Mexicos Süden

 

Gestern Nachmittag sind wir bei schönstem Wetter in Bacalar angekommen und haben uns erst mal in die ‚kühlen’ Fluten der Laguna Bacalar gestürtzt. Der schmale, aber über 50 km lange Süsswassersee wird wegen seiner schillernden Farben auch die Lagune der 7 Farben genannt. Sogar heute, einem richtig ‚grusigen’ Regentag zeigt er sein schönes Farbenspiel. Am Morgen konnte ich nach dem Wäsche waschen noch schwimmen gehen. Aber dann kam der grosse Regen und liess den ganzen Tag nicht mehr nach. Zum Glück haben wir auf unserem einfachen Campingplatz die Möglichkeit unter einer auf allen Seiten offenen Palapa zu sitzen. Denn trotz dem Regen wäre es im geschlossenen Auto unangenehm heiss. So verbringen wir den Tag mit Fotos bearbeiten und spielen.

 

Am Morgen verabschieden wir uns von dem netten älteren Ehepaar das hier auf einfachste Weise lebt und fahren in Richtung Palenque los. Wir werden heute wohl nur die Hälfte der Strecke schaffen. Wollen wir doch unterwegs noch die beiden Mayastätten Kohunlich und Becan besuchen. Leider kann man am zweiten Ort nicht mehr auf dem Parkplatz übernachten, wie es in unserem Reiseführer steht. Schon spät am Nachmittag fahren wir darum weiter nach Escargega. Kurz vor dem Ort sehe ich am Strassenrand das Schild Camping und Cabanias. Jupii, das bedeutet nicht bei einer Tankstelle schlafen zu müssen! Das Tor wird uns von einem freundlichen jungen Mann geöffnet und er fährt uns mit seinem Auto voran. Aber wohin führt er uns? Zuerst durch ein Waldstück, dann auf kaum erkennbarem Feldweg an Bauernhütten vorbei über eine Wiese und dann wieder in den Wald! Vom vielen Regen ist der Boden richtig aufgeweicht – und hier im zweiten Waldstück bleiben wir auch prompt im Morast stecken. Kein Problem für unseren Begleiter. Er wendet sein Auto und zieht uns heraus. Nun stehen wir auf einer Lichtung und er weist uns einen kleinen Betonplatz neben einem nicht mehr bewohnten Kleinst-Bauernhaus zu. Hanspeter muss aufpassen beim Rückwärtsfahren, weil direkt neben unserem Stellplatz zwei Pferde angebunden sind. Begrüsst werden wir von einer Schar Truthennen und Hühner, die eigentlich schon auf dem Weg zu ihrem Schlafplatz waren. Ein Schuppen, dessen Dach eingestürzt ist. Aber die Dachstützen dienen nun als Schlafstangen für das Federvieh. Wir haben keine Ahnung wo wir da gelandet sind. In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden und die freundliche Hilfsbereitschaft des jungen Mannes beruhigt uns fürs erste.

 

