El Salvador

Nun sind wir schon zwei Tage in der Nähe von Acajutla am schwarzsandigen Pazifikstrand. In unserem Rücken, kaum erkennbar zwischen den Palmen, steht ein Hotel. Wir werden freundlich willkommen geheissen und eingeladen, die Anlage mitzubenutzen. Wir kommen  dieser liebenswürdigen Aufforderung gerne nach, auch weil wir die einzigen ‚Gäste’ sind. Hier wollen wir uns ausruhen von den letzten Reisetagen und einfach nur nichts tun. So arbeiten die Männer am Motor unseres Van, es werden Haare geschnitten, Wäsche gewaschen, Fotos bearbeitet, Reiseberichte geschrieben, im Meer geschwommen, lange Spaziergänge am Strand gemacht und den wunderbar süffigen Pinacolada genossen, den uns eine Angestellte des Hotels mixt. – Eben – einfach nur Faulenzen und die herrlichen Sonnenuntergänge geniessen! 

 

Heute am 30.10. fahren wir in die Berge von El Salvador. Unser Ziel ist das Kaffee-

Anbaugebiet um Santa Ana. Auf der Ruta de las Flores haben wir wunderschöne

Aussichtspunkte auf die bepflanzten Hänge. Immer wieder durchfahren wir kleine gepflegte Dörfer, werden bei jedem Halt von Menschen angesprochen und bekommen gute Tipps. Sowohl Kinder wie Erwachsene begegnen uns mit grosser Hilfsbereitschaft und ohne Umschweife ist man in fröhliche, mit viel Gestik unterstrichene Gespräche verwickelt. Sie freuen sich über den Besuch der von so weit her den Weg zu ihnen gefunden hat. Auch wenn sie nur zwei Worte englisch können, werden sie immer wieder eingeflochten um uns eine Freude zu machen. Sehen sie doch an unserem Auto, dass wir aus Canada kommen. Fast ungläubig sind die Blicke, wenn sie hören, dass wir Schweizer und aus Europa sind. Für viele ist das unvorstellbar weit weg. An der Plaza Central in Ahuachapan haben wir einen guten Schlafplatz gefunden und sind gespannt, was uns der morgige Tag bringt.

 

Heute Morgen um 5.°°Uhr wird die Madonna aus der Kirche und mit einer kleinen Prozession durch die Strassen von Ahuachapan getragen. Dabei wird sie mit Böllerschüssen und Krachern in den Quartieren angemeldet. Weil wir direkt bei der Kirche stehen, ist an Schlaf nicht mehr zu denken.

In einem der Gespräche gestern Abend haben wir von der Kaffeeverarbeitungs-Genossenschaft ‚Beneficio San Miguel’ erfahren. Heute Morgen fragen wir bei der Polizei nach dem Weg. Am schwer bewachten Tor werden wir freundlich begrüsst und der Wachsoldat erklärt uns den Weg zur Oficina, wo wir um Besuchserlaubnis fragen. Nach einigen Telefonaten wird das Tor geöffnet und wir werden vom zuständigen Leiter durch die Anlage geführt und bekommen nicht nur Informationen über die verschiedenen Qualitäten und den ganzen Verarbeitungsprozess, sondern dürfen danach auch den Kaffee probieren. Zusehen können wir von der Anlieferung über die Trocknung bis zur Röstung. Im Verkaufsbüro wird uns ein Herr vorgestellt der sich bereit erklärt, uns zu einer Finka zu begleiten. Er stellt uns da vor und man ist bereit uns durch die Kaffeeplantage zu führen. In der fast zweistündigen Wanderung erfahren wir, dass hier auf 1450 Meter über  Meer hauptsächlich drei Kaffeesorten in Mischkulturen angepflanzt werden. Hohe Hecken umschliessen etwa 200 Quadratmeter grosse Pflanzungen um die Kaffeebohnen vor dem starken, kalten Wind zu schützen. In der Mitte steht ein Schatten spendender Baum und wir erfahren, dass ohne diesen der Ertrag viel kleiner ist. Eine Nummer am Baum hilft bei der Einteilung der Arbeit. So heisst es z.B. „Du machst im Feld Nummer 237 dieses oder jenes“. Mit sichtlichem Stolz erzählt uns unser Begleiter von den Aufgaben eines Kaffeebauern und alle unsere Fragen werden mit Freude beantwortet. Als zweites Standbein wird hier eine kleine Gärtnerei betrieben, wo nicht nur junge Kaffeebäume gezogen werden, sondern auch Blumen bis hin zu Orchideen. Es ist wunderschön hier und wir verabschieden uns erst nachdem wir eine kleine ‚Zvieripause’ genossen haben.

