Portugal Sud

Heute fahren wir von Tarifa ca. 500 km durch zum südwestlichsten Zipfel des europäischen Festlandes. In der Nähe von Lagos haben wir einen schönen Campingplatz gefunden. Sogar mit Internet. Nach der langen Fahrt geniessen wir am nächsten Tag einen Ruhetag und nutzen die Internetverbindung um mit Familie, Freunden und unserer Homepage Kontakt aufzunehmen.  Wir haben viel über Andalusien zu erzählen. Dank Christian können wir unsere Eindrücke auch mit einigen Fotos dokumentieren. Eine schwere Auswahl! Wir entscheiden uns für 13 Bilder von insgesamt fast 190. Ausserdem ist die Wäsche wieder einmal fällig. So vergeht der Tag zwar ausgefüllt mit diversen Pflichten, aber ohne Hektik.

Den heutigen dritten Tag in Portugal wollen wir an das geschichtsträchtige Kap bei Sagres und zum Leuchtturm Sao Vicente, der auf schroffer Klippe Wind und Wetter trotzt. Es ist einer der lichtstärksten Leuchttürme Europas, der Signale mit einem Lichtstrahl bis zu 95 km Reichweite für eine dieser grossen Seeverkehrsstrassen gibt. Wir fahren erst um 15.oo Uhr los zum Einkaufen, nehmen uns noch Zeit die Klippenlandschaft zu bewundern, geniessen dann direkt unter dem Leuchtturm einen feinen Znacht - und schon geht es gar nicht mehr sooo lange bis zum traumhaften Sonnenuntergang  im Meer. WOW! Warum dieser Sonnenuntergang etwas besonderes ist? Weil wir damit gleichzeitig den Sonnenaufgang in Amerika sehen!

17. 5.: Heute machen wir wieder einen Abstecher ins Landesinnere und fahren durch eine Berglandschaft nach Norden. Fast in der Mitte zwischen dem Atlantik und der spanischen Grenze, aber noch im Suedportal Portugals, gibt es einige Stauseen. An einem kleineren davon hoffen wir auf ein schönes Plätzchen. Es gibt nur wenige Siedlungen, die dann auch weit auseinander liegen. An den älteren Wohnhäusern fallen die hohen Kamine auf, die uns mit ihren runden Abschlüssen an kleine Minarette erinnern. Wir fahren in den weiten Hochebenen an grossen, zum Teil schon geernteten, Kornfeldern vorbei. Einmal werden unsere Augen von einer dicken Rauchfahne angezogen. Wir sehen Männer und Hanspeter meint, dass die wohl die Stoppelfelder abbrennen. Es geht ein heisser Wind und so weit das Auge reicht, Kornfelder und ausgedoerrte Wiesen! Noch während wir über die Gefährlichkeit rätseln, kommt uns schon ein Feuerwehrauto und kurz danach auch die Polizei entgegen. Was immer das Feuer entfachte, es scheint doch nicht so harmlos zu sein. Immer mal wieder sehen wir Hirten die mit ihren Schafherden durch das trockene Land ziehen. In der Nähe der Seen begegnen uns Kuhreiher und in jedem Storchennest sind 2 schon fast flügge Storchenjungen. Vorbei an Oliven- und Pinienhainen finden wir unseren Traumplatz im Schatten einer alten Steineiche am Barracem de Odivelas.

