Bolivien

 

An der Bolivianischen Grenze ist der Schlagbaum nur zur Hälfte offen und der Grenzbeamte sonnt sich auf der Treppe und meint gemütlich: „ Die Schalter sind geschlossen. Die Formalitäten hätten sie in Puno erledigen müssen“. Das verdutzte Gesicht von Hanspeter muss ihn wohl gerührt haben. Auf jeden Fall steht er auf  und erledigt dann doch alle Formalitäten, so dass wir einreisen können.

Dann erreichen wir aber ohne weitere Zwischenfälle das sehr schön gelegene Copacabana. Das Hotel Gloria – in dessen Garten wir stehen, ist über der Bucht gelegen. Die Aussicht  über die kleinen Fischerboote hinweg über den uferlosen Titicacasee bietet einen Ausblick der eher an Griechenland erinnert, als an einen Binnensee in Bolivien. Wir sind begeistert – und geniessen!

Bei einem Spaziergang durch den Ort haben Margit und Jörg gemeinsame Reisebekannte wieder getroffen. Weitere kommen noch dazu und so sind wir am Abend ein ganz ansehnlichen Trüppchen die auf der Suche nach einem feinen Essen ein Restaurant einnehmen.

 

Heute bummeln wir gemütlich durch den Ort, bewundern die Kathedrale die in ihrer Bauweise ein wenig an eine Moschee erinnert und besuchen in einer Seitengrotte die schwarze Madonna. Wegen ihrer wundertätigen Werke wurde sie 1925 heilig gesprochen und wir erfahren, dass der berühmte Strand in Rio de Janeiro seinen Namen von diesem kleinen Ort bekommen hat, nachdem zu Ehren der schwarzen Madonna eine Kapelle an eben diesem Strand gebaut wurde.

In der Mitte des schlauchartigen, düsteren Raumes sind lange Kerzentische aufgestellt. Mit den Wachsresten haben Menschen ihre Wünsche in Form von Häusern, Autos etc. an die Wand geklebt. Glücklich, wer keine wichtigeren Wünsche hat!

Ein Kreuzweg führt auf den Cerro Calvario, den Hausberg von Copacabana, auf dessen Gipfel man einen herrlichen Blick über die Bucht und den See hat, der in seiner Unendlichkeit wirklich ans Meer erinnert. Auf der Höhe stehen verschiedene Kapellen. Die Wände und der Boden sind Russschwarz und es riecht – selbst hier im Wind – nach verbranntem Wachs. Wir hören, dass auch hier die Wünsche in Form von Wachsfiguren, Spielgeld etc. dargestellt und verbrannt werden. Zusammen mit den Schamanen die wir beim Aufstieg gesehen haben ist diese Vermischung von christlichem und indianischem Glauben – vereint mit einer (über)grossen Verehrung der Madonna - wohl nur zu verstehen, wenn man hier geboren ist. Allerdings müssen auch wir  einen Wunsch erfüllen. Wir bauen ein Steinmännchen für unsere Freunde Claire und Heinz. Von ihrer Tochter Rosmarie, die vor Jahren hier war wissen sie, dass das Glück bringt. Natürlich ist uns die Erfüllung dieses Wunsches eine angenehme Pflicht und wird auch per Foto dokumentiert. Na denn, viel Glück ihr Lieben!

 