Ein Nagel im Vorderrad und das Suchen nach einer Gastankstelle nimmt noch ziemlich viel Zeit in Anspruch. So sind wir froh, dass wir bei einem Einkaufszentrum in Chalchuape für die Nacht stehen dürfen. Der Parkplatz wird nach Ladenschluss zugesperrt und die Polizei macht regelmässig Kontrollgänge. So fühlen wir uns sicher aufgehoben.

 

Weiter geht die Fahrt zum Lago Cuatepeque, dem 6 km grossen Kratersee eines erloschenen Vulkans. Im Centro de Obrero dürfen wir direkt am See unter grossen Bäumen stehen. Hier geniessen wir das ruhige Wochenende über Allerheiligen.

 

Am 3. November machen wir uns auf den Weg nach Suchitoto, einem kleinen verschlafenen Ort am Lago Suchitlan. Plötzlich blinkt Jörg der uns vorfährt und parkt am Strassenrand. Wir stehen direkt am Eingang eines Friedhofes. Links und rechts des Tores haben sich Frauen niedergelassen und verkaufen ihre bunten Kunstblumenkränze. Jungs stehen mit Hacken da und bieten uns ihre Dienste an. Sie wollen das Grab unserer Lieben auffrischen. Einige Grabsteine werden frisch gestrichen. Die meisten Gräber wurden aber auf Allerheiligen schön gemacht. Kein Grab gleicht dem Anderen. Es gibt wohl kaum Farben oder  Baustile die hier nicht zu finden sind. Alles leuchtet in den schönsten Farben und die bunten Blumengestecke lassen fast vergessen, dass wir hier an einem Ort der Trauer sind. Es erstaunt uns darum überhaupt nicht, dass auch heisse Würstchen, Getränke und Eis verkauft werden. Was für ein Unterschied zu dem tristen Einerlei auf unseren Friedhöfen!

Durch enge Kopfsteinpflasterstrassen fahren wir zum Hauptplatz des Ortes. Hier fühlen wir uns fast wie in Spanien. Gesäumt wird die Plaza von bunten Häusern aus der Kolonialzeit und einer grossen weissen Kirche. Ein Riesenrad und schon abgebaute Marktbuden sowie einige Stände zeigen, dass Allerheiligen auch für die Lebenden ein Festtag ist. Wir fahren runter zum See, wo wir in der Anlage des Ecocentros einen Standplatz für die Nacht erhalten. Wir sind frühzeitig hier angekommen. Nach einer Kaffeepause fahren Margit und Jörg noch einmal ins Dorf. Wir entschliessen uns für eine Bootstour auf dem Lago Suchitlan. Hier erfahren wir, dass der Stausee 1974, ein Jahr nach der Fertigstellung der Staumauer, seine heutige Grösse erreicht hat. Dabei sind einige Dörfer überflutet worden. In der Trockenzeit sinkt das Wasser so tief, dass einige Mauerreste wieder zum Vorschein kommen. Heute leben viele Menschen hier vom Fischfang. Diesen Beruf mussten sie damals aber erst erlernen. Uns fallen die vielen Wasserhyazinthen auf, die kleinere und grössere Inseln bilden. Der Bootsführer meint dazu:   „ Die sind ein echtes Problem. In der heissen Trockenzeit vermehren sie sich so stark, dass man das Wasser nicht mehr sieht und wir unsere Arbeit einstellen müssen. Schauen sie sich das Ufer genau an. Hier haben die Pflanzen die Einmündung des Flusses der aus Nicaragua kommt, vollkommen verwachsen“. Beim Wenden scheucht er viele Vögel, hauptsächlich verschiedene Reiher und Kormorane, auf. Bei der Rückfahrt zeigt er auf einen grossen Gebirgszug der die Grenze zu Honduras bildet und erzählt weiter, dass hierher viele Pelikane aus Kanada zum Überwintern kommen.  Wieder zurück setzen wir uns ins Strandrestaurant, wo wir für das Nachtessen mit Vorspeise, Getränke und anschliessendem Dessert nur 28 US$ bezahlen. Inzwischen sind auch Margit und Jörg wieder zurück und wir beschliessen den Abend mit einem gemütlichen Beisammensein.

