Seite wieder zum 1000 Meter höher gelegenen gleichnamigen Nationalpark anzusteigen. Hier ist ein Freizeitpark für die ganze Familie entstanden. So fährt eine Luftseilbahn über die steilen Hänge runter zum Fluss und auf der anderen Seite wieder hoch. Auch sehen wir einige Gleitschirmflieger und es soll auch schöne Wanderwege geben. Für unseren Geschmack ist das ein bisschen zu viel Rummel. Also fahren wir weiter bis San Gil, wo wir 5 km vor dem Ort in einem Balneario einen schönen Platz finden. Morgen wollen wir einen Ausflug machen nach Barichara und Guane.

 

Im Gegensatz zur gestrigen atemberaubenden Berg- und Talfahrt, gondeln wir heute durch eine liebliche Hügellandschaft in der die Viehwirtschaft dominiert. Hier sehen wir auch die uns bekannten Holsteiner Kühe. Fast fühlen wir uns in die Schweiz versetzt. Wären da nicht Palmen, Bananenhaine, Zitrusfrüchte und die vielen kleinen Läden in denen man durch das Fenster oder unter der Türe bedient wird. Sowie die einfachen Imbissbuden an denen auf selbst gebauten Oefen Fleisch gebraten wird, meist verbunden mit einem bunten Angebot an Früchten und Gemüsen.

Barichara wurde uns als hollywoodreife spanische Kolonialstadt und Guane als kleiner Ort beschrieben in dem die Zeit vor hundert Jahren stehen geblieben ist. Wir fahren durch bis zum weiter entfernten Guane. Bei unserer Ankunft läuten die Kirchenglocken und laden uns zum Sonntagsgottesdienst ein. Beim anschliessenden Rundgang werden wir in ein 400 Jahre altes Haus eingeladen, in dessen schönem Innenhof Hanspeter zum ersten Mal ein selbstgebrautes Maisbier probiert. Sein Kommentar: „ Es ist okay, aber ich würde mir keines mehr bestellen“. Eine typische Spezialität der Region ist Ziegenfleisch vom Grill mit Yucca und Gemüse. Vorher wird eine reichhaltige Gemüsesuppe mit Kutteln serviert. Alles schmeckt wunderbar und weil es uns zu viel ist, wird kurzerhand der Rest eingepackt und mitgegeben.  Wohl gesättigt fahren wir vorbei an Wiesen mit in leuchtenden Farben blühenden Bäumen, die zum Teil mit langen Bartflechten verhangen sind. In Barichara besichtigen wir das 280 Jahre alte Hotel Corata. Schlendern durch die alten Gassen, besuchen noch die Kirche und geniessen den Schatten unter den Bäumen der Plaza Central. Wir sind schon auf der Rückfahrt nach San Gil, da sehen wir in einer Seitenstrasse den Whity von Margit und Jörg. Wir freuen uns immer sie zu sehen. Natürlich werden auch dieses Mal Erfahrungen ausgetauscht. Wie wir sind auch sie begeistert von diesem schönen Land und der herzlichen Gastfreundschaft der Kolumbianer. Sie sind eben erst angekommen und werden in einem der beiden Dörfer übernachten. So verabschieden wir uns und sind sicher, irgendwo in diesem schönen Land werden wir uns wieder sehen. Unser nächstes Ziel ist die Region um Villa de Leyva.

 

Eigentlich wollten wir via Tunja nach Villa de Leyva fahren. Der Besitzer des Schwimmbades rät uns aber den Weg über Chiquiquira zu wählen. Da gibt es ein Regionalspital, wo wir uns gegen das Gelbfieber impfen lassen können. Ausserdem ist die Strasse gut ausgebaut und der Ort gross, sodass wir unseren Kühlschrank wieder auffüllen können. Dank mehrmaligem Fragen finden wir den Spital der auf uns nicht sehr vertrauenswürdig wirkt. Alles ist schmuddelig. An den Wänden entlang sind Reihenstühle aufgestellt bei denen zum Teil die Sitzflächen fehlen und der Empfang ist nicht sehr freundlich. Wir sollen uns im Gang ganz hinten hinsetzen. Allerdings sei jetzt Mittagspause und vor zwei Uhr eh niemand da. Wir ziehen uns ins Auto zurück und machen ebenfalls Siesta. Pünktlich setzen wir uns auf den angewiesenen Platz und erfahren nach einer weiteren halben Stunde, dass man erst einmal sehen müsse, ob der gewünschte Impfstoff vorrätig sei. Nach weiteren 30 Minuten hören wir, der Impfstoff sei da, aber erst einmal würden die Kinder geimpft. Hanspeter gibt jetzt nicht mehr nach und will nach weiteren 10 Minuten wissen, ob wir überhaupt eine Chance hätten geimpft zu werden. Nun heisst es: „Nein, weil heute nur die Kleinkinder geimpft werden. Auf keinen Fall Erwachsene“. Na denn, ziemlich frustriert machen wir uns nach drei Stunden vergeblichen Wartens auf den Weg.