Heute Morgen sind wir schon um halb acht am Hafen um zur Isla del Sol zu schippern. Nach einer zweistündigen Fahrt, vorbei an der Isla del Luna und einer grossartigen Küstenlandschaft steigen wir im Norden der Insel an Land. Bis am Nachmittag um 14.30Uhr müssen wir die 8 km lange Insel zu Fuss durchquert haben. Im Süden werden wir um diese Zeit von unserem Schiff wieder aufgenommen. Die zweite Möglichkeit ist, nach einer halben Stunde wieder aufs Boot zurück zu gehen, nach Süden zu fahren und da gemütlich auf die Wanderer zu warten. Es ist für uns klar, dass wir die Insel zu Fuss erobern wollen. Also schnell den Eintritt bezahlt und los geht’s! Zuerst einmal nordwärts zu den Ruinen und dann geht’s mehr oder weniger immer auf dem Bergrücken auf und ab, immer unserem südlichen Zielhafen entgegen. Die Zeit ist recht knapp bemessen, so dass kaum Ruhe für  Pausen bleibt. Wir haben aber einen herrlichen Weitblick über den See bis zu den schneebedeckten Bergen der Cordellera Real auf dem bolivianischen Festland. Die Insel selber erinnert an die Landschaft von Kroatien. Zum Glück weht hier ein stetiger Wind, der das Gehen in dieser kargen, baumlosen Region erträglich macht. Die Sonne hat hier auf ca. 4000 Meter doch eine ziemlich starke Strahlung. Nach drei Stunden ist unser Ziel erreicht und es bleibt noch genug Zeit für einen kühlen Trunk, bevor wir die Inkatreppe runtersteigen um im Boot wieder aufgenommen zu werden.

Ziemlich müde essen wir auf dem Nachhauseweg noch eine Kleinigkeit, bewundern den herrlichen Sonnenuntergang über dem See und beschliessen: Morgen gibt’s einen gemütlichen Ruhetag, den wir am Abend mit einer heissen Spielrunde mit Margit, Jörg, Heike und Rainer beschliessen  wollen.

 

Nach fast einer Woche in Copacabana wollen wir weiter nach La Paz in der Hoffnung, dass da unserem Schnüfeli endlich geholfen werden kann. Bei herrlichem Sonnenschein machen wir uns auf den nur 140 km weiten Weg. Auf der Anhöhe leisten wir uns noch einmal einen wehmütigen Blick zurück in den netten Ort. Auf einem langgezogenen Hügelkamm fahren wir an Weideland vorbei. Auf beiden Seiten leuchtet blau der Titicacasee und in der Ferne die schneebedeckten Sechstausender der Cordillera Real. In San Pedro de Tiquina endet die Strasse an einem Seitenarm vom Titicacasee. Hier geht es nur mit der Fähre weiter. Leider vergessen wir vorher nach dem Preis zu fragen und prompt müssen wir den Gringozuschlag akzeptieren. Schon bald müssen wir uns endgültig von dem höchstgelegenen beschiffbaren See der Welt verabschieden. Die Strasse führt uns durch den Altiplano und zusehends wird der Verkehr dichter. Die ersten Rotlichter zwingen uns zum Anhalten und als übergrosse Statue aus Schrauben, Muttern etc., begrüsst uns Che Guevara in El Alto, der Oberstadt von La Paz. Hier auf über 4000 Meter über Meer liegt nicht nur einer der höchstgelegenen Flugplätze der Welt. Hier in der dünnen Luft leben auch die Landflüchtlinge in den Armenvierteln. Die Stadtautobahn führt kurvenreich in den 1000 Meter tiefer gelegenen Talkessel der Reichen und Schönen. Wir gönnen uns von hier oben einen Blick über das Häusermeer zu den drei Gipfeln des 6439 Meter hohen Illimani. Nach einigem Suchen finden wir die Garage von Ernesto Hug, wo wir erwartet werden. Es ist Freitagnachmittag. So werden nur noch die möglichen Ursachen des Problems besprochen. Ernesto sagt auch klar, dass er keine Dodgeerfahrung hat und darum die elektronischen Elemente nicht kontrollieren kann. Die Männer einigen sich aber, dass am Montag alles mechanische durchgecheckt wird. Wir dürfen übers Wochenende in der Werkstatt stehen bleiben.