Am nächsten Morgen ist unser Begleiter wie abgemacht um 9.°°Uhr da um uns wieder zum Tor zu bringen. Er hat Mais fürs Federvieh mitgebracht. Was für ein friedliches Bild. Ausserdem scheint die Sonne und ich werde freundlich gefragt, ob ich gut geschlafen habe? Oh ja, das habe ich tatsächlich. Der kleine Hof ist gepflegt verwildert und es ist jetzt bei Tageslicht besehen friedlich und einfach nur zum Wohlfühlen hier. Eben zeigt er auf ein etwa hasengrosses ‚Meerschweinchen’ am Waldesrand und fragt mich, ob ich die Rehe schon gesehen habe? Beim Rumführen kommen wir zu einem der vielen Orangenbäume. Leider sind die Früchte noch grün. Trotzdem pflückt er eine, schält sie mit seinem Messer und reicht sie mir zum Essen. Mmhh, zu meinem Erstaunen ist sie wunderbar süss. Inzwischen hat sich auch Hanspeter zu uns gesellt und die beiden Männer beginnen ein intensives Gespräch, während ich auf Fotosafari gehe. Der junge Mann erzählt, dass er Ingenieur ist und hier auf seinem Elternhof den Traum von einem Biosphären- Reservat erfüllen will. Gepaart mit einigen Stellplätzen will er interessierten Menschen die Fauna und Flora seiner Heimat näher bringen. „ Die Cabanias habe ich an Langzeitmieter vergeben. Davon leben meine Familie und ich. Immer wenn etwas Geld übrig bleibt, stecke ich es in mein Projekt. Sie sehen, ich bin ganz am Anfang und es gibt noch viel zu tun. Das Land wurde nach dem Tod des Vaters unter uns sieben Buben aufgeteilt. Die Anderen haben aber kein Interesse an dem Land. Jetzt muss ich nur noch zwei auszahlen, dann kann ich hoffentlich richtig loslegen“. Hanspeter und Lazero verstehen sich auf Anhieb und wir werden eingeladen so lange hier zu bleiben wie wir wollen. „Natürlich braucht ihr nicht zu zahlen. Für Freunde habe ich immer einen Platz in meinem Haus“. Hanspeters Einwand, dass er jetzt doch jeden Peso brauche beantwortet er mit: „Freunde sind mir wichtiger als Geld“. Wir geniessen noch gerne einen Ruhetag an diesem idyllischen Ort. Aus dem Wald, ganz nah, hören wir immer wieder die Brüllaffen, aber wir können sie einfach nicht entdecken. Gegen Abend kommt Lazero zum Gras mähen. Nun wird der Chef der Affenbande so wütend über seine gestörte Mittagsruhe, dass er mit seinem Gebrüll und Matchogehabe endlich den Standort von ihm und seiner Familie verrät. Schön blöd diese Affen, aber toll für uns!

 

Heute Morgen müssen wir uns leider von Lazero und seiner jungen Familie verabschieden. Wir wollen weiter nach Palenque. Es wird ein herzlicher Abschied und wir versprechen für ihn zu werben. Darum auch hier seine Email- Adresse: casadosranch@hotmail.com Wer in die Nähe kommt, hier noch die genaue Anschrift: Lazero Casados Diaz, Centro para la Conservacion de la Vida Silvestre, Carreteraescarcaga-Chetumal, Km 4.8 Escargega, Campeche, Mexiko. UNBEDINGT reinschauen!

 

Heute ist es so heiss und schwül, dass wir bei unserer Ankunft in Palenque zuerst unseren Campingplatz ansteuern und uns da in den Pool stürzen. Bald hören wir am Rand nicht nur Hochdeutsch, sondern auch den vertrauten Schaffhauserdialekt. So eine Überraschung! Da gibt es natürlich ein grosses Erzählen. Wir entschliessen uns darum erst Morgen die Mayaruinen zu besuchen.

 