Die Region durch die wir fahren erinnert uns ans Appenzellerland. Die Viehbauern sind mit ihren Milchkanten unterwegs zur Sammelstelle. Je nach Milchmenge wird das Gefäss auf dem eigenen Rücken getragen oder auf einem Holzgestell einem Maultier aufgeladen. Hier in der Gebirgsregion sind Fahrräder und Maulesel sehr häufige Fortbewegungsmittel. Hauptsächlich die Jugend hat das Motorrad als billigen, schnellen und bequemen Fahruntersatz entdeckt. Sie schlängeln sich einfach überall durch und verlassen sich darauf, dass der andere Verkehrsteilnehmer schon schaut und bremst. In den Ortschaften sind die Strassen zusätzlich verstopft mit den vielen Privatautos. Diese sind ausserhalb der Dörfer aber kaum anzutreffen. Hier dominieren die Ueberlandbusse deren Fahrweise nur haarsträubend genannt werden kann. Statt einem Fahrausweis haben die Chauffeure wohl einen Vertrag mit dem lieben Gott abgeschlossen, mit der Vereinbarung: Du Herr schützt mich vor Unfällen. Als Gegenleistung lerne ich meine Fahrgäste wieder das Beten. Grundsätzlich wird überall überholt. Vorzugsweise vor unübersichtlichen Kurven. Haltestellen werden – falls vorhanden – angefahren, wenn Fahrgäste einsteigen wollen. Das bringt Geld. Wer aussteigen will, muss springen, weil das eine Zeitverschwendung bedeutet. Das Gaspedal wird möglichst durchgedrückt. Die Bremse nur wenn es gar nicht anders geht, benutzt. Dafür ist die Hupe im Dauereinsatz. Gehupt wird:

 

  1. Um einen Freund zu begrüssen (pro Person einmal drücken)
  2. Um dem Vorausfahrenden zu sagen dass man zum Ueberholen ansetzt
  3. dann wird 2x gehupt, wenn man auf gleicher Höhe ist (so weiss der Andere, ob man links oder rechts überholt)
  4. Der Busfahrer weiss auch ganz genau, wann jetzt dann gleich die Ampel auf grün geht. Also hupt man schon einmal dass der Andere vor ihm schon anrollen kann
  5. Falls man ganz sicher ist zuerst in der Kreuzung gewesen zu sein, zeigt man das dem Anderen mit der Hupe an. Der steht jetzt quer vor dem Buss, weil er nur so einen Zusammenstoss vermeiden konnte. Was jetzt natürlich auch für die anderen Fahrer ein Grund zum Hupen ist.
  6. Aus purer Lebensfreude. Denn jedes Hupsignal wird grundsätzlich nur aus Freundlichkeit abgegeben und bedeutet auf keinen Fall – wie bei uns – dass da jemand verärgert oder in besonderer Eile ist. Die verlorene Zeit kann unterwegs ja spielend wieder eingeholt werden.

 

Der Zweite grosse Verkehrsteilnehmer über Land sind die Brummis. Sie erhalten die Wirtschaft am Leben. Ohne sie würde Kolumbien still stehen. Ihre Wichtigkeit zeigen sie vor allem in ihrer Gepflegtheit. Egal wie alt, rostig und abgefahren die Reifen sind, immer sind sie piksauber. Fast jede Tankstelle bietet eine Waschgelegenheit an. Selbst auf einsamster Strecke findet man ein Schild auf dem das Waschen der Autos angeboten wird. So glänzend gibt es eigentlich nichts was nicht aufgeladen werden kann. Die Mischung von Material und Mensch ist durchaus üblich, wobei dem Material immer der bessere Platz zusteht. Sollte das Auto voll sein, kann man sich immer noch aufs Schutzblech stellen und sich irgendwie festhalten. Dabei ist es nicht schlimm, wenn es Beulen oder halb abgerissene Stossstangen gibt – Hauptsache sauber! Entsprechend oft schleichen wir dann auf  kurviger Strasse hinter den überladenen oder veralteten und stinkenden, rauchenden  Modellen her. Aber irgendwie schafft es Hanspeter auch heute unser Schnüfeli und mich sicher nach Villa de Leyva zu bringen. Etwas ausserhab des Ortes finden wir einen richtigen Campingplatz. Wunderschön gelegen mit WC UND WARMWASSERDUSCHE – und alles super gepflegt. JJJUUUPPPIIIIII

 

Wir erkundigen uns im hiesigen kleinen Spital, ob es eine Impfmöglichkeit gibt? „Si Senior, immer am Samstag wird geimpft. Kommen sie auf 9.°°Uhr. Dann werden sie als erste bedient“. Gute Antwort – nur heute ist erst Dienstag. Die Gesundheit ist es uns aber Wert vier Tage zu warten. Ausserdem gibt es hier sehr viel zu sehen. So besuchen wir El Fosil. Hier stimmt der Spruch: Nomen est Omen. Laut der Begleiterin durch die Ausstellung sehen wir das besterhaltene Urkrokodil der Welt. Es hat noch Schwimmflossen. „In Australien finden sie das einzige Pendant, das aber nicht so gut erhalten ist“. Hier in der Region gibt es sehr viele Versteinerungen. Entsprechend vielfältig ist die Ausstellung. Von versteinerten Schnecken, Muscheln, Fischen deren Schuppen sogar noch zu sehen sind, bis hin zu kleinen Mücken die in Harztropfen eingeschlossen sind.

Ein weiterer Besuch gilt dem Parque Arqueologico de Monquira. In diesem historische Observatorium gibt es Monoliten die als Falussymbole gelten, sowie ein Steinzeitgrab und einen Sonnenkalender zu entdecken. Dieser Ort wird von der Wichtigkeit her mit dem uns bekannteren Stonehenge verglichen. Eine schöne Anlage. Ich muss aber zugeben, dass wir ohne entsprechende Erklärungen ziemlich ratlos herumgehen. Vor allem der Kalender ist ziemlich verfallen. Es wäre schön, wenn einem die Zusammenhänge erklärt würden.