 

Heute werden die Bremsen, Stossdämpfer, Zündung und vieles mehr durchgeschaut. Ein Zündungskabel arbeitet nicht richtig, die Halterung des Kühlers ist auf einer Seite abgerissen und die Federblätter müssen neu gebogen und gehärtet werden. Wir werden mindestens bis Freitag hier bleiben müssen! Ob das defekte Zündkabel am Stottern schuld ist? Niemand kann das mit Sicherheit sagen. Hanspeter arbeitet viel mit dem Mechaniker Jaime zusammen und ich versuche mir die Zeit mit Lesen, Schreiben, Bilder bearbeiten und Haushalt zu vertreiben.

 

Heike, Rainer, Jörg und Margit sind ebenfalls mit ihren Camper in die Werkstatt gekommen. Auch bei ihren Fahrzeugen haben sich im Lauf der Zeit so einige Problemchen angestaut die mal durchgesehen werden müssen. Wenn man so lange auf Fahrt ist nutzt man die Gelegenheit, wenn eine vertrauenswürdige Garage in der Nähe ist und Ernesto hat unter den Reisenden einen guten Ruf.

 

Inzwischen ist es Freitag und unsere Autos strahlen mit unseren Männern um die Wette. Heike hat das so formuliert: „ Unsere Männer haben ihre Rollbretter mit denen sie unter den Autos liegen, wir unsere Würfel zum spielen“. Wir Frauen haben uns unter einem Baum gemütlich eingerichtet. Zum Kaffee kommt auch Ernesto vorbei und wir erfahren so einiges über die Probleme im Land. Er erzählt sehr engagiert. Immer ist die Liebe zu seiner Heimat zu spüren – aber auch die grosse Sorge um die Zukunft dieses Landes. Wir haben eine gute Zeit hier in der Werkstatt verbracht. Trotzdem freuen wir uns alle, dass es nun wieder weitergeht.

 

Schon beim Anstieg zum El Alto beginnt unser Schnüfeli wieder zu rucken. Also war es doch nicht das defekte Zündkabel! SCHEIBENKLEISTER!!!!

Die Weiterfahrt bis Oruro bietet wenig Nennenswertes. Im Ort finden wir, zusammen mit Margit und Jörg, eng eingepfercht auf einem Innenhofparkplatz eine sichere Unterkunft für die Nacht.

 

Am Morgen können unsere Freunde eher abfahren. Wir stehen noch eingeklemmt, aber 15 Minuten später sind auch wir frei. Sie wollen weiter nach Potosi, wir nach Uyuni.

Bis Challapata haben wir noch denselben Weg. In Oruro haben wir im Touristenzentrum  nach dem Strassenzustand von hier bis Uyuni gefragt. Da hiess es: „ Bis Challapata kein Problem. Da führt die geteerte Strasse weiter nach Potosi. Nach Uyuni haben sie nur noch eine Naturpiste, aber sie ist befahrbar“. Hier in Challapata fragen wir an der Strassenmautstelle noch einmal und hören: „Auf keinen Fall können sie hier weiterfahren nach Uyuni. Die Piste ist in so schlechtem Zustand, dass es ihr Auto zerlegen würde. Fahren sie über Potosi. Die Strasse von da nach Uyuni ist auch eine Naturpiste, aber in deutlich besserem Zustand – und zurzeit wird daran gearbeitet, weil sie geteert werden soll. Na denn, links weg und hinter Margit und Jörg her. Von der Wüstenregion in der wir bisher unterwegs waren, steigt die Strasse jetzt stetig an und bringt uns in eine grandiose, hügelige Landschaft mit wunderschönen Ausblicken. Nicht nur wir sind begeistert. An einem dieser schönen Plätze stehen unsere Freunde und gemeinsam trinken wir unseren Zmittagkaffee. Kurzerhand wird auch noch ein Neuseeländer vom bissig kalten Wind weg ins Auto eingeladen. Er ist mit dem Fahrrad unterwegs und hat viel zu erzählen wie er Land und Leute kennen lernt.