Am Morgen begleiten uns die Brüllaffen auf unserem Weg zur Mayastätte. Unser Begleiter durch die Ruinen führt uns in die offene Stadtstruktur die von Urwald umgeben ist. Er erklärt uns, dass noch 95% der Anlage verborgen sind. Aber die 5% die zu sehen sind, sind schon sehr beeindruckend. Was wird da bei weiteren Grabungen noch zu erwarten sein! An einen Höhenzug angelehnt kommen wir zu einem zusammenhängenden Gebäude, das sich aus drei Tempeln zusammensetzt. Dem Totenkopftempel, der seinen Namen von einem Stuckschädel am Fuss eines Pfeilers hat. In der Mitte steht die Pyramide der roten Königin. Erst 1994 wurde das Grab geöffnet, nachdem es von einem taubstummen Maya entdeckt wurde. Wir gehen in die Gruft, wo der Steinsarkophag immer noch steht. 1200 Jahre lang hat er die Überreste der Frau verborgen. Weil sowohl das Skelett, wie auch das Innere des Sarges ganz rot gefärbt war, bekam sie den Namen ‚ Rote Königin’. Gleich daneben steht der Tempel der Inschriften. König Pacal liess ihn als Grabmal für sich bauen. Laut unserem Begleiter ist diese Grabpyramide einzigartig und nur aus Ägypten sind solche Bauten bekannt. „ Der Bau ist 21 Meter hoch. Um in die Krypta zu kommen, muss man im innern wieder hinuntersteigen. Die Gruft liegt noch zwei Meter unter der Basis der Pyramide. Leider kann man sie heute nicht mehr besuchen. Durch die vielen Menschen wird das Klima im innern verändert, was zu Schäden führt“. Mit sichtlichem Stolz informiert er weiter: „Sie müssen wissen, dass der Originalsarkophag immer noch in der Gruft ist. Alles was sie hier in Palenque sehen sind Originale. Wir verzichten hier auf Rekonstruktionen und beschränken uns auf die Reinigung und Konservierung der Bauten und Kunstwerke. Sie können den Sarkophag von König Palac im hiesigen Museum sehen. Aber wie gesagt, das Original ist immer noch hier in seiner Gruft“.

Weiter gehen wir zum Palacio. Über die breite Haupttreppe kommen wir in sein verwinkeltes Innere. An Pfeilern und Wänden sind wieder herrliche Stuckarbeiten zu sehen. Sogar Medaillons sind in der Art einer Ahnengalerie vorhanden. „ Diese Form der Bildnisse kennen sie aus der Zeit des Barock. Bedenken Sie, dass meine Vorfahren diese Galerie erstellen liessen, bevor Amerika entdeckt wurde“. Wieder ist der Stolz über das Wissen und Können seiner Ahnen deutlich zu sehen. Es macht richtig Freude, diesen bescheidenen und doch stolzen Vorträgen zuzuhören. „ Leider haben die ersten Entdecker Palenques diese Bilder zerstört, weil sie dahinter Gold und Schmuck vermuteten. Aber zur Blütezeit von Palenque kannten die Maya noch kein Metall. Alles was sie hier sehen ist mit einfachen Werkzeugen erbaut und geschmückt worden“. Nun gehen wir weiter zu den Toiletten (mit Wasserspülung) und zu den Bädern und Saunen! Im untersten Stockwerk sind die Schlafräume, in denen noch heute die Steinbetten stehen. „Beachten sie die Durchbrüche in den Wänden. Wenn sie hindurch schauen, haben sie durch die hintereinander liegenden Räume den Eindruck in einen Spiegel zu sehen, der das Licht in ihrem Raum reflektiert“. Die Täuschung ist wirklich perfekt! Ausserhalb des Palastes haben Händler ihre Stände aufgebaut. Bei einem bleibt unser Begleiter stehen und zeigt auf ein Bild. „ Sie sind doch Schweizer? Vor einigen Jahren war der Schriftsteller von Däniken hier. Dabei hat er auf der Deckplatte des Sarges von König Pacal dieses Bildnis gesehen. Er glaubte dadurch beweisen zu können, dass die Maya bereits Astronauten waren. Er sah König Pacal auf einer Rakete sitzen. Hinten ist der Feuerstrahl zu sehen. Mit seinem linken Fuss am Gaspedal und den Händen an der Steuerung. In seiner Nase ein Anschluss zu einem Atemgerät. Nur: Von Däniken betrachtete das Bild von der Breitseite, also wagrecht. Wir Maya schauen es aber von der Fussseite, also senkrecht an. Der angebliche Feuerschweif stellt den Rachen der Unterwelt dar. Darauf in der Fötenhaltung sitzt Pacal der aus der Unterwelt gleichsam in die höhere Welt geboren wird. Dargestellt durch den Lebensbaum der Maya. So wie wir in darstellen, gleicht er dem christlichen Kreuz. In unserer Glaubenswelt verbindet aber der Weltenbaum die vier Himmelsrichtungen und die Unterwelt mit der höheren Welt. Dieser Baum hat in der Natur sein Pendant. In Guatemala ist er in der Staatsflagge zu sehen“. So vieles gäbe es noch zu berichten, was wir heute wieder sehen und erfahren durften. Wie immer auf solchen Führungen vergeht die Zeit viel zu schnell und schon müssen wir uns mit einem grossen Dankeschön verabschieden. Er gibt uns noch einige Tipps, was wir noch alleine ansehen können und wie wir mit einem Spaziergang durch den Urwald zum Museum kommen. Ziemlich müde kommen wir auf unserem Campingplatz an und geniessen noch einmal ein ‚kühles’ Bad im Pool.

