Transcanada Hwy - Niagarafälle

Heute haben wir die USA in Richtung Medicine Hat verlassen. An der Grenze wurden uns die grünen Karten der Aufenthaltsbewilligung aus den Pässen genommen. Wieder fahren wir vorwiegend durch Farmland. Unterwegs werden wir auf ein altes Windmühlenmuseum aufmerksam gemacht. Wir sind im Land der Amisch Leut, Hutterer und Menoniten. Vielleicht bekommen wir in diesem Museum einen Einblick in ihr Leben? Also ab nach Etzikom. - Leider ist das Museumsgebäude seit Anfang September geschlossen und es ist niemand zu sehen der uns vom Leben hier erzählen könnte. Aber der Park ist offen, so dass wir die alte Windmühle und viele alte Feldmaschinen anschauen können. Hanspeter's Bauernherz lacht, während ich vor allem die warme Sonne geniesse und über eine grosse Eule mit ihren Federohren staune. Es sollte heute nicht die letzte sein. Zusammen mit Fuchs und Koyote sind sie wohl Freunde der Farmer. In diesen Ebenen mit ihren Feldern und Prärien muss es ja von Nagern nur so wimmeln. Wir fahren weiter durch das Grasland der kanadischen Prärien zu den dicht bewaldeten Cypress Hills und zum rekonstruirten Fort Walsh National Historic Site. Dieser Stützpunkt der kanadischen Mounties liegt idyllisch in der Landschaft eingebettet und entspricht perfekt einem Palisadenforts aus dem wilden Westen. Wir werden von den Mounties auch herzlich empfangen. Aber dann heisst es:"Sorry, seit gestern ist das Fort geschlossen, keine Führungen mehr." Ein Tag zu spät zu kommen ist schon ziemlich hart. Unsere Entäuschung steht uns wohl ziemlich deutlich ins Gesicht geschrieben. So lässt man uns gratis ins dazu gehörende Museum, so dass wir viel über die Geschichte erfahren und sie zeigen uns den Weg zu einer Anhöhe von wo wir einen tollen Blick aufs Fort haben.

Der weitere Verlauf des Trans Canada Hwy in Richtung Osten bietet wenig Abwechsung. Wir entscheiden uns darum zu einem Abstecher zum 90 Km nördlich gelegenen Riding Mountain NP. Seine Höhenzüge sind von nordischen Nadelwäldern bewachsen, die von Espenwald und im Westen von Prärien und Wiesen umschlossen sind. Je mehr wir zum östlichen Teil des Parks fahren umso besser erkennen wir die ersten Ausläufer der ostkanadischen Laubwälder. In beiden Waldtypen geniessen wir eine herrliche Wanderung. Hier herrschen -  wegen der vielen Espen und Lärchen die sich schon verfärben - die Farben gelb / grün vor. Zusammen mit den Herbstblumen in den Wiesen, den blauen Waldseen und der warmen Herbstsonne einfach eine Wohltat.

Auch heute, am 30. September fahren wir, wie schon seit Tage, durch riesige Ebenen. Teilweise Prärien, teilweise Viehzucht, Milchwirtschaft, oder an Getreidefarmen vorbei. Uns begegnen riesige Vogelzüge und in den Feldern ruhen hunderte von Kanadagänse die in den Süden ziehen. Die Nächte sind jetzt deutlich kühler. Auch wir fahren jetzt grössere Abschnitte um vorwärts zu kommen. Unser heutiges Ziel heisst Thunder Bay am Lake Superior. Hier besuchen wir das Terry Fox Monument. Mit 18 Jahren verlor er, auf grund eines Krebsleidens, ein Bein. Um Lebensmut zu demonstrieren startete er den Maraton der Hoffnung und sammelte dabei 24 Millionen Dollar für die Krebsforschung. Sein Lauf sollte ihn von Neufundland quer durch Kanada bis Vancouver führen. Hier in der Nähe von Thunder Bay musste er seinen Lauf, nach 143 Tagen, abbrechen. Solche Aktionen sind hier nichts aussergewöhnliches. Auch uns sind schon wiederholt Läufergruppen begegnet an deren Begleitfahrzeug ein Plakat darauf hinweist, wofür sie Spenden sammeln. So nahm am Anfang kaum jemand Notiz von dem jungen Mann. Je weiter er aber mit seiner Prothese lief, umso bekannter wurde er und auch die Medien wurden auf ihn aufmerksam. So wurde der tapfere junge Mann am Ende einer Tagesetappe mit regelrechten Volksfesten empfangen. Er wurde nur 22 Jahre alt. Aber heute noch finden in ganz Kanada Gedenkläufe statt. Ein Gipfel der Rocky Mountains trägt seinen Namen und er wurde mit zwei Briefmarken und der Prägung einer Ein -  Dollar Münze geehrt. Wir gehen zu seinem Denkmal weil wir hier einen fantastischen Blick über Thunder Bay und auf den Lake Superior haben - und sind tief beeindruckt von der Energie die von der Broncestatue ausgeht. Ich schaue hinauf zu diesem äusserlich vor Gesundheit strotzenden Burschen und es kommt Wut auf und die Frage: Warum?! Schaue ich ihm ins Gesicht ändert sich aber das unnütze "warum" in ein antwortgebendes; wozu? Bis heute, 27 Jahre nach seinem Tod, stehen die Leute hier vor einer grossartigen Naturkulisse - und schauen tief beeindruckt zu dem jungen Mann hoch. Es ist ruhig hier. Wie in einer Kirche wird geflüstert, wärend unter uns der Verkehr auf dem Trans Canada Hwy vorbei rauscht.