20. 5: Nach zwei faulen und heissen Genusstagen ( bis 35 Grad C.) ist es heute bewölkt und kühler. Wir beschliessen den Besuch von Beja. Dieser Ort steht auf einem Hügel in der flachen, fast baumlosen Ebene und gilt als Zentrum eines grossen Weizen- und Olivenanbaugebietes. Die Burg ist schon von weitem zu sehen. Auch das mittelalterliche Altstadtviertel mit den engen Gassen und einigen historischen Gebäuden und grosszügigen Plätzen, ist gut erhalten. Erwähnenswert ist das im 15, Jahrhundert gebaute Kloster, das heute ein Museum ist. Bekannt wurde es auch wegen einer Romanze, die eine Ordensfrau mit einem französischen Rittmeister gehabt haben soll. Die Liebesbriefe die man ihr zuschrieb, gingen um die Welt. Auch Rainer Maria Rilke hat sie 1913 mit dem Titel "Die Liebesbriefe einer portugiesischen Nonne" ins Deutsche übersetzt. Die Burg ist auf einer römischen Festung gebaut. Ein römischer Torbogen ist noch besonders gut erhalten. Der 40 m hohe Burgfried ist der höchste in ganz Portugal. Ueber einen engen Treppenaufgang kann man vom Innenhof hinaufsteigen und hat ein schönes Panorama über die Stadt und das weite Umland. Ausserhalb der Altstadt fasziniert uns die Kapelle Ermida de Santo Andre, die durch ihre 12 Rundtürme wie eine kleine Festung wirkt. Sie wurde 1162 zur Erinnerung der Befreiung von der maurischen Herrschaft errichtet. Leider ist sie verschlossen. Am Nachmittag haben wir noch Zeit und wir beschliessen nach Moura zu fahren. In dieser Region wird hauptsächlich Weisswein angebaut und - was uns besonders interessiert - es soll hier eines der grössten Photovoltaik -Zentren der Welt geben, das Energie für 250 000 Haushalte liefert. Von Einheimischen werden wir sehr wortreich, begeistert und liebenswuerdig in zwei entgegengesetzten Richtungen gewiesen - und finden nichts. Entschädigt werden wir aber durch die wunderschöne Landschaft und eine Fahrt die uns z.T. über Naturstrassen ins Herz von Portugal - und in unseres - führt.

22.5: Nach einem weiteren Ruhetag an "unserem" See sind wir heute losgefahren mit dem Ziel, die Bezirksstadt Evora zu besuchen. Sie gilt als eine der malerischsten Städte Portugals und ist 1986 von der UNESCO auf die Liste mit besonders schützenswerten Kulturobjekten gesetzt worden. Eine Sonderstellung nimmt sie auch als Erzbischofs- und Universitätsstadt ein. Die meisten Sehenswürdigkeiten - alle auf kurzen Fusswegen gut zu erreichen - liegen innerhalb der Altstadt, umgeben vom gigantischen Stadtmauerwerk. Uns interessieren vor allem die Kathedrale aus massivem Granit. Das Hauptschiff misst 70m und gehört damit zum grössten Gotteshaus Portugals. Der Bau dauerte 200 Jahre und man kann deutlich die unterschiedlichen Baustile erkennen. Das Dach mit seinen wehrhaften Zinnen ist über eine enge Wendeltreppe zugänglich. Auffallend sind die zwei Kirchtürme. Sie unterscheiden sich in vielen Details, sind assymetrisch platziert, unterschiedlich gross und tragen verschiedene Kuppeln. In der Sakristei ist ein eindrückliches Museum das den Kirchenschatz zeigt. Darunter eine Madonnenfigur aus Elfenbein die geöffnet werden kann. Das Innere zeigt, präzise geschnitzt, Marienszenen. Eine weitere Kostbarkeit ist ein Reliquienkreuz, reich mit Diamanten und Edelsteinen besetzt. Einzigartig in Portugal ist ein römischer Tempel, dessen historischen Wert man erst im 19. Jahrhundert entdeckte. Nach dem Palast des Grafen von Cadaval schauen wir noch kurz in den Universitätskomplex aus der Mitte des 16. Jahrhunderts hinein. Was uns aber auf dem Rückweg zum Camper ganz besonders fasziniert, ist die Kirche des heiligen Francisco mit der angeschlossenen Knochenkapelle aus dem 17. Jahrhundert. Wände, Decke und Pfeiler sind fast vollständig mit menschlichen Knochen ausgekleidet. Bisher sind die Gebeine von über 5000 Toten nachgewiesen. Ueber der Eingangstür ist eine Inschrift zu lesen, die sinngemäss besagt: "Wir Knochen sind schon hier; auf eure warten wir." Ganz schön gruselig!

