Nashville - Miami

Heute fahren wir von Nashville los, in Richtung Ostküste, zum Atlantik. Bis zu unserer Heimreise haben wir noch 5 Wochen. So nehmen wir uns viel Zeit, bis wir am 26. November in Charleston ankommen. Nun haben wir entgültig das tropische Klima erreicht. Die bunten Herbstwälder werden immer mehr von Eichen, Pinien und Palmen abgelöst. In dieser Region wird noch viel über die grosse Südstaatenvergangenheit gesprochen und die Geschichte ist hier allgegenwärtig. In der Stadt sind noch viele alte Häuser mit ihren gusseisernen Balkonen, versteckte Gärten und üppig grüne Parks zu bewundern. Traumhafte Villen der ehemaligen Plantagenbesitzer können zum Teil besichtigt werden. Auf dem Markt am Fluss wurden die Sklaven verkauft und wir hören, dass ein Drittel der aus Afrika stammenden Schwarzen Nordamerikas durch Charleston geschleust wurden. Noch heute macht dieser Ort einen vornehmen Eindruck mit ihrer lebendigen, lässigen Atmosphäre. Besonders haben es mir  die Basket-Frauen angetan, denen man zuschauen kann wie sie auf dem Boden sitzend ihre Sweetgras-Körbe und -schmuckgegenstände flechten. Auf dem Rückweg zum Campingplatz fahren wir zur Angel Oak, einer mächtigen Eiche die auf 1400 Jahre geschätzt wird. Dieser immer noch lebende Baum wurde von Abraham Waight entdeckt, als er 1717 das Land kaufte. Von Generation zu Generation weitervererbt, bekam sie ihren Namen, als Martha Waight 1810 ihren Justis Angel heiratete. Alle diese Infos bekommen wir auf der Stadtrundfahrt die wir, wie meistens, am ersten Tag zur Orientierung mitmachen.

An unserem zweiten Tag sind wir zu Fuss unterwegs um den Ort auf unsere Weise zu erkunden. Wir entdecken kleine Gässchen mit Gaslaternen, feudale Herrschftshäuser, verwunschene Friedhöfe, traumhafte Gartenanlagen und in der Hauptverkehrsmeile erinnern uns die geschmückten Schaufenster, dass trotz Sommertemperaturen, Blumen und Palmen, bald Weihnachten ist. Wie meistens hier im Süden begleitet uns ein traumhafter Sonnenuntergang auf dem Heimweg. Unser Campingplatz liegt etwas ausserhalb an einem See und ist so romantisch unter Bäumen versteckt, dass wir uns entschliessen noch einen Tag hier zu bleiben. Aus dem Ruhetag wird dann allerdings nichts. Hier wohnen über die Wintermonate hunderte von Vögeln, auch die Kanadagänse die die ganze Zeit vor uns her geflogen sind treffen wir hier wieder. Aber auch Enten, Schwäne, weitere Gänsearten, verschiedene Reiher, Raubvögel bis zum Seeadler, Ibise, Störche, Kormorane, und und und. Heute Abend muss ich wohl mit angewinkelten Armen schlafen. Ich bin mir nicht sicher ob ich sie nach dem vielen Knipsen noch strecken kann.

Heute wollen wir Savannah kennen lernen. Sie gilt als eine der schönsten Städte der USA und ist nicht weit entfernt zur Grenze zu South Carolina. Das Herzstück dieses Ortes bildet das historische Viertel, in dem einige Filmszenen von "Fackeln im Sturm" gedreht wurden. Im Hafen stehen noch die Baumwoll-Lagerhäuser in denen die Weltpreise ausgehandelt wurden. In diesen Backsteinhäusern spuken angeblich bis heute die Geister der Sklavenhändler. Wir geniessen hier ein wunderbares kreolisches Reisgericht - und das einzige Gespenst ist die Statue von Marylin Monroe. Auf der Strasse zum Hafen dienen die Balaststeine ehemaliger Segelschiffe als Kopfsteinpflasterung. Einiges bequemer sind da schon die scheckigen Wege, deren Belag aus einer Mischung von Austerschalen und Zement besteht. Auf unserem Weg durch die Altstadt entdecken wir neben den herrlichen Villen, die den alten Süden verkörpern, auch schöne typische Holzhäuser und ein kleines rotes liebevoll restauriertes Haus, von dem wir erfahren, dass es das älteste Gebäude der Stadt sei und nur über einen einzigen Raum verfüge. Trotzdem sei es seinem jetzigen Besitzer 280'000.- Dollar wert gewesen. Für uns auffallend sind die vielen Kirchen. Nicht selten hat man drei bis vier im Blick. Noch bis in die sechziger Jahre war Savannah stark in die Bürgerrechtskampagnen involviert. So gab es zum Beispiel noch Strände, die für die Weissen reserviert waren und Schilder wiesen auf separate Toiletten für Farbige und Weisse hin. Trotz alledem - 1964 nannte Martin Luther King Savannah "Die für Farbige lebenswerteste Stadt südlich der Mason-Dixon-Linie, die als Grenze zwischen den Nord- und Südstaaten gilt. Ich muss gestehen - auch uns hat diese Stadt verzaubert.