Die reiche spanische Eroberungsgeschichte zeigt sich auch an den vielen Klöstern in dieser Region. Wir besuchen das Convento del Santo Ecce Homo. Ein sehr gut erhaltenes ehemaliges Mönchskloster. Ein Ort an dem wir uns sofort wohl fühlen. Entsprechend viel Zeit nehmen wir uns zum Verweilen und Besichtigen.

 

Aber auch der Ort Villa de Leyva selbst ist eine Kolonialstadt per excellence, die 1954 zum Nationaldenkmal erklärt wurde. Auffallend ist der quadratische mit Kopfsteinen gepflasterte Platz im Zentrum. Im Gegensatz zu den Hauptplätzen der anderen Orte ist er völlig ohne Pflanzen. So kommen die schönen Häuser sehr gut zur Geltung. Da es auch an ihnen kaum Blumen gibt, wirkt er auf uns eher nüchtern – bis man die unglaublich schönen Innenhöfe entdeckt. Hier blüht es in den herrlichsten Farben. Bäume bieten den ersehnten Schatten, Brunnen plätschern und gemütliche Sitzgruppen laden zum Verweilen ein.

 

Schon bei unserem ersten Ausflug in den Ort sehen wir einen Camper und glauben Margit und Jörg entdeckt zu haben. Der zweite Blick belehrt uns eines Besseren. Die ZH-Nummer veranlasst Hanspeter zu einem „ Hallo Schwyz“. So lernen wir Brigitta und Paul kennen. Mit ihnen erleben wir herrliche Stunden. Wie dann auch noch die erwarteten Freunde dazu stossen gibt es viel zu erzählen. Fröhliche Stunden verkürzen wunderbar die Zeit. Schade fahren Margit und Jörg Morgen schon wieder weiter. Am 20. Februar geniessen wir den Geburtstag von Hanspeter zu Zweit bei  einem guten Nachtessen in einem gediegenen Hotel das vor über 280 Jahren als Mühle gebaut wurde.

 

Schon ist es Samstag und nach der Gelbfieberimpfung fahren wir weiter in Richtung Bogota. In Zipaquira besuchen wir die berühmte Salzkathedrale. Dieser eindrückliche Ort entstand in den Stollen eines Salzbergwerkes, das bis heute in Betrieb ist. Anschliessend wird in einem Film gezeigt, wie der Salzgewinn sich im laufe der Zeit verändert hat. Leider können wir hier auf dem Parkplatz nicht mehr über Nacht stehen bleiben. Es ist aber noch früh genug zum Weiterfahren und morgen haben wir eine längere Strecke vor uns. So sind wir ganz froh, wenn wir einen Teil davon heute hinter uns bringen können. Wir fahren bis zum Eindunkeln und schlafen bei einer Tankstelle an der Umfahrungsstrasse von Bogota.

 

Nach einem kurzen Anstieg, wir sind jetzt auf ca. 3000 Meter, windet sich die Strasse Kilometerweit runter ins Flachland zwischen dem Küsten- und dem Mittelgebirge Kolumbiens. Es wird zunehmend heiss und Hanspeter meint, dass wir uns auf Meereshöhe befinden. Die Berge sind zurück gewichen und riesige Reisfelder begleiten uns links und rechts der Strasse.  Auf der kurvenreichen Strasse begegnen uns, heute am Sonntag, kaum Lastwagen. Dafür sehen wir zum ersten Mal viele Privatautos unterwegs. Vor allem um Bogota scheinen sämtliche Bewohner auf das Fahrrad umgestiegen zu sein. Der Pass ist wohl ein richtiges Eldorado für die Sportbegeisterten. Sie haben unsere ganze Bewunderung. Steigen sie doch auf ihren Rädern die kilometerlange Strecke hoch, die wir runter fahren!

Nur 11 Kilometer nach Neiva fragen wir ohne grosse Hoffnung im Hotel Los Manquitos um eine Uebernachtungsmöglichkeit in unserem Camper nach. Der Besitzer begrüsst uns persönlich und bedankt sich, dass wir nachgefragt haben. Selbstverständlich dürfen wir hier bleiben. Er sei sehr erfreut uns als seine Gäste willkommen zu heissen. Leider sei im Moment nur ein Parkplatz unter den grossen Bäumen in Strassennähe frei. Wenn die Badegäste aber gegangen sind, sollen wir uns auf die Schattenwiese bei der Bar stellen. Da können wir dann auch Strom beziehen. Selbstverständlich dürfen wir auch den Pool und die Duschen und Toiletten benutzen. Zur Begrüssung werden wir von ihm zu einem Drink an der Poolbar eingeladen. Wir sind anscheinend im Paradies gelandet – und einmal mehr sind wir fast beschämt von der grossen Gastfreundschaft der Kolumbianer. Am Abend bestellen wir ein typisches Regionalgericht im Hotelrestaurant. In Bananenblätter gegartes Fleisch mit Beilagen die wir zum Teil nicht kennen. Sicher dabei sind Kochbananen und Yucca. Einfach  Superhypermaximalgut! Am Abend wird es sehr laut um uns herum. So als würden 100 Flötenspieler denselben Ton blasen. Sogar der Autolärm von der Strasse wird übertönt. Wir bekommen folgende Erklärung: „ Das sind etwa fingerdicke Tiere, eine Grillenart, die man nur in diesem Monat hört. Danach das ganze Jahr nicht mehr“. Ob sie wohl einen Lebenszyklus, vergleichbar mit unserem Maikäfer, haben? Egal, wir freuen uns, dieses Naturschauspiel erleben zu dürfen. Okay, zweistimmig wäre das Konzert schöner, aber uns gefällt es trotzdem.