 

So schön es hier ist, wir müssen weiter. Es ist schon der 10. Oktober und am 23. 10. werden wir Mexiko verlassen. Dabei gibt es noch soo viel zu sehen! Darum fahren wir heute von Chiapas Tiefland in die Berge. San Cristobal de las Casas  liegt auf über 2000 Meter über Meer. Eine stundenlange Fahrt auf enger Serpentinenstrasse bringt uns vom feuchtheissen Tropenklima in die mit Pinienwälder bedeckte Sierra Madre de Chiapas. Die Strassen sind recht gut befahrbar, aber man muss immer mit Lasten tragenden Menschen, Tieren  und anderen unvorhersehbaren Dingen rechnen.  Wir erleben ganz verschiedene Vegetationszonen, fahren durch fantastische Hügellandschaften  und können die Berg- und Urwaldstrassen hautnah erleben. Immer wieder begegnen uns Indios. Vorwiegend die Mädchen und Frauen tragen noch ihre bunten Trachten, die je nach Volkszugehörigkeit wechseln. Viele tragen ihre Lasten auf dem Rücken mit Hilfe eines Stirntrage-Gurtes. Eigentliche Dörfer sehen wir kaum. Es sind eher kleine Häuseransammlungen entlang der Strasse oder einzelne Gehöfte. Vorwiegend in einfacher Holzbauweise mit rohen Bretterwänden. Auffallend ist die Sauberkeit. Es ist kaum Müll zu sehen, wie in anderen Teilen Mexikos. Am späteren Nachmittag erreichen wir San Cristobal de las Casas, das am 1. 1. 1994 weltweit in die Schlagzeilen geraten ist, weil hier die Zapatisten ihren Aufstand starteten, der auf die brennenden Probleme und die Diskriminierung der indianischen Bevölkerung aufmerksam machte.

 