Kurz vor Potosi fahren wir zur Laguna Tarapaya. Der kreisrunde, etwa 100 Meter grosse See hat seinen Ursprung in einem Vulkan und schon die Inkas haben die Heilwirkung des Termalwassers genutzt. Heute bläst aber der Wind so stark, dass keiner Lust hat ins warme Wasser zu steigen. Ausserdem hören wir von der hier lebenden Familie, dass die abergläubischen Bewohner von Potosi nicht ins Wasser gehen, weil – wegen der Wirbel – schon Menschen ertrunken sind.

 

Wir wählen die Umfahrung von Potosi um zur nur 170 km entfernten Hauptstadt Sucre zu fahren. Der Abstecher bringt uns auf eine Hochebene. Wir sind erstaunt wie lange wir in einem leichten auf und ab der Strasse auf dieser Höhe bleiben. Immerhin ist Potosi mit 4065 Meter über Meer die höchstgelegene Großstadt der Welt und Sucre liegt nur noch auf 2790 Meter. Dann aber, fast unvermittelt geht’s in kurvenreicher Strasse 1000 Meter in die Tiefe zum Rio Pilcomayo. Nicht weit von der neuen Betonbrücke entfernt steht die alte Ponte Sucre. Eine imposante Hängebrücke die noch zu Fuss begehbar ist. In der Ansteigung nach der Flussüberquerung stehen wir plötzlich in einem Stau. Es ist kurz nach 12.°°Uhr und wir hören, dass die einzige Zufahrtstrasse von Süden in die Hauptstadt wegen eines Autorennens bis 16.°° Uhr gesperrt ist. Aus allen Autos und Bussen steigen die Menschen aus um das unverhoffte Schauspiel zu beobachten. Statt Schimpfen und Gejammer hört man allenthalben fröhliches Lachen und es geht nicht lange, sind auch schon die ersten Strassenhändler da und verkaufen Getränke und kleine Zwischenmahlzeiten. Na denn, Zeit zum Mittagessen. Es geht dann doch früher wieder weiter und bald schon erreichen wir Sucre.

 

Die Stadt, die zum Weltkulturerbe gehört, lädt uns heute zum Bummeln ein. Es ist herrlich warm und in kurzer Zeit sind wir am Hauptplatz mit seinem schönen Park und den Kolonialhäusern und der Kathedrale. Mit einem Taxi lassen wir uns zum Kloster La Recoleta hochfahren. Von hier haben wir einen schönen Blick über die Stadt. Grossartig ist der aus Zedernholz geschnitzte Chor der Klosterkirche und sehr interessant ist auch die Führung durchs Museum und im Garten stehen wir unter einem 1400 Jahre alten Laubbaum unter dem schon Bolivar seine Briefe geschrieben haben soll.

 

Wir sind wieder zurück in Potosi am Fuss des völlig durchlöcherten Berges Cerro Rico. Der ‚reiche Berg’ trägt seinen Namen nicht zu unrecht. Schon 1545 wurde das reiche Silbervorkommen entdeckt und bis heute wird der Berg ausgebeutet und immer noch arbeiten die Männer und Jungs hier zu unmenschlichen Bedingungen. Hanspeter nutzt die Gelegenheit zum Besuch einer solchen Mine und beschreibt diesen Ausflug folgendermassen:

 

Um 13 Uhr buche ich in einem Reisebüro eine geführte Tour durch die Mine Rosario. Es wird mir mitgeteilt, dass der Bus zur Mine um 14 Uhr vor dem besagten Büro abfährt. Ich will mal  Elfi  Bescheid geben, dass die Tour jetzt statt findet. In den verwinkelten Gassen finde ich aber nicht den direkten Weg zum Campingplatz, so dass ich umdrehen muss. Um 5 Minuten vor 2 Uhr erreiche ich den schon zur Abfahrt bereiten Bus. Wir sind insgesamt nur 4 männliche Teilnehmer, ich bin der Älteste. Die Fahrt zur Mine führt steil aufwärts, zuerst durch die Stadt, dann weiter über eine holprige Schotterpiste den Berghang vom Cerro Rico hoch, bis zu einem Betongebäude mit zerbrochenen Fensterscheiben. In einem Anbau müssen wir Geschenke für die Minenarbeiter kaufen. Jeder von uns kauft für 10 Bolivianos ca. 100 Gramm getrocknete Kokablätter, für 5 Bolivianios eine 2 Literflasche Fanta zur Stärkung und für nochmals 10 Bolivianos kauft die Führerin ca. 3 Deziliter über 90 %igen Alkohol. Im Nebengebäude erhalten wir rostrote Schutzkleider aus fester Plastikfolie, Gummistiefel, gelben Helm mit aufgesetzter Lampe und am Gürtel die notwendige Batterie mit Kabel zur Lampe.