 

Noch bevor wir uns am nächsten Morgen verabschieden können, werden wir im Park, zu den Oekonomiegebäuden und im Hotel herumgeführt. Neben den Fischen im Teich begegnen uns Pferd, Pony, Affe, Aras und und und. Man nimmt uns noch das Versprechen ab auf der Rückreise ganz bestimmt wieder hier zu übernachten! Ausserdem bekommen wir noch von einer Freundin des Hauses ihre Telefonnummer von Bogota. Falls wir in die Hauptstadt kommen, sollen wir anrufen. Dann können wir das Auto in ihre Obhut geben. Mit einer herzlichen Umarmung verlassen wir diesen gastlichen Ort und hoffen, heute noch San Augustin zu erreichen.

Bei der Touristeninformation bekommen wir nicht nur viele Tipps. Die Angestellte setzt sich gleich zu uns ins Auto und führt uns zur Señora Silvina Patiño, die privat Zimmer vermietet. Wir dürfen uns in ihren Garten stellen. Bald sind wir eingerichtet. Ich habe fast keine Zeit zum Helfen. Ich muss einfach diese Blumenpracht fotografieren. Wer weiss, vielleicht wache ich gleich auf und all die Orchideen und die Farbenpracht war nur ein Traum.

 

Eigentlich sind wir hierher gefahren, weil wir prähistorischen Gräber mit ihren in Stein gehauenen Grabwächtern sehen wollten. Dafür haben wir einen Tag eingeplant. Jetzt sind wir schon vier Tage hier und lassen uns – einmal mehr – so richtig verwöhnen. Wer einmal nach San Augustin kommt, unbedingt nach der Posada Campesina fragen! Eine einfache Unterkunft die ganz schnell zum Zuhause wird.

Weil die Nebenstrassen in Kolumbien in der Regel Naturstrassen sind, erkundigen wir uns immer sehr genau über deren Zustand. Hier entschliessen wir uns zu einer Jeeptour an den steilen Hängen durch Feld und Flur. Wir können kaum glauben, dass man in diesem fast senkrechten Gefälle stehen, geschweige denn arbeiten kann. In einem Tal wird Kaffee angepflanzt. Zur Hauptsache aber gedeiht hier Zuckerrohr. In einfachsten Hütten leben die Bergbauern, aber immer sind die Blumen ständige Begleiter der Häuser. Hier geht man zu Fuss oder wer es sich leisten kann, hat Esel oder Maultier auf die er seine Last verladen kann. Hier verkehren nicht einmal mehr die sonst allgegenwärtigen 4x4 Busse.

Der Rio Magdalena entspringt mit vier weiteren grossen Flüssen in den erloschenen Vulkanen der Region. An einer Stelle wird der breite Strom in einen engen Felsspalt gezwängt. Auf dem Weg zu den archeologischen Sehenswürdigkeiten machen wir bei diesem Naturschauspiel halt. Das Umland war die Heimat eines vergessenen Volkes deren Hügelgräber vom Deutschen Konrad Theodor Preuss 1913 wieder entdeckt wurden. Er nahm einige Gegenstände und Mumien mit nach Berlin. Was für ein Volk hier lebte ist in der Vergangenheit versunken. Aufgrund der Ausgrabungen ( über 70 % sind noch verborgen), und dem Vergleich mit ähnlich strukturierten Völkern aus der Zeit von bis zu 5000 Jahren vor Christi Geburt, versucht man sich ein Bild zu machen, wie diese Menschen gelebt haben. Sehr eindrücklich ist der Besuch der Grabhügel und Höhlengräber mit den steinernen Grabwächtern.  Erst nach 8 Stunden sind wir wieder zu Hause und haben neben viel Interessantem auch mehrere 100 Meter hohe Wasserfälle gesehen und in einer Zuckerrohrmühle den frischen Saft getrunken und vom caramelisierten Naturzucker genascht. Zum Glück haben wir unterwegs in einem kleinen Restaurant zu Mittag gegessen. So wird das Abendessen auf ‚jeder nimmt sich was er mag’ reduziert.

 

In der letzten Nacht war nicht nur das angenehme Klima auf 1900 Meter Höhe schuld, dass wir soo gut geschlafen haben. Heute wollen wir zum archäologischen Park. Ein Taxi bringt uns hin. Wir werden sofort von einem Führer angesprochen. Er erklärt uns sehr viel über die verschwundene Kultur die nach seinen Worten von Mayas und Azteken beeinflusst war. Er macht uns auf einige Zeichen aufmerksam, die auf einen Austausch der Güter bis nach Afrika und den fernen Osten hinweisen. Ein interessanter Tag, der aber auch viele Fragezeichen hinterlässt. Wie die letzten Tage, werden wir von unserer Wirtin mit Kaffee, selbstgemachter heisser Schokolade und frischen Fruchtsäften verwöhnt. Heute duftet es ausserdem herrlich aus dem Backofen und wir dürfen die ersten Brötchen mit frischem Kakao probieren. Zur Herstellung des Getränkes müssen zuerst die Kakaobohnen gemahlen werden. Danach werden sie mit dem zu Caramel verdickten Zuckerrohrsaft zu einer festen Masse geknetet, die dann in Portionen geteilt wird. Diese werden in die Milch gebröselt und mit ständigem umrühren aufgekocht. Nun noch mit etwas Muskat gewürzt – und fertig ist die heisse Schokolade nach kolumbianischer Art. Fremd im Geschmack, aber gut.