Wir möchten gerne die Mayas in den umliegenden Bergdörfern besuchen. Sie leben noch mit ihren alten Traditionen und pflegen die überlieferten Rituale. Leider haben sie mit Touristen und Evangelisten nicht immer gute Erfahrungen erlebt und sind darum Fremden gegenüber eher ablehnend. Das können wir sehr gut nachvollziehen. Wer hat es schon gerne, wenn Fremde einen bis ins Haus verfolgen, ohne zu Fragen Fotos schiessen, oder einem aufschwatzen wollen, dass die eigene Lebensweise vollkommen falsch ist und nicht Gottgewollt? Wir wenden uns darum ans hiesige Touristenzentrum und fragen nach der Möglichkeit einer sorgfältigen, respektvollen Führung. So lernen wir Caesar, einen Mestizen, kennen. Mit ihm fahren wir nach Chamula. Noch oberhalb des Dorfes steigen wir aus und erfahren viel über die hier lebenden Menschen und wie wir uns innerhalb des Dorfes verhalten sollen. „ Fragen sie einen der Menschen hier welchen Glauben er pflegt, wird er sagen: Ich bin Katholik. In Wahrheit aber ist es eine Mischung des katholischen Glaubens und der Mayareligion. So werden sie in eine katholische Kirche gehen, die aber keine Bänke hat. Der Boden ist vollkommen mit Piniennadeln bedeckt. Dazwischen und auf Tischen an den Seitenwänden brennen unzählige Kerzen in verschiedenen Farben. Jede Farbe hat eine ganz bestimmte Bedeutung. So steht weiss z.B. für Tortillas, also Essen. Rot, schwarz, gelb und weiss sind aber auch die Farben des Maises und der Himmelsrichtungen, während grün für die Pflanzenwelt und das Wasser steht. Sie haben aber auch eine mystische Bedeutung und je nach Zusammenstellung der Farben, können sie für die Mayas ganz verschiedene Bedeutungen haben. Sie werden aber auch Hühner, Eier, Süsswasser (in den 4 Maisfarben = Cola für schwarz, Orangina für gelb, Citro für weiss etc.), Spiegel auf der Brust und anderes sehen. Das alles sind Mayasymbole, wobei sie durchaus – siehe Süsswasser – moderne Elemente mit einbeziehen. In den letzten Jahren sind immer mehr Baptisten, Zeugen Jehovas und andere protestantische Missionare aus der USA in die Bergdörfer gekommen und locken die Einheimischen mit materiellen und politischen Vorteilen zu ihnen überzutreten. Dabei verbieten sie den alkoholischen Konsum, alte Tänze und die Verehrung der Stammesheiligen. In der Folge werden die Dorfgemeinschaften gespalten und Zwietracht gesät. So kam es in letzter Zeit immer wieder zu Auseinandersetzungen. Diese ‚Rettung’ der Seelen gilt als die grösste Gefahr der Neuzeit, dass die indogenen Völker ihre Identität verlieren“. Weiter erzählt er: „Im Dorf und bei der Kirche werden ihnen immer wieder Kreuze begegnen. Sie haben aber nichts mit dem christlichen Kreuz zu tun. Das Kreuz symbolisiert seit jeher den Lebensbaum der Maya, der die Unterwelt über die Mittelwelt = Erde und mit der Oberwelt verbindet. Die Himmelsrichtungen entsprechen der zentralen Achse. Versinnbildlicht wird der Lebensbaum auch durch den Ceibabaum“. So viel kann uns Caesar noch berichten, bevor er uns vor dem Weitergehen mahnt: „ Bitte fotografieren sie auf keinen Fall in der Kirche. Ich werde ihnen immer sagen wo es toleriert ist, damit sie nicht ungewollt Gefühle verletzen“. Mit den Mayaworten für ‚Guten Tag’ und ‚Danke’ im Ohr gehen wir weiter. Immer wieder werden wir von unserem Begleiter auf das Eine oder Andere aufmerksam gemacht. So erkennen wir nun den speziellen Schmuck der das Haus eines Dorfleaders schmückt. Wir bekommen die Erlaubnis ein Zeremonialhaus eines solchen Führers zu betreten. Hier erfahren wir, dass diese Männer hoch angesehen sind, aber kein politisches Amt vertreten, sondern eine wichtige soziale Funktion haben. Zu den Gegenständen im Raum hat Caesar viel zu erklären. Er macht dies mit viel Achtung und Feingefühl. Wie sehr ihm die Menschen hier vertrauen zeigt sich wohl auch daran, dass er ohne Kontrolle die Dinge anfassen und darüber berichten kann. Beim Weitergehen zur Kirche erzählt er uns: “Obwohl ich auch indianisches Blut in mir habe und im Dorf willkommen bin, hätte ich keine Möglichkeit hier zu wohnen, nicht einmal zur Miete. So hofft die hiesige Bevölkerung das Fremde abzuhalten und ihre Identität zu bewahren. Das bedeutet auch, dass wer in eine protestantische Gemeinschaft übertritt, das Dorf verlassen muss“. Was wir dann in der Kirche sehen ist wohl einmalig in der Welt. Vertraut und doch fremd, mystisch und faszinierend. Eine ganz andere Welt. Gefühle die ich nicht in Worte fassen kann. Aber was ich in den Gesichtern der Menschen sehe ist ein tiefer, echter Glaube an die Richtigkeit von dem was sie tun. Nun verstehen wir auch die Einleitung von Caesar, bevor wir ins Dorf kamen. Sie hilft im richtigen Einordnen und ein bisschen auch beim Verstehen. Beim Gang durch den Markt kommt uns eine Prozession entgegen, deren Mitglieder dann vor der Kirche eine Zeremonie abhalten. Obwohl wir hier alleine rumstöbern, verzichten wir – dank Caesars Infos – auf das Fotografieren.