So ausgerüstet machen wir uns auf in die Mine. Von einer Rutsche her führen ca. 60 cm spurbreite Geleise in ein mannshohes und vielleicht 1 Meter breites, schwarzes Loch in der Felswand. Zu Fuss gehen wir zwischen den Schienen in den Stollen. Schon nach wenigen Metern ist vor uns totale Finsternis. Ohne unsere Helmlampen wären wir aufgeschmissen. Wir folgen dem ausgehauenen Felsloch so um die 400 Meter eben und geradeaus in den Berg. Einsickerndes Wasser hängt in Eiszapfen und wie Eistücher von der Decke herunter. Wir müssen sehr acht geben, dass wir nicht mit dem Helm an der Tunneldecke oder einem Stützbalken ( manche sind gebrochen) anstossen. An mehreren Stellen ist die Decke niedriger und wir müssen uns halb gebückt  bewegen, was sehr anstrengend ist. Nicht zu vergessen, dass wir uns auf 4300 Meter Höhe befinden. Bald teilt sich der Stollen in drei Richtungen, wir folgen dem Mittleren. Vor einem Loch im Boden werden wir gewarnt, trotz hinunter leuchten wird der Grund nicht sichtbar. Mit einer Leiter, die oberste Sprosse fehlt, klettern wir in einen tieferen Stollen. Wir kommen zu einer Gruppe Minenarbeiter die gerade Pause machen. Jeder arbeitet hier auf eigene Rechnung. Er muss dem Staat 1000 Bolivianos für die Abbaubewilligung im Jahr bezahlen und in eigenem Interesse eine Monatsprämie von 30 Bolivianos an die Gewerkschaft für die Altersvorsorge und als Rente bei Arbeitsunfähigkeit. Viele müssen die Arbeit früher beenden wegen Staublungenerkrankung. Sie betteln um Kokablätter und Fanta. Wir geben etwas ab und gehen weiter. Bald sind wir bei Jose der mit Hammer und Meisel ein Sprengloch  ausspitzt. Seit 4 Stunden sei er dran und es fehlen immer noch 20 cm für die notwendige Tiefe von 80 cm. Eine schweisstreibende und geisttötende Arbeit. Am Ende eines Seitenganges kommen wir zum Schutzpatron der Minenarbeiter, dem Tio oder (geflüstert) dem Teufel. Eine sitzende Figur mit Hundskopf, mit farbigen Papierschlangen behängtem Körper und einer Machete als Zepter in der Hand. Ihm werden die Wünsche vorgetragen und mit dem 90 %igem Alkohol über den Kopf, den Bauch und den Penis gespritzt. Auch  Pacha Mama, die Mutter Erde, wird getränkt, sowie einige Kokablätter dazu gestreut. Zum Schluss nimmt jeder einen Tropfen oder etwas mehr zu sich. Es brennt fürchterlich auf den Lippen und man denkt sich einen Wunsch der in Erfüllung gehen soll. Für mich war der Wunsch, heil aus dieser Mine hinaus zu kommen.

Nach dreieinhalb Stunden erblickten wir wieder das Tageslicht, welch eine Wonne. Glücklich aber müde komme ich beim Camper an.