 

Nach so viel Kultur, Natur und Verwöhnt werden, wollen wir unseren letzten Tag in San Augustin einfach nur Faulenzen. Am Morgen gehen wir ins Dörfchen ins Internet. Danach aber bleiben wir einfach zu Hause. Gehen mit unserer Wirtin zu ihrem Kaffeefeld, wo in einer Mischkultur noch viele andere Nutzpflanzen wachsen. Lassen uns noch die Verarbeitung des Kaffees erklären und geniessen danach das köstliche Getränk – nach landestypischer Art – dunkel und gesüsst. Morgen heisst es Abschiednehmen und schon zum 2.x hier in Kolumbien lasse ich ein Stück von meinem Herzen zurück.

 

Nach dem Einkauf sind wir Gestern von San Augustin nach Neiva gefahren, wo wir noch einmal im Hotel Los Manquitos nächtigten. Heute Morgen heisst unser Ziel Dessierto de  Tatacoa. In dieser Wüste ca. 40 km nördlich von Neiva steht eine Sternwarte und die Sicht in den Nachthimmel soll spektakulär sein. Margit und Jörg wollen heute auch hierher kommen. Wir sind schon am Mittag da, geniessen ein wunderbares Ziegengericht das in der Buschküche gekocht wurde und verbringen den Nachmittag beim Plaudern mit den Einheimischen und Gästen hier beim Observatorium. Den Abend verbringen wir dann im gemütlichen Beisammensein mit unseren Freunden.  Wir sind alle gleichermassen beeindruckt und begeistert von diesem schönen Land und den liebenswürdigen Menschen.

 

Pünktlich um 6.°°Uhr in der Früh sind wir bereit zu einer geführten Wanderung durch die Wüste. Wir bewegen uns auf steinigem Boden, der aber immer noch grüne Pflanzen hervorbringt. Die Landschaft ist sehr karg und ist von Ziegen und Zeburindern bevölkert. Unvermittelt öffnet sich der Boden in zerfurchte Täler und Schluchten. Durch Erosion sind eindrucksvolle Formationen in die rote Erde gewaschen worden. Nach einer Stunde sind wir zurück und kommen rechtzeitig um einer ‚Hausmetzgete’ beizuwohnen. Die Ziege hängt am Baum und das Blut, das aus der aufgeschnittenen Halsschlagader fliesst, wird in zwei Töpfen aufgefangen. In einem rührt die Hausfrau mit den Händen und wirft immer wieder Blutklumpen weg. Wir erfahren, dass durch das Rühren das Blut nicht gerinnen kann. Was aber trotzdem dick wird, nennen sie ‚das Schlechte im Blut’. Darum wird das weggeworfen. Der Sohn erzählt uns weiter, wie sehr die Menschen hier noch mit dem Glauben an Geister, Hexen und übernatürlichen  Wesen verbunden sind.  So glauben sie zum Beispiel fest an einen Geist - dessen Namen und Gestalt genau beschrieben wird – der an den Ufern der Gewässer sitzt. Weil er Salz und   Tabak  über alles liebt, nehmen die Fischer diese Gaben als Geschenk mit. Zum Dank dafür erhalten sie dann viele Fische. Während wir diesen Geschichten zuhören wird die Ziege fachmännisch gehäutet und zerteilt. Diese Schlachtungen sind auch Teil des Umweltschutzes. So konnte dank der Dezimierung der Tiere die Ausdehnung der Wüste deutlich verlangsamt werden.

Nun fahren wir mit unserem Begleiter in einen 10 Kilometer entfernten Abschnitt der Wüste. Auch hier hat das Wetter eine ganz eigene Landschaft geformt. Allerdings ist hier der Boden nicht mehr rot sondern grau und am Grund eines Canyons erwartet uns ein Becken das von einer Mineralquelle mit herrlich frischem Wasser gefüllt ist. Was für ein Vergnügen hier zu baden – auch wenn der Hüter danach einen kleinen Obolus verlangt. So erfrischt ist dann die Rückfahrt eine Kleinigkeit.

 

Hier in Kolumbien gefällt es uns so gut, dass wir in der Hauptstadt unser Visum verlängern wollen. Am frühen Nachmittag sind alle Formalitäten erledigt. Nun mit dem Taxi zum Goldmuseum, das uns immer wieder empfohlen wird. Danach möchten wir noch gerne zum Museo Botero. Der kolumbianische Künstler wurde durch seine fülligen Figuren weltbekannt – und dann geht’s uns wie schon so oft. Wir sind von den grossartigen Goldarbeiten des längst in der Vergangenheit versunkenen Volkes so hingerissen, dass wir die Zeit vergessen. Sehr interessant sind auch die Filme die unter anderem zeigen, wie diese Arbeiten hergestellt wurden. Zur Veranschaulichung haben heutige Goldkünstler sich zur Verfügung gestellt und einige Exponate nachgearbeitet. Man darf gar nicht daran denken, wie viele einzigartige Kunstschätze die spanischen Eroberer, mit dem Einschmelzen zu Goldbarren, zerstört haben. Tief beeindruckt verlassen wir das Museum – und staunen nicht schlecht, dass es draussen schon dämmert. Also schnell mit dem Taxi zu unserem Schnüfeli das auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums steht. Hier bekommen wir die Erlaubnis über Nacht zu bleiben, was in zweifacher Hinsicht praktisch ist. Wir brauchen uns im Feierabendverkehr nicht einen Schlafplatz suchen und das Center steht an der Ausfallstrasse in Richtung Medellin, wo wir Morgen hinwollen.