Heute wollen wir weiter nach Lissabon. Im ganzen Alentejo-Gebiet werden wir immer wieder auf Monumente aus der Megalith-Zeit aufmerksam gemacht. Hier in Evora gibt es einen Rundkurs auf dem man an die verschiedenen Zeugnisse aus jener Epoche geführt wird. Die Dolmen und Menhire markieren oft Grabstätten und/oder dienten als Kultstätten und sind grossartige Zeugnisse einer vergangenen Kultur. Schon fast am Ende dieser Rundfahrt, die z.T. über gut befahrbare Naturstrassen führt, steht nur wenig abseits der Strasse eine winzige, weiss gekalkte Kapelle, die sichtbar einen Dolmen in ihre Bausubstanz einbezieht. Sowohl dessen Deckblatte als auch die aufrecht stehenden Seitensteine. Unter den Bögen eines Aquädukts hindurch führt der Weg zu einem Dolmen, der als der grösste seiner Art in Europa gilt. Leider wird das beeindruckende Bild dieser monumentalen Stätte durch eine Ueberdachung die die ganze Anlage vor Wind und Wetter schützen soll, beeinträchtigt. Ein weiterer Höhepunkt liegt mitten im Wald auf einer freien Fläche. Hier stehen zahlreiche grosse und kleine Menhire. Bis heute ist die Funktion dieser Stätte unbekannt. Einige deuten sie als wichtigen Versammlungsplatz, andere vermuten eine Art Observatorium aus vorchristlicher Zeit. Einmal mehr beeindruckt uns aber auch die Natur. Wir fahren durch grosse bewirtschaftete Korkeichenwälder, unterbrochen von Wiesen auf denen Pferde, Schafe und Kühe weiden. In allen Herden sind auch die Lämmer, Fohlen und Kälber bei ihren Müttern auf der Weide und die Kühe tragen ihre Hörner noch stolz wie eine Krone auf ihren Häuptern! Portugal gilt als Armenhaus Europas. Wir sind der Meinung, dass diese Aussage präzisiert werden muss. Das Land hat nicht so viel Geld - aber es ist unheimlich reich. Es bleibt nur zu hoffen, dass die verantwortlichen Personen bei der Aufholjagt ans übrige Europa nicht die selben Fehler begeht und Portugal all das verliert, nachdem wir "Reichen" uns so sehnen. Wir haben hier im Hinterland eine Natur entdeckt wie wir sie bei uns vor 50 Jahren hatten. Blumenwiesen in einer Fülle an Farben und Arten wie sie uns fremd geworden sind. Sogar den Fingerhut, Löwenmäulchen, Glockenblumen, Iris, Fresien und und und. Ich muss aufpassen, dass ich nicht in einen Fotorausch komme. Aber Hanspeter hat recht. Müsste er jedesmal anhalten, wären wir immer noch am Anfang unserer Reise. So begnüge ich mich mit den Aufnahmen einzelner Blumen - obwohl - ganze Hänge in blau, gelb oder pink doch auch sehr schöne Bilder gäben - oder?

 Da wir heute noch nach Lissabon wollen, heist es Abschied nehmen von dieser wunderschönen Region. Bald einmal wird die Landschaft weiter und eintöniger. Auf die Vielfalt folgen grosse Eukalyptuswälder. Weil dies schnell wachsende Bäume sind, die nach 20 Jahren schon gefällt werden können, sind sie für die Holzindustrie interessant. Allerdings enziehen sie dem Boden viel Wasser und verändern dadurch die Bodenbeschaffenheit für die einheimischen Pflanzen. So wird z.B. die Steineiche immer mehr verdrängt. Einerseits weil sie für den Eukalyptus abgeholzt wird, anderseits verliert sie durch den sinkenden Wasserspiegel ihre Nahrungsgrundlagen. In der grossen Tejo-Ebene gleicht die Landwirtschaft durch riesige Reisfelder und Aecker eher einer grossen Agroindustrie, die alsbald von grossen Fabriken und Industrieanlagen abgelöst werden. Das negative Bild wird noch verstärkt durch zwei Atomkraftwerke und trostlose graue, verschmutzte Wohnsilos. Eigentlich hat man nur einen Wunsch. Schnell weg hier - und nur eines lässt einem trotzdem weiter fahren: Die Aussicht, dass Lissabon eine schöne Stadt sein soll.