 

Natürlich lohnt es Potosi auch bei Tageslicht anzuschauen. Darum bummeln wir zum Hauptplatz der, wie immer nach spanischem Vorbild, von kirchlichen und weltlichen Prestigegebäuden eingerahmt ist. Freuen uns über den Panoramablick den man vom Dach der Kirche La Merced hat und bewundern die immer noch mit Lederriemen befestigten Glocken in ihrem Turm. Spazieren an alten Kolonialhäusern vorbei und erschauern nicht nur wegen ihrer prunkvollen Fassaden, sondern auch wegen ihrer Geschichte. So werden wir beispielsweise auf Balkone aufmerksam gemacht deren verstärkte und verlängerte Unterbalken darauf hinweisen, dass hier Verurteilte gehängt wurden. Eindrücklich ist dann der Besuch der Casa Real de la Moneda. Der mächtige Bau ist heute ein Museum in dem Möbel und Bilder aus der Kolonialzeit ausgestellt sind. Aber wirklich imponierend sind die riesigen Holzzahnräder die, im Untergrund von vier Pferden angetrieben, im Obergeschoss zum Prägen der Münzen dienten. Dazu gibt es jede Menge Prägestempel, alte Münzen und Stanzwerkzeugen. In Nebengebäuden sind Schmieden, Schmelzofen, aber auch Dokumente aus jener Zeit, Kunstgegenstände uns vieles mehr zu bewundern. Potosi hat wirklich einiges zu bieten. Nun aber locken das Abendessen und die Gemütlichkeit unseres Schnüfelis.

 

Die 250 Kilometer Naturpiste von Potosi nach Uyuni gilt als eine der schönsten Strassen in Bolivien. Pässe müssen erklommen und öde Hochebenen mit örtlichen Sandstürmen müssen durchfahren werden. Fantastische Felsformationen ziehen den Blick an. Salzseen gleissen im Sonnenlicht. Flussdurchfahrten bieten wenig Hindernisse. Landschaften die an Wildwestfilme erinnern mit einsamem Hütten zwischen Kakteen und verstaubte Dörfer - ein unglaublicher vielfältiger Landstrich! Esel und Lamas sind die wenigen Fussgänger die uns begegnen. Und dann – nach einer Strassenbiegung – den ersten Blick auf den Solar de Uyuni, den grössten Salzsee der Welt.

 

Uyuni ist ein hässlicher Ort in einer öden, staubigen, windgepeitschten Hochebene. Wohl kein Mensch würde hier Halt machen, wäre nicht diese ausgedehnte Salzpfanne. Sie ist 160 km lang, 135 km breit und ihre Salzkruste ist bis 7 Meter dick. Mit Staunen hören wir, dass nur bei Colchani Salz abgebaut wird. Die Jahresproduktion ist so gering, dass Bolivien den grössten Teil seines Salzes importiert.