 

Eine anstrengende Fahrt liegt vor uns. Bogota liegt auf 2600 Meter. Medellin auf 1500. Dazwischen liegt eine grosse Ebene auf 500 Meter über Meer. Diese gewaltigen Höhenunterschiede sind gerade mal auf einer Strecke von 399 Kilometer verteilt. Während unser Schnüfeli diese Berg- und Talfahrten mit zufriedenem Schnurren bewältigt, hat mein Herz- Kreislaufsystem damit Probleme. Es ist hier in den Kolumbianischen Bergen keine Seltenheit, dass an einem Tag Höhenunterschiede von 1000 – 2000 Meter bewältigt werden müssen. In der Nacht steigt dann der Blutdruck und Kopfschmerzen werden zum Begleiter. Typische Zeichen der Höhenkrankheit. Um diese Schwierigkeiten abzuschwächen fahren wir heute nur bis Guaduas, das auf 1000 Meter liegt.

 

Heute geht’s dann die restlichen 500 Meter runter nach Honda, weiter durch die fruchtbare Ebene bis dann die zum Teil noch mit Regenwald bedeckte Hügellandschaft beginnt. Ab hier steigt dann die Strasse wieder auf über 2000 Meter an zu unserem heutigen Ziel Peñol. Ein kleiner Ort am Stausee de Peñol, dessen Wahrzeichen ein riesiger Granitblock ist. Der Monolit ist 200 Meter hoch und über 649 Stufen kann er bestiegen werden. Im Nachbarort Guadepe finden wir einen kleinen Campingplatz direkt am See. Die Nachbarn begrüssen uns mit dem schwarzen, stark gesüssten Kaffee und wie sie hören, dass ich gerne Wäsche waschen möchte ist schnell eine weitere Nachbarin zur Hand, die uns ihre Waschmaschine zur Verfügung stellt. Morgen können wir dann die trockene Wäsche wieder abholen. (smile) Einmal mehr heisst es nun wieder: Abfahrt von 2100 Meter hinunter nach Medellin auf  1500 Meter, dann wieder Anstieg zum Pass San Cristobal auf über 2000 Meter und ab hier bis fast auf Meereshöhe nach Santafe de Antioquia. Von kühlen Höhen in heisse Niederungen! Aber die Ein- und Ausblicke auf dieser Fahrt sind einfach fantastisch! Leider ist hier der einzige und sehr einfache Campingplatz total überteuert. Ziemlich Lustlos ist man bereit uns eine Steckdose zur Verfügung zu stellen und auch sonst vermissen wir die für uns schon sprichwörtliche Gastfreundschaft der Kolumbianer. Auf den Preis angesprochen meint die Besitzerin: „Sie dürfen hier nirgends frei campen und wir sind die einzige offizielle Campingzone. Sie können ja versuchen, ob sie bei einem Hotel auf dem Parkplatz stehen können“. Das tun wir denn auch und bekommen einen netten Platz beim Hotel el Rancho. Allerdings zahlen wir da noch mehr, werden aber freundlich behandelt und können den Pool und alle Annehmlichkeiten mitbenutzen.

 

Vor unserer Rückreise nach Medellin wollen wir die historische Puente de Occidente sehen. Eingeweiht wurde sie im Jahr 1895 und damals war sie die längste Hängebrücke Südamerikas. Die Seile spannen sich über den Rio Cauca, an dessen Ufer je zwei 11 Meter hohe Türme stehen in denen sie verankert sind. Dank dieser Brücke wurde die Verbindung von der Region Santafe de Antioquia an Medellin deutlich verbessert. Der Konstrukteur Jose Maria Villa hat auch an der berühmten Brooklin Bridge in New York mitgebaut. Seit 1922 fahren die Autos über dieses Bauwerk. Weil die Fahrzeugshöhe auf 2.20 Meter beschränkt ist,  können wir die mit Holzblanken ausgelegte Brücke nur zu Fuss überqueren. Trotzdem hat sich der Abstecher hierher gelohnt.

Am späteren Nachmittag erreichen wir Medellin und weil wir keine Ahnung haben wo wir schlafen werden, hält Hanspeter kurzerhand ein Polizeiauto an um nach einer Möglichkeit zu fragen. Nicht sehr hoffnungsvoll hört sich die Antwort an. „Leider gibt es,  ausser Hotels, keine Möglichkeiten die wir ihnen empfehlen können“. Dann meint er aber: „Folgen sie uns. Wir wollen sehen, was wir für sie finden können“. Vor dem grossen Sportstadion halten sie an und meinen: „ Rechts runter gibt es einige Hotels wo sie vielleicht auf dem Parkplatz stehen dürfen. Sie können aber auch hier im Stadion fragen“. Das tun wir dann auch – und lösen eine Hilfsaktion aus an deren Ende wir auf dem Gelände der Securitas unter hohen Bäumen im Stadiongelände, mit Strom versorgt, eingerichtet sind. Ganz selbstverständlich dürfen wir die sanitären Einrichtungen benutzen und werden mit Kaffee Tinto willkommen geheissen.