Von hier fahren wir nach Zinacantan, wo eine Familie uns ihr Haus öffnet. Hier dürfen wir auch Fotos machen und den Frauen bei ihren Handarbeiten über die Schultern sehen. In der einfachen Küche werden wir eingeladen von den Tortillas zu versuchen und wir bekommen Erklärungen zu einer Heilszeremonie. Viel erfahren wir über das Alltagsleben der Mayas. Auch hier ist Caesar ein willkommener Gast und all seine Erklärungen spiegeln eine grosse Liebe zu diesem Volk und seiner Tradition. Dabei meint er: „ Während meines Studiums habe ich mich von der Lebensweise meiner Familie ganz gelöst. Ich wollte nicht so sein, sondern modern leben. So arbeitete ich in Cancun bis ich merkte, dass es mir gesundheitlich nicht gut geht. Keine Medizin konnte mir helfen. Bei einem Besuch zu Hause heilte mich meine Mutter mit ihrem alten traditionellen Wissen. Es brauchte aber noch einige Zeit bis mir klar wurde: Hier in Cancun habe ich Fernsehen, Microwelle und allen Luxus – aber keine Zeit für mich. Zu Hause ist es gerade umgekehrt. Kein Fernsehen, keine Microwelle, keinen Luxus – aber viel Zeit füreinander. Ich begann mich zu fragen, ist der so genannte Fortschritt wirklich besser – und kam zurück und verstand endlich“.

Nur zu gut weiss ich, dass meine Aufzeichnung des heute erlebten sehr lückenhaft ist. So viele Gedanken, Worte und Erinnerungen sind es Wert nicht vergessen zu werden. Vielen Dank Caesar für all das was du uns gezeigt und gelehrt hast!

Ein weiterer Besuch gilt dem Museum Na Bolom. Dieses grosszügige, wunderschöne Anwesen gehörte dem Dänen Frans Blom, der sein Lebenswerk den hiesigen Indios – und im besonderen den Lacandonen – widmete. Seine Schweizer Ehefrau Gertrude Duby – Blom hat ein grossartiges Fotoarchiv von ca. 50 000 Bildern hinterlassen. Die Lacandonen leben noch heute in ihrer alten Tradition. Immer mal wieder begegnen sie uns in ihren weissen wallenden Kleidern. Aus Rücksicht haben wir nie Fotos gemacht. Darum interessiert uns die Arbeit dieser beiden Forscher und ich hoffe, dass ich vielleicht hier einige Bilder in der Ausstellung aufnehmen darf.

Mit einer überraschenden Begegnung mit zwei jungen Schweizerinnen auf unserem Campingplatz geht ein grossartiger Tag zu Ende.

 