Mit einem Toyota werden wir von Jaime zu diesem Ort und von da in das unbegrenzte Weiss des Salar de Uyuni gefahren. Eine schneeweisse Fläche in alle vier Himmelsrichtungen und über uns der blaue Himmel. Wie auf dem Meer nimmt man die Erdkrümmung war. Radspuren sind sichtbar, verdichten sich zu einem Fahrweg, teilen sich und führen ins Unendliche. Wir machen Halt bei einem ganz aus Salz gebauten Hotel. Selbst die Möbel wurden aus Salzblöcken hergestellt. Gedeckt ist das Haus mit Reedgras. Fast eine Stunde dauert es, bis wir die höchste Erhebung, die ‚Fischinsel’ erreichen. Viel früher schon werden wir auf einen schwarzen Punkt am Horizont aufmerksam gemacht. Ganz langsam nimmt er die Form eines liegenden Fisches an, was zu ihrem Namen – Isla de Pescado – führte. Mitten im Nichts erhebt sich, rund 80 km von Uyuni entfernt, eine Steinformation auf denen über 1000 jährige Kakteen wachsen, Vögel zwitschern und Kleinsäuger leben. Eine Wanderung zum 100 Meter hohen Gipfel gibt einen grandiosen Blick frei zu den blau flirrenden Bergen und Hügelzügen am anderen Ende des Salzmeeres. Nach einem feinen Zmittag fahren wir auf sie zu, zum Fuss des Vulkans Tunupa. Am Ufer liegt offenes Wasser das von Flamingos geseiht wird. Wieder fahren wir zurück in die gleissende Weite. Fahrspuren kreuzen unseren Weg. Schon lange habe ich die Orientierung verloren. Jaime aber weiss genau, wann es Zeit wird zum Abbiegen, welchen Geleisen er folgen muss um die Ojos, die Augen des Solares zu finden. Sprudelnde Gasquellen durchbrechen das Salz und bilden kleine Seen. Jaime erklärt: „ Der Vulkan ist erloschen, aber unterirdisch arbeitet er immer noch, wie man hier sehen kann“. Noch einmal wird ein grosszügiger Bogen gefahren – und wir haben wieder Boden unter unseren Rädern. Als extra Zugabe fährt er mit uns zu einem typischen Männerspielplatz – zum Eisenbahnfriedhof. Jetzt, kurz vor Sonnenuntergang, bilden die traurig vor sich hinrostenden einstigen Kraftprotze ein nettes Fotosujet.

 

In der Nacht hat ein heftiger Sturm getobt, mit frostigen Temperaturen hat der Tag begonnen. Jetzt aber scheint die Sonne und wir machen uns auf den Weg nach dem nur 218 km entfernten Tupiza. Die Strecke sei etwas ruppig aber befahrbar. Was immer das heisst. Mangels Alternative müssen wir diese Piste nehmen, wenn wir nach Villazon – und damit zur Bolivianischen Grenze – wollen.

Kurz nach dem Dorf begegnen uns Planierpflüge. Wir freuen uns über die gut hergerichtete Spur – bis zum nächsten Bahnübergang. Von da gibt’s nur noch ‚Wellblech’. Kleine Querrillen die unser Schnüfeli so heftig schütteln, dass sich alle Schrauben lösen wollen. In Australien sind wir mit dem Toyota einfach mit 80 kmh  darüber hinweggebraust. Unser Van wehrt sich aber bei jeder Beschleunigung über 40 kmh mit dem Ausbrechen des Hinterteils. An den heftigsten Stellen gibt es Fahrrinnen neben dem Weg. Leider sind sie so tiefsandig, dass wir drohen - ohne 4x4-Antrieb – stecken zu bleiben. Also wieder zurück aufs Wellblech und so hoppeln wir mit gemütlichen 25 – 30 Stundenkilometern durch die Wüste. Eine eingebrochene Brücke zwingt uns zu einer Umfahrung und einige hohe Sanddünen die sich über die Strasse gelegt haben, fordern von Fahrer und Auto Höchstleistung. Eine weitere Herausforderung ist der in heftigen Böen brausende Wind. Aber eine spektakuläre Landschaft – einsam, verwildert, karg – und doch spannend und lebendig in ihrer Vielfalt und der Farbenpracht und den Formungen ihrer Felsen. Diese Region wurde bekannt durch das Banditenpaar Butch Cassidy und Sundance Kid die hier nach einem Zugüberfall auf der Flucht verletzt wurden und den Freitod wählten. Nicht ganz so spektakulär wie im Film – aber die Geschichte die wir hören ist mindestens genau so gut. Wir schaffen grade mal 100 km und dürfen in Atocha auf dem geschützten Parkplatz des kleinen Spitals schlafen.

 

Vor unserer Weiterfahrt werden in einer Freiluftgarage, mitten in Müll und Schlamm die Federbügel nachgespannt. Nach der Brücke steigt die Strasse an auf einen über 4000 Meter hohen Pass. Die Piste ist deutlich besser und wir brausen mit 40 – 50 Stundenkilometern durch das Land. Heute fahren wir Berg und Talbahn. Immer wieder senkt sich die Strasse, steigt wieder hoch zum nächsten Pass, schlängelt sich den Höhenzügen entlang um dann wieder abzusinken. Die Landschaftsbilder können dem Vergleich mit gestern durchaus standhalten. Wir sind begeistert von den Bildern die sich uns bieten. Lange Zeit sind Lamas, Esel, Nandu und ein Kondor die einzigen Lebewesen die uns begegnen. Dann öffnet sich vor uns ein liebliches Tal. Der Fluss mäandert und verteilt sein Wasser auf die Felder. Tiere weiden, Lehmhäuser verdichten sich zu einem Dorf. Wehmütig denken wir an die hinter uns liegende Einsamkeit, fahren durch den Ort – immer dem Fluss entlang um eine Felsnase – und glauben unseren Augen nicht zu trauen! Das Naturwunder  hat sogar noch eine Steigerung gefunden. Rote Felsen bilden die unglaublichsten Formen. Berge leuchten in unterschiedlichen Farben. Unter uns der sich den Weg suchende Fluss im weissen Bett und über uns der blaue Himmel. Sogar die Wolken zeichnen eigene Gebilde ins Firmament die die Dramatik des Bildes noch verstärken. Plötzlich durchkreuzt ein Teerband das Tal. Rechts von uns eine Schranke und eine Tafel heisst uns in Tupiza willkommen. Noch ist es nicht so spät am Nachmittag. Auch haben wir noch keine Lust auf Menschen. Wir müssen uns erst wieder an die Betriebsamkeit und den Lärm gewöhnen. Also entschliessen wir uns auf dem grauen Band der Zivilisation weiter zu fahren zum Grenzstädtchen Villazon. Allerdings ändert sich das sehr schnell. Die Strasse wird neu gebaut und wir werden zu Umfahrungen gezwungen. Hinein ins nicht umgeleitete Flussbett. Auf sicheren Kiesbänken ist noch eine Spur auszumachen, aber im 20 - 30 cm tiefen Wasser heisst es den Pfad selber erahnen, weil Wegmarkierungen fehlen. Bis wir, kurz vor einem sehr engen Taleinschnitt, wieder die Schotterpiste erreichen. Aber dann zwingen uns weitere ‚Desvios’ immer wieder auf Umfahrungsstrecken durch Bachbette, in die mit stacheligen Sträuchern bewachsene Wüste und durch mehlfeine Staublöcher. Na wer sagt’s denn. Statt auf der Teerstrasse daher zu brausen, können wir uns Dank des Straßenbauamtes wieder langsam an die Zivilisation – und damit Villazon - annähern.

 

In einer Seitenstrasse haben wir vor dem Polizeiposten die letzte Nacht in Bolivien verbracht. Heute Morgen werden wir mit Blaskapelle und dem Morgenappell bei der Wachübergabe geweckt. Na, wenn das keine pompöse Verabschiedung ist!

Wir sind schnell an der Grenzbrücke die uns nach Argentinien hinein führt und haben schon wieder Grund zum Staunen! Weil die Einfuhrzölle sehr hohe Abgaben fordern, haben die Speditionsfirmen nach einer Umgehung dieser Zahlungen gesucht – und wir wären nicht in Südamerika – auch gefunden. Der Staat hat ein Gesetz erlassen, nachdem alles was von einer Person getragen werden kann, Zollfrei eingeführt werden darf. Also werden auf der einen Seite der Grenzbrücke die LKWs abgeladen, die Lasten auf die Rücken von Trägern verteilt, die sie auf der anderen Seite zu den wartenden Lastwagen bringen. Die Kolonnen erinnern unwillkürlich an Ameisen in ihrem emsigen hin und her. Das alles geschieht im Rücken der Zollbeamten und von diesen unbeachtet toleriert! Glückliches Südamerika, wo man so offen die Gesetze umgehen kann.