 

Eigentlich wollten wir nur über Nacht hier stehen bleiben. Nun sind es schon drei Nächte. Die Tage sind ausgefüllt mit Stadtbesuchen, Briefe per Internet schreiben und Einkaufen. Ganz bequem können wir mit der Metro ins Stadtzentrum fahren und mit dem Touribus machen wir eine 4-stündige Rundfahrt mit vielen Unterbrechungen, um das Eine oder Andere näher zu besichtigen. Heute Abend fahren wir mit dem Chefe de Securidat, Don Gerardo, zu seiner Finca. Er und seine Frau haben uns eingeladen doch einige Tage bei ihnen zu bleiben. Bei der Ankunft werden wir beim Nachbarn, Don Marco und Amilvia, zum Nachtessen eingeladen und beschliessen so diesen Tag beim gemütlichen Zusammensein auf ihrem Bauernhof. Wir sind hier in der Hochburg der ehemaligen Drogenbosse und hören, wie schwierig das Leben damals war. Die ganze Region wurde mafiaähnlich drangsaliert und wer nicht das Schutzgeld zahlte, wurde kurzerhand erschossen. Heute sei aber, unter Präsident Uribe das Leben sicher geworden. Nicht zum ersten Mal spüren wir die Nervosität, wenn die Sprache auf das Ende seiner Amtszeit im nächsten Jahr zu sprechen kommt. Für dieses herrliche Land und die wunderbaren Menschen die wir kennen lernen durften hoffen wir sehr, dass der Friedens- und Aufbauprozess weiter geführt wird.

 

Es ist schon Samstag und für uns wird es Zeit zur Weiterreise. Nach einem herzlichen Abschied führt uns der Weg einmal mehr mit einem ständigen Auf und Ab ins Valle de Cocora. Inzwischen haben wir gelernt auf die Tiere und Pflanzen zu achten und so die Höhenmeter zu bestimmen. Unter 1000 Metern begleiten uns riesige Zuckerrohrfelder und Zeburinder stehen in den Feldern und am Strassenrand. Ab 1500 Meter beginnt der Hochlandkaffee zu wachsen und Holsteinerkühe grasen auf den Weiden. Koniferen und Föhren beginnen ab 2000 Metern zu wachsen. So haben wir längst aufgehört in Höhenmetern zu rechnen. Uns genügt zu wissen, dass wir auf der angenehmen Kühle der Holsteinerhöhe – oder dann in der heissen Zebuniederung sind. Dabei sehen wir grosszügig über eins bis fünfhundert Höhenmeter-Verschätzungen hinweg. Wen interessiert es schon auf den Meter genau zu wissen wo er fährt. Im nächsten Kilometer hat sich in diesen Bergen eh wieder alles verändert.

 

Via Salento haben wir am Sonntag das wilde Tal Cocora erreicht. Eine grossartige alpenähnliche Landschaft. Nur kitzeln hier die Wachspalmen mit ihren bis zu 60 Metern  in den Himmel gestreckten Kronenwedeln die Wolken. Diese Palme ist der Nationalbaum Kolumbiens und konnte sich hier in diesem Tal bis heute halten. Nach einem herrlichen Forellenznacht und einem kurzen Spaziergang freuen wir uns schon auf das Wandern.

 

Früh aufgestanden geht’s gleich nach dem Frühstück los. Das heisst, Hanspeter geht erst mal in die Knie um die Füllmenge in unserem Gastank zu kontrollieren – und stellt mit Schrecken fest, dass die Anzeige gefährlich tief im roten Warnfeld steht! Der Kühlschrank ist zum bersten voll mit geschenkten Lebensmitteln von Don Gerardos Nachbarn. Ohne die Kühlung würde hier alles sehr schnell verderben. Das bedeutet, dass wir noch heute weiterfahren und eine Gasfüllanlage finden müssen, die einen Anschlussstutzen zu unserem nordamerikanischen System hat.

Unsere geplante Wanderung schrumpft darum zu einem Morgenspaziergang zusammen. Aber schon nach diesem kurzen Marsch sind wir überzeugt: Schade um jeden Pfad den wir nicht gegangen sind! So fahren wir runter auf Zuckerrohrniveau und können dank Polizei- und Taxihilfe unseren Gasnotstand wieder beheben. Kurz vor Popayan übernachten wir auf dem Parkplatz einer Tankstelle.

An Zuckerrohr- und Reisfeldern vorbei fahren wir bis zur Abzweigung nach Silvia. Die Strasse wird wieder schmaler und windet sich bis auf 2000 Meter hoch. Der allabendliche Regen hat viele Hänge ins rutschen gebracht. Trotzdem kommen wir gut voran und erreichen ohne Probleme den Ort der für seinen Mittwochmarkt bekannt ist. Die engen Gassen lassen schon erahnen, dass es schwierig sein wird einen Parkplatz zu finden. So stellen wir unseren Camper am Dorfrand ab – und schon wird an unser Fenster geklopft. Auf Hanspeters freundliches Buenos Dias bekommen wir die Antwort: „ Grüezi – oder chönd ihr nüme Schwizerdütsch“? So lernen wir Claude und Erika kennen. Sie sind aus Zürich und schon seit 9 Jahren auf  Reisen. Wow, da sind wir ja noch blutige Anfänger! Gemeinsam schlendern wir zum Markt und treffen auf Margit und Jörg, die schon gestern hier angekommen sind. Wegen des einsetzenden Regens ziehen wir uns in ein Restaurant zurück und vergessen über dem vielen Erzählen fast etwas zum Essen zu bestellen. Endlich aber meldet sich doch der kleine Hunger und wegen des kühlen Wetters entscheiden wir uns für eine kräftige Hühnersuppe. Die ist dann aber sehr dünn und die darin schwimmenden Füsse sind für unsere europäischen Augen auch nicht gerade ‚anmächelig’. So essen wir drum herum und Hanspeter bekommt von allen die Füsse zugeschoben. Er ist wohl der Einzige von uns der einigermassen satt ist. Leider wird der Regen immer stärker und selbst im Restaurant wird es so kühl, dass wir uns entschliessen zu unseren Autos zu gehen. Wir stellen uns alle in der Nähe der Polizei auf. Margit und Jörg haben schon letzte Nacht da geschlafen und wissen schon, dass die kleine Seitengasse, die ein gerades Stehen erlaubt, nicht als Schlafplatz genutzt werden darf. Jörg erklärt warum: „ Es gibt da keine Strassenlampen. Die Polizei stellt die ganze Nacht eine Wache auf und die will uns, aus Sicherheitsgründen, unter einer Lampe stehen haben. So haben sie uns immer im Blick und können für unsere Sicherheit sorgen“.  Natürlich gehen unsere Männer auf den Posten um uns vorzustellen und während die Beamten kontrollieren ob wir auch richtig stehen, bereite ich ein kleines ‚Zvieri’ in unserem Camper . Bald schon sitzen wir zu sechst gemütlich in unserer warmen Stube und geniessen das Plaudern und Zusammensein bis sich die Müdigkeit meldet.

 

Margit und Jörg wollen heute weiter in die Berge zu einer World Heritage Site in einem sehr abgelegenen Dorf. Das obwohl das Wetter schlecht, die Naturstrasse dahin aufgeweicht ist und mit weiteren Erdrutschen gerechnet werden muss. Sie sind aber mit ihrem Landi gut ausgerüstet und haben auch ‚Naturstrassenerfahrung’. So verabschieden wir uns von ihnen. Wir wollen weiter nach Popayan. Gemeinsam mit Erika und Claude schlendern wir durch die Strassen und landen in einer Cafeteria in der – unter anderem - auch Rüeblitorte serviert wird! Bescheiden wie wir sind bestellen wir gleich von jeder Kuchensorte ein Stück. Am Tisch gehen dann die Teller reihum und so schlemmen wir uns durch die Süssigkeiten. Mmmmhhhh!

Am Abend führen uns die Beiden dann zu einem Campo ausserhalb der Stadt, der von Nonnen geführt wird. Noch beim Einparkieren kommt ein Priester zu uns. Er ist Kanadier und freut sich ein Auto von Daheim zu sehen. Von Claude über die Sicherheitslage angesprochen meint er: „Das ist reine Illusion. Die Lage ist nach wie vor sehr kritisch. So kann ich einige Bergdörfer aus Sicherheitsgründen nicht besuchen“. Margit und Jörg sind da oben unterwegs und ich mache mir nun doch Sorgen. Hoffentlich melden sie sich bald.

Am Abend werden wir von Erika mit einem herrlichen Spagettiznacht verwöhnt. Um 20.30 Uhr müssen wir dann aber in unser Auto zurück, weil um diese Zeit die scharfen Hunde losgelassen werden.

 

Nach einer ruhigen Nacht heisst es nun auch von Erika und Claude Abschied nehmen. Sie fahren weiter nordwärts während unser heutiges Ziel Pasto heisst. Wieder fahren wir durch eine unglaubliche Natur und einmal mehr von 1730 Metern in Popayan runter zum 600 Meter tief gelegenen Taminango und wieder hoch nach Pasto, das auf 2560 Metern über Meer liegt. Hier sind wir nun ganz in der Nähe vom Vulkan Galeras, der mit seinem Ausbruch vor ein paar Wochen Schlagzeilen bis in die Schweiz machte. Sehr schön ist auch die Laguna de la Cocha und natürlich wollen wir – vor dem Grenzübertritt nach Ecuador - in Ipiales die Kirche ‚Santuario de nuestra Señora de las Lajas’ besuchen die, spektakulär in einer Schlucht, auf eine Brücke gebaut wurde. Hier wollen wir auf Margit und Jörg warten, die sich immer noch nicht gemeldet haben. Weil es aber sehr schwierig ist ein frei zugängliches WiFi zu finden, machen wir uns noch nicht zu viele Sorgen.

 

Also fahren wir am Morgen von Pasto wieder runter nach Pedregal auf  ca. 1800 Meter und von da wieder hoch nach Ipiales auf ca. 3000 Meter über Meer!

Wohl durch das ständige Auf und Ab mit den starken Höhenunterschieden fühlt sich Hanspeter nicht so wohl. Sein Blutdruck ist hoch und der Herzschlag setzt bei jedem 2.-3. x aus. Dazu kommt ein leichter Kopfschmerz. Starke Warnzeichen der Höhenkrankheit. Da gibt es nur ein sicheres Mittel. So schnell wie möglich runter in tiefere Lagen! Das bedeutetaber, dass wir zur Grenze nach Ecuador fahren müssen, die nur noch etwa 265km entfernt ist. In Rumichara sind die Grenzformalitäten zügig erledigt. Freundliche Beamten, keine Kosten, gute Strassen und Sonnenschein! Ecuador schenkt uns einen freundlichen Empfang. Von unseren Schweizer Reisefreunden haben wir die Telefonnummer vom Australier Graham. Vom Einkaufszentrum in Ibarra rufen wir ihn an - und haben kaum Zeit zum Auto zurück zu gehen. So schnell ist er mit seinem Motorrar hier um uns auf seine Finca abzuholen. Von hier senden wir eine Mail an unsere Freunde, dass wir die Grenze überfahren haben und bei Graham auf sie warten.