Am 2. Dezember schreibe ich per SMS an die Familie und Freunde: Jupy wir sind in Florida! Kurz vor Jacksonville fahren wir den Statpark Little Talbot Island an, wo wir für drei Nächte buchen. Hier haben wir ein lauschiges Plätzchen unter Palmen und Eichen gefunden. Die zwei Tage hier sind Genuss pur. Bei Ebbe kommen riesige Austernbänke zum Vorschein und hunderte von Winkerkrabben können wir in Ruhe bei ihrem emsigen Treiben beobachten. Echsen huschen vorbei und "unser" Strand und die Sumpfwiesen werden von fliegenden Fisch-, Krabben- und Austernliebhabern besucht. Eine 4-Meilenwanderung durch den hier typischen Urwald führt uns zum Meeresstrand. Meilenweite Einsamkeit! Strandvögel, Muscheln, Stabschrecken und Pfeilschwanzkrebse sind unsere einzigen Begegnungen.

Am Klaustag fahren wir zur sogenannten Space Coast, dem Zentrum der US amerikanischen Raumfahrtindustrie. Nach dem die Abschussrampen auf dem Luftwaffenstützpunkt Cape Canaveral zu klein wurden, steht das Kennedy Spacecenter auf der benachbarten Merritt Island im Mittelpunkt der Nasa-Aktivitäten. Wir lassen uns einen ganzen Tag von der Technik begeistern. Besuchen das Apollo / Saturn V Center, fahren zur Spacestation, wo die internationale Raumfahrtvereinigung Raumfahrzeuge baut und erforscht. Beobachten in einer Rakentenleitzentrale den Start einer Rakete und auf dem Weg zum Visitor Center gehen wir im "Raketen - Garten" an verschiedenen Exponaten vorbei. Gegen Abend besichtigen wir ein Spaceshuttle und Hanspeter lässt es sich nicht nehmen sich in einem Startsimulator wie ein Astronaut zu fühlen. Für ihn ein echter Höhepunkt des heutigen Tages.

Nach so viel Technik wollen wir wieder zurück in die Natur. Am Lake Louis im Herzen von Florida erfahren wir, dass für die nächsten 2 Monate alle Campingplätze in den Stateparks ausgebucht sind. Jetzt entfliehen die Kanadier und Amerikaner der Kälte im Norden. Hier in Florida ist nun bei angenehmen 20° bis 30° Hochsaison. Weil wir in der Nähe von Orlando bleiben wollen, fahren wir nach St. Cloud zu einem KOA Campingplatz und beschliessen den heutigen Tag mit einem herrlichen Bad im Swimmingpool. Von hier aus können wir doch noch im Myakka River Statepark für neun Tage einen Standplatz reservieren.

Vorher aber wollen wir die Nähe zu Orlando nutzen um das Disney World zu besuchen. Unter den verschiedenen Temenparks entschliessen wir uns für die Disney - MGM - Filmstudios. Diese wurden 1990 nicht nur als Touristen- attraktion gebaut. Es sind funktionierende Filmstudios. Neben Bühnenshows werden auch Nervenkitzel, 3 D Filme, magische Disneyanimationen und eine Fahrt hinter die Kulissen der Filmproduktionen angeboten. Diesen Tag lassen wir uns zum Träumen und Staunen verführen und geniessen am Abend die grosse Mickey Parade. Müde von der grossartigen Fülle fahren wir nach Hause und freuen uns auf neun ruhige Tage im Myakka River Statepark, den wir morgen anfahren wollen.

Auf unserer heutigen Fahrt zum Myakka River sehen wir ein Hinweisschild: Manateebucht! Also schnell den Blinker betätigen und runter vom Highway auf eine Nebenstrasse. Sind wir doch von diesen geheimnisvollen Tieren, die wir aus Naturfilmen kennen, absolut fasziniert. Hoffentlich ist das Versprechen kein leeres und wir sehen zum 1.x Seekühe in der freien Natur. Am Ende der Strasse stellen wir unser Schnüfeli auf einem leeren Parkplatz ab und gehen auf einem Holzsteg durch ein Mangrovenwäldchen. So erreichen wir das offene Wasser - und da sind sie - eine ganze Herde! Was für ein Erlebnis! Dass wir nur einige Tage später auf einem Bootsausflug in den Everglades noch einer Seekuhmutter mit ihrem Jungen begegnen, macht unser Glück vollkommen! Jeder der schon einmal einem Delphin ins Auge schaute, kann unser Hochgefühl nachempfinden. Wir sind hell begeistert und tief berührt von diesen Tieren.

Im Myakka River Park haben wir wieder einen herrlichen Platz unter Palmen. Regelmässig haben wir Besuch, vom kleinen Singvogel zum Kranich, von Eichhörnchen, von Echsen über Varane bis zu Alligatoren. Sehr interessant sind auch die verschiedenen Angebote der Park Rancher. Mit ihnen fahren wir mit dem Propellerboot in die Sümpfe, machen eine Landsafari mit und treffen uns am Abend mit Taschenlampe und Feldstecher um den Sternenhimmel zu erkunden. Eigene Ausflüge in der Natur bescheren uns Begegnungen mit Wildschweinen, Waschbären und Co. Ein besonderes Erlebnis ist der Tree-Top-Walk. Ein Holzsteg in den Baumkronen an dessen Ende ein Turm über das Blätterdach des Urwaldes reicht, mit einem herrlichen Rundblick in die Ferne.

Viel zu schnell ist es der zwanzigste Dezember geworden. Mit Wehmut verlassen wir dieses Naturparadies. Wir müssen weiter nach Miami. Am 24. Dez. fliegen wir zurück in die Schweiz, wo wir von Familie und Freunden erwartet werden. Die nächsten Tage werden gefüllt sein mit Flug bestätigen, Einstellplatz suchen, Camper putzen, packen und und und.