 

Heute fahren wir zu einer Mayasiedlung die bei einem Vulkanausbruch zugedeckt wurde. Joya de Ceren wurde per Zufall beim Bau einer Siloanlage entdeckt. Die Unesco hat sie ins Weltkulturerbe aufgenommen. Das Besondere an diesem Ort ist, dass es sich hier nicht um eine Tempelanlage handelt, sondern um eine Wohnsiedlung die bei 14 Eruptionen eines Vulkans vollständig mit Asche bedeckt wurde. Dadurch sind viele Informationen für die Nachwelt erhalten geblieben. Bis heute sind erst 1-2% ausgegraben worden, die aber schon jetzt einen guten Einblick in das Alltagsleben des Mayavolkes geben. Auf einer interessanten Führung werden wir über die damalige Zeit informiert. Die Häuserreste sind oft nur noch in den Grundmauern erhalten und mussten zum Schutz vor dem Wetter überdacht werden. Trotzdem weiss man heute, dass zum Beispiel in einem Haus eine Medizinfrau  gelebt hat und dass daneben ihr Zeremonienhaus stand. Wir wundern uns doch ein wenig, wie man solche Aussagen machen kann und bekommen nun einen Einblick in die Arbeit der Archäologen, wie sie – einem Buzzle gleich - die Fundgegenstände zusammensetzen und so ihre Rückschlüsse ziehen können. Unsere junge Begleiterin weiss auch viel über die Pflanzen zu erzählen die in der Anlage wachsen und schon damals von den Maya genutzt wurden. Ein wirklich lohnenswerter Besuch.

Nach einer Kaffeepause fahren wir an San Salvador vorbei in Richtung San Vicente, wo wir heute Nacht schlafen wollen. Unterwegs machen wir einen kurzen Halt in Cojutepeque wo wir die Madonnenstatue  von Fatima besuchen. Auf unserer Fahrt durch El Salvador sind wir immer wieder angenehm überrascht über die Sauberkeit  und die freundliche Hilfsbereitschaft der Menschen. Auf unsere Frage nach der Sicherheit erhalten wir immer wieder die Antwort: “Hier bei uns ist es Sauber und Sicher. Die Kriminalität ist verschwindend klein. Seien Sie aber vorsichtig in und um San Salvador und im Osten des Landes“. Mit einem leisen Schmunzeln hören wir diese Aussagen. Wer würde schon zugeben, dass es bei ihm nicht sicher ist? Nun sind wir aber in dieser Gegend unterwegs und verstehen was man uns sagen wollte. Der Unterschied ist wirklich frappierend.  Überall liegt Abfall herum. Die Dörfer sind armselig, schmutzig und heruntergekommen. Wer hier aufwächst hat wohl nur wenig Chancen auf  ein besseres Leben. Die nahe Grossstadt weckt aber Wünsche und wir können uns gut vorstellen, dass man sich dann halt nimmt, was man sonst nicht erhalten kann. Zum ersten Mal in diesem Land werden wir auch angebettelt und auf den Märkten ist nichts mehr zu spüren von der Zurückhaltung die uns bis jetzt so angenehm aufgefallen ist. Hier begegnen uns auch wieder öfter die Ochsenkarren und auf den Pannenstreifen der breiteren Strassen werden die Maiskörner zum Trocknen ausgelegt. Wir sind darum froh, dass wir in San Vicente in einer Badeanlage übernachten dürfen. Sie wird in der Nacht abgeschlossen und Polizisten  sind zur Bewachung eingeteilt. Bei unserer Ankunft will man von uns 40US$ als Übernachtungsgebühr. Nach einiger Diskussion dürfen wir aber gratis nächtigen – und sogar die Toiletten benutzen.

 

Auf unserer Weiterfahrt sehen wir schon von weitem rauchende Berghänge. Ob das eventuell Fumarole sind? Natürlich sind wir  neugierig genug und fahren hin – stehen tun wir dann vor einem geothermischen Kraftwerk. Na ja, hätte ja sein können! Aber nun sind wir auf enger Strasse ziemlich steil den Berghang hochgefahren, geniessen eine tolle Aussicht – und lesen bald darauf, dass wir in Berlin sind! Ups, ist uns da bei einer Abzweigung ein Fehler unterlaufen? Der kleine Ort ist aber wenig vertrauensvoll und wir entschliessen uns den Mittagskaffee ein Stück weiter in Alegria zu geniessen. Am frühen Nachmittag erreichen wir Santa Rosa. Ein wenig anmächeliger Ort nah an der Grenze zu Honduras. Wir sind froh, dass wir beim Polizeiposten schlafen dürfen. Eine schöne Plaza mit Blick auf viele Schuhgeschäfte und ebenso viele Apotheken mildert den eher negativen Eindruck. Es sind nur noch 15 km bis nach Honduras.