Heute am 4. Oktober besuchen wir den Quimet Canyon NP. Eine Rundwanderung führt uns zu zwei Aussichtsplattformen auf senkrechten Felswänden aus Basaltsäulen. Die Schlucht ist 100 Meter tief und auf Grund ihrer Lage fällt kaum Sonne bis zum Boden. In diesem kühlen und feuchten Klima hat sich eine Pflanzenwelt entwickelt, wie sie sonst nur 1000 Km nördlich in der Arktis zu finden ist. An einer freistehenden Basaltsäule ist deutlich ein Mensch zu erkennen. Auf einer Tafel lesen wir die Sage von einem Riesen der sich in ein Indianermädchen verliebte und sie zur Frau nahm. In seiner Abwesenheit wurde sie entführt und getötet. Auf der Suche nach der Häuptlingstochter spürten die Ojibwe - Indianer unter ihren Füssen ein Zittern und Grollen und sie gruben einen tiefen Graben (der heutige Quimet Canyon) und fanden die Tochter und begruben sie hier. Aus ihrem Körper sind, nach der Sage, seltenen und wunderschönen Blumen gewachsen. Der Riese aber starb nach seiner Rückkehr am Schmerz der verlorenen Liebe. Von den Führern des Indianerstammes wurde er in Stein verwandelt und in den Canyon gestellt, wo er für alle Zeit auf das Grab seiner Geliebten schauen kann.    - Ehrlich - hättet Ihr eine so romantische Geschichte, den von vielen Filmen her so blutrünstig und bösartig dargestellten Wilden zugetraut? Im Lake Superior liegt eine grosse Halbinsel. Das ist eine weitere Legende des zu Stein gewordenen Nanabijou in Gestalt eines schlafenden Riesen.

Unsere heutige Fahrt bringt uns nach Sault St. Marie. Dabei machen wir Zwischenstops an Traumstränden am Lake Superior, geniessen die berauschenden Farben des Indiensommers, besuchen kurz den Geburtsort von Winnie the Pooh in White River und schauen in Wawa rein, das mit den riesigen Wildgänsescharen wirbt die hier auf ihrer grossen Flugreise im Frühling und Herbst eine Ruhepause einlegen.

Via Sudbury, wo wir bei einer Untertageführung die Förderbautechniken verschiedener Bergbauepochen kennen lernen, erreichen wir unser heutiges Ziel nahe den Niagara Fällen. Leider ist es stark bewölkt und Regen und Sonne stehen im Wettstreit. Weil es auch noch Abend wird ist die Sonne deutlich im Nachteil und wir hoffen auf Morgen.

Heute ist der 10. Oktober und wir freuen uns über das schöne Wetter. Wollen wir doch zu den berühmten Niagarafällen. Obwohl wir nur 10 Km entfernt "wohnen", ist der Himmel bei unserer Ankunft schon wieder stark bewölkt. Hier auf der amerikanischen Seite ist ein schöner Park angelegt, in dem wir zu Fuss bis zu den Abbruchkanten aller drei Fälle gehen können. Nach einem ersten Blick in die Tiefe hält uns nichts mehr und wir wollen unbedingt zu den Booten, die wir tief unten in der Gischt des Horseshoe Falles verschwinden sehen. Der Weg zur Anlegestelle führt uns zum Observation Tower, einer über den American Falls ragenden Aussichtsplattform. Von da mit dem Lift runter, werden wir erst mal in Plastik verpackt. Dann stehen wir am Fuss des Bridalveil Falls, also des Brautschleierfalls. Den Weg hinein, in Nässe und Gischt, nehmen wir uns nach der Bootstour vor. Mit der kleinen, aber starken Barkasse fahren wir mitten in den kanadischen "Hufeisenfall", dem eigentlichen Niagarafall. Hier donnert das Wasser im Halbkreis aus 54 Meter Höhe zu uns herab und die Gischt und der Wind nehmen mir zeitweise die Sicht, was aber nur die anderen Sinne um so mehr verstärkt. Ein unglaubliches Erlebnis! Trotz Plastikschutz kommen wir ziemlich durchnässt wieder zurück - nur um im Brautschleiernebel, auf amerikanischer Seite,  zu Fuss in der Gischt zu verschwinden. Jetzt könnte es aus Kübeln regnen, nässer gehts nimmer! Zum Glück ist es trotz starker Bewölkung nicht so kalt. So hilft uns der leichte Wind  auf unserem Weg zur "Ziegeninsel"  beim trocknen - nur um da noch einmal im Regen  an der oberen Kante des Horseshoe Falles  zu stehen. Der starke Aufwind treibt die Gischt in Höhe und lässt sie als Regen auf uns nieder prasseln. Trotz der starken touristischen Vermarktung  haben wir heute ein tolles Naturerlebnis genossen.

Nach dem wir nun erneut die amerikanische Aufenthaltsbewilligung für 3 Monate haben, wollen wir noch einmal nach Kanada zurück. Um via Toronto, Quebec und Montreal Halifax zu besuchen. Von da wären wir wieder zurück via Bosten nach New York. - Wären wir - aber der Wetterbericht vom äussersten Osten Kanadas ist sehr schlecht. In Halifax nur noch 7°C und stürmische Winde. Von Fränzi und Martin erfahren wir, dass in Whitehorse bereits Schnee liegt und die meisten Campingplätze haben seit Ende September geschlossen. Zu ungemütlich für uns - sehen wir doch auf der Wetterkarte, dass Boston und New York mit Sonne und 20°C strahlen. Wir entschliessen uns darum, nun entgültig den Kanadagänsen in den Süden zu folgen.