Hogar Infantil heisst ein Kinderheim ganz in der Nähe von Tuxtla Gutierrez, das die nächsten Tage auch unser Zuhause sein wird. Nach dem herzlichen Empfang fühlen wir uns sofort wohl hier. Vor 15 Jahren sollte dieses Heim aus Geldmangel geschlossen werden. Ein Amerikaner setzte sich aber für diesen besonderen Ort ein und so entstand das Kinderdorf in seiner heutigen Form. Aufgenommen werden Strassenkinder die, aus welchen Gründen auch immer, kein Zuhause mehr haben. Sie dürfen hier bleiben bis sie eine Lehre oder ihr Studium abgeschlossen haben – oder wenn nötig oder gewünscht  - auch noch länger. „ Genau so, wie jedes Kind in seiner Familie bleibt“. Meint dazu der Direktor, Senior Jimenez Ruiz. Er nimmt sich viel Zeit und führt uns durch die Anlage. Die Kinder sind in einzelnen Häusern untergebracht, die Zweckmässig eingerichtet sind. „Gegessen wird aber gemeinsam. Damit wollen wir verhindern, dass sich einzelne Gruppen absondern. Bei uns leben Kinder aus verschiedenen Glaubensgruppen und wir versuchen den Kontakt mit den Familien aufrecht zu erhalten, was natürlich nicht ganz einfach ist. Hinter jedem Schicksal steht ja eine ganz persönliche Geschichte“.

Die verschiedenen Wohnhäuser stehen in einem grossen Stück Land, auf dem herrliche alte Bäume stehen. Auf Bänken oder bei Sitzgruppen kann man sich toll zurückziehen und seiner Freundin ein Geheimnis anvertrauen. Auf Sportplätzen, in Gemeinschafträumen und im Computerraum findet man immer Kollegen. Uns fällt vor allem auf, wie glücklich, ausgelassen, hilfsbereit  und aufgeschlossen diese Kinder sind. Sie freuen sich, ihr englisch bei uns ausprobieren zu können und bei den deutschen Austauschstudenten die hier ein Sozialjahr absolvieren, haben sie einige deutsche Wörter aufgeschnappt.

„Im Gegensatz zu anderen Heimen bekommen wir keine Unterstützung für unser Projekt“, erzählt uns Senior Jimenez weiter. „Hier müssen die Kinder nicht für ihren Aufenthalt aufkommen wie in anderen Heimen, wo sie für Kost und Logis zahlen müssen und wenn das Geld nicht reicht, müssen sie dafür arbeiten. Allerdings helfen sie auch hier, wie halt in jeder Familie. So haben wir verschiedene Tiere wie: Schafe und Schweine und in Kürze kommen noch Hühner dazu. Sie bereichern nicht nur unseren Essplan, sondern lernen die Kinder auch Verantwortung zu übernehmen. Das Mais und Bohnenfeld das sie sehen, haben ebenfalls wir angelegt. Das alles, zusammen mit der Unterstützung aus Amerika hilft uns das Projekt am Leben zu erhalten. Aber natürlich sind wir auch auf Spenden angewiesen“.

Weil uns die  Idee und die glücklichen Kinder von Hogar Infantil überzeugt haben, geben wir gerne die E-Mailadresse weiter: jimmy-jimez@hotmail.com

 Weitere Infos kann man auch erhalten unter: www. hogarinfantil.org. Weihnachten steht ja vor der Tür. Vielleicht wäre eine Spende einmal ein ganz anderes Geschenk – ganz bestimmt aber im christlichen Sinn des Festes.

 

Heute am 2. Tag hier im Kinderheim fahren wir in den Hauptort. Wir wollen den – laut Reisehandbuch – schönsten Zoo Mexikos besuchen. Wir werden nicht enttäuscht. Auch – oder gerade weil auf diesem grosszügig angelegten Gelände ‚nur’ Tiere aus Chiapas gezeigt werden. Dieser Landesteil gilt als der Artenreichste  Mexikos. Meinen ganz persönlichen Höhepunkt erlebe ich bei den Vivarien. Hier werden die Unterkünfte gereinigt und ich bekomme einen riiiesigen Tausendfüssler in die Hand! Trotz der Hitze ist es hier angenehm, dank der vielen Bäume in deren Schatten man wandert. Entsprechend lange sind wir unterwegs. Es geht schon deutlich gegen Abend bis wir wieder zu Hause sind – und endlich habe ich die Tiere im Bild, die ich sonst nur im Vorbeihuschen sehe – und einige mehr!

 

Heute nun fahren wir von Ocozocoautla – da muss man zwei mal lesen, gell? – wieder runter ans Meer, zur Pazifikküste. Obwohl es ‚nur’ 480 km sind, brauchen wir für die kurvenreiche Strasse fast 9 Stunden. Aua mein AA-llerwertester! Heute Abend brauchen wir ganz bestimmt keine Zikadenmusik zum Einschlafen!

 

Nun sind wir doch zwei Tage hier in Puerto Angel geblieben und haben das Mexikanische Meeresschildkröten Forschungs- und Zuchtprogramm Center im Nachbarort besucht. Wir können einige schöne Bilder von diesen faszinierenden Tieren machen. Leider leben sie aber in künstlichen Becken und in Aquarien und es stand auch niemand zur Verfügung, der uns über die Aufgaben und Ziele dieser Organisation Auskunft geben konnte. Eigentlich schade, für uns wäre eben gerade das sehr interessant gewesen. Leider hat dieser Besuch unsere Erwartungen nicht erfüllt.

 

Heute am dritten Tag müssen wir den ganzen kurvenreichen Weg wieder zurück. Obwohl es auf der Strassenkarte aussieht, als würde man meistens am Meer entlangfahren, haben wir dieses auf der Herfahrt nur 3x kurz gesehen. Sonst führt die Strasse durch hügeliges, eher langweiliges und verfilztes Buschland. Viel Grün, ohne eine wirklich schöne Aussicht.

Die letzten zwei Tage waren recht bewölkt, aber es hat nicht mehr geregnet und das langweilige ‚Grünzeug’ hat sich in bunte Flickenteppiche verwandelt! Ganze Hügel sind mit weissen, gelben, blauen, violetten und pinkfarbenen Bäumen, Büschen und Blumen überzogen. Es sieht aus wie bei uns im Frühling. Zusammen mit dem ausgebliebenen Regen ein sicheres Zeichen für die kommende Trockenzeit. Was für ein Genuss nun durch diese farbenfrohe – noch vor 3 Tagen so langweilige – Hügellandschaft zu fahren!

Seit einer halben Woche stehen wir nun schon am kilometerlangen blitzsauberen Strand der Playa Azul in der Nähe von Salina Cruz. Hier geniessen wir nicht nur die herrliche Natur. Es kommen auch zu jeder Tages- und Nachtzeit Meeresschildkröten zur Eiablage an den Strand. Ein grossartiges Erlebnis! Sie lassen sich durch unsere Anwesenheit überhaupt nicht stören. Leider wissen das aber auch die hier lebenden Menschen. Sie setzen sich einfach dazu und nehmen die Gelege - manchmal schon während des Legevorgangs - aus. Für uns ein sehr trauriger, kaum auszuhaltender Anblick. Die Wirtin unseres kleinen Strandrestaurants bittet uns um Nachsicht: "Die Menschen  hier haben keine Verdienstmöglichkeiten. Sie müssen von dem wenigen leben, was die Natur hergibt. Aber auch sie müssen hin und wieder Einkaufen. Für ein Gelege  bekommen sie 150 Pesos (umgerechnet etwa 15 Franken). Für viele der einzige Verdienst." Wir haben wirklich nicht das Recht zu urteilen. Tragisch ist nur, dass sie mit ihrem Handeln nicht nur die Tierart gefährden, sondern sich - im wahrsten Sinn des Wortes - auch ihre eigene Existenz untergraben. Trotzdem beschliessen wir, zusammen mit Margit und Jörg die wieder zu uns gestossen sind, den Strand regelmässig abzugehen und verräterische Spuren weg zu wischen um so wenigstens einige Gelege zu retten. Sonst aber geniessen wir einfach nur das faule Leben am Strand und weil es soo schön ist, verlängern wir unseren Aufenthalt in Mexico noch um zwei Tage. Dann aber gehts weiter nach